Unterwegs - aber nicht alleine!

Windeck - Wiehl (24 km)

Es ist schon fast 21 Uhr als ich mit Schreiben beginne und mir fallen jetzt schon beinahe die Augen zu. Erst um 10 Uhr heute früh kamen wir von zu Hause los, ja "WIR"! Und das kam so:


Vom großen Clantreffen anlässlich meiner Verabschiedung hatte ich bereits berichtet. "Und alle, alle kamen sie, aus Roma und aus Napoli" mit Kind und Kegel. Bei sechs Kindern mit dem jeweiligen Anhang, fünf Enkelkindern und weiteren Freunden ( teilweise auch mit Kindern), wird die Lage irgendwie unübersichtlich - und in Phasen laut. Ich muss mir von kompetenter Seite noch einiges zur Handhabe von Handy und Tablet erklären lassen, zerbreche mir immer noch den Kopf, ob ich alles Notwendige eingepackt habe und denke außerdem über den nächsten Morgen nach. WDR Lokalzeit Bonn hat sich angekündigt, möchte von meinem Start und meiner Spendenaktion einen Dreh machen. Das alles wirft mich aber nicht um, dafür sorgt etwas anderes.


Wir sitzen gerade alle vor Gegrilltem und Salaten, als meine älteste Enkeltochter mich ganz mit Pokerface fragt: "Opa, wäre das nicht schön, wenn dich morgen ein paar von uns ein Stück begleiten?" Als ich erwidere, dass das ja wohl nicht gehe, weil man an einem Sonntag vielleicht auch noch was anderes vorhat und die vielen kleinen Kinder und so... und überhaupt... "Aber das werden fast alle von uns morgen machen!", erklärt sie mir verschmitzt, und als ich die grinsenden Gesichter der Kinder sehe, glaube ich es sofort. Lieblingstochter Annika legt nach: "Und ich komme die ganze Woche mit, bis wir das Ruhrgebiet hinter uns haben!" TRÄNENEINSCHUSS!!! Ich bin fassungslos, überwältigt, überglücklich, kann kaum noch was essen, ein dicker Frosch versperrt meine Speiseröhre. Mit sowas kann ich gar nicht souverän umgehen.


Als einige dann doch nach Hause fahren, die anderen sich in diverse Zimmer zum Schlafen verteilen, sitze ich noch eine Weile senkrecht in meinem Bett und finde es überhaupt nicht lohnenswert mich flach zu machen, weil ich sowieso nicht schlafen kann - glaube ich, bin dann aber sofort weg, als ich mich in die Horizontale begebe.


Eigentlich könnte ich bis 7.30 Uhr schlafen, aber eine Stunde früher treibt es mich aus dem Bett. Es ist der 26. März, der Tag meines Aufbruchs. Vorfreude und großer Respekt vor den kommenden Wochen ergeben an diesem Morgen eine verwirrende Mischung. So lange habe ich diesem Tag wieder entgegengefiebert, auf diesen Tag hingearbeitet. Jetzt heißt es wieder: Sich-auf-den-Weg-machen, Bekanntes und Vertrautes hinter mir lassen. Mit einem Ziel vor Augen. Ich will wieder in Erfahrung bringen, was dieser Weg mit mir macht. 


Doch erstmal wird gefrühstückt, mit allen, die noch da sind. Zur vereinbarten Zeit kommt der Redakteur vom WDR angereist, schaut uns auf die Teller und hält überall die Kamera drauf. Der Langzeitwanderer bei seinem vorerst letzten Frühstück zu Hause, im Kreise seiner Lieben. Wenn das keine Story ist! Dann noch letzte Sachen in Rucksack und Bauchgurt packen, die Wanderkarte zusammenklappen, Anorak an. Er kommt aus seiner Haustür, schließt sie hinter sich, schnappt sich seinen Wheelie, den Willi, verabschiedet sich von seiner Familie, den Nachbarn und Michelle, alle winken zum Abschied und der Wanderer entschwindet - allein. Aber das geht ja so nicht! Da wollen doch noch Kinder und Kindeskinder ein Stück des Weges mit!


Während der Herr Redakteur mit Michelle und ihrem Vater ein kurzes Interview macht und einen zusätzlichen Termin bei ihnen zu Hause vereinbart, komme ich nochmal zurück, warte bis mein Club bereit ist zum Abmarsch und dann endlich, um 10 Uhr, setzen wir uns in Bewegung. Aber gaaaanz langsam! Die Kleinen können halt nicht schneller, auch wenn sie gefahren werden, aber einige Große können oder wollen auch nicht schneller - warum auch? Die Sonne lacht von einem blauen Himmel, die Frühlingsblumen an der Oberen Sieg sind förmlich explodiert, einige Anstiege sind dabei, ein Pferd oder ein Esel werden ausreichend begrüßt und bewundert - wir können uns nicht so recht von der Heimat lösen. Es ist bereits 12.30 Uhr, da haben wir kaum ein Drittel der heutigen Strecke geschafft. Aber das ist mir vollkommen Schnurz, ich genieße es, mit dieser kleinen Karawane unterwegs zu sein.


Ich bin wieder Pilger. Erinnerungen kommen hoch, die großen Gefühle, die zwei lange Pilgerwanderungen 2013 und 2014 begleiteten. Ich fühle in mich hinein und alles, was ich finden kann, ganz tief in mir, ist ein Lächeln, das mich von innen anstrahlt. Guten Morgen, Welt, ich komme. 


Nach langer Vorbereitung eine Befreiung - gleichzeitig eine neue Last. Nicht nur das beladene Wheelie. Auch noch mein Tagesrucksack auf dem Rücken. Das alles muss mit. Was hätte zu Hause bleiben können, was lasse ich auf dem Weg, womit komme ich an? In Gramm kann ich das nicht umrechnen. Mit alledem, was die nächsten Wochen mein einzig Hab und Gut sein wird, bewege ich mich die ersten Meter, Kilometer...


Auf den Karten der Jakobswege sieht man, dass die einzelnen Routen wie kleine Wasserläufe im großen Trichter der Pyrenäen zusammenfließen, um dann nach Spanien zu strömen. Sie durchfurchen die ganze Oberfläche Europas. Ich "schwimme" gegen die Strömungsrichtung, hinauf zu einer der Quellen. 


Gerade weil es zunächst nicht so schnell vorangeht, genieße ich die Landschaft des Bergischen Landes, wir kommen vom Siegtal ins Bröltal - und dort muss ich mich auch von den letzten Teilnehmern unserer kleinen Expedition verabschieden. Für die ersten war bereits nach drei Kilometern in Altwindeck am Heimatmuseum Schluss, aber immerhin! Tränchen im Augenwinkel, aber ich bleibe tapfer.


Nur Anni mit ihrem kleinen, drei Monate alten Söhnchen Lenny bleibt bei mir. Mit dem winzigen Wurm vor dem Bauch geschnallt, zieht sie mit mir die Steigungen hoch, durch lichte Wälder und kleine Dörfer, wo der erste Osterschmuck schon in den Gärten prangt. Ich merke es ihr an, wie auch sie diesen Weg genießt und unendlich stolz auf ihren kleinen Jungen ist, der sich entweder mucksmäuschenstill und mit Riesenaugen die Welt ansieht, zufrieden vor sich hinbrabbelt oder selig an seine Mama gedrückt friedlich schläft.


In Nümbrecht essen wir ein dickes Eis, während Lenny die Brust und eine neue Windel bekommt, herrlich diese zeitgleiche Kombination! Schloss Homburg bleibt hinter uns zurück, ebenso die Wiehler Tropfsteinhöhle und relativ spät schon erreichen wir um 18.30 Uhr im Schein der Abendsonne die Jugendherberge von Wiehl. Da Sonntag ist, sind keine anderen Gäste da, wir haben die Jugendherberge ganz für uns alleine.


Während Anni mit ihrem Kleinen an ihrer Seite schon schläft, lege ich die Füße hoch und lasse nach dem Schreiben den Kopf im Leerlauf treiben. Ich brauche diese Stille jetzt. Zeit zum Nachdenken, den neuen Alltag begreifen. Schweigen ist das Einzelzimmer des Pilgers.

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Kommentare: 5
  • #1

    Helmut (Sonntag, 26 März 2017 23:40)

    Hallo Reinhard,

    nach dem grandiosen "Abgang" weiter alles Gute. Ich hoffe, Du findest viele Sponsoren für den guten Zweck. Jedoch das Wichtigste: pass gut auf meinen kleinen und einzigen Enkel auf!

  • #2

    Renate Z. (Montag, 27 März 2017 14:25)

    Ach wie schön!!!
    Das ist doch ein toller Start.
    Das bewährte Team..... Und Lenny ist noch klein genug, um die Woche gut durchzuhalten :)
    Herzliche Grüße auch an Annika und eine gute Woche für euch drei.

    Renate

  • #3

    Christine (Montag, 27 März 2017 17:39)

    Wunderbar, ich genieße ihre Erzählungen sehr. In Gedanken bin ich nicht mit Gipsfuß zuhause, sondern mit ihnen unterwegs. Ich wünsche Ihnen für Ihren Weg alles Gute, passendes Wetter, interessante Begegnungen und gesunde Füße.
    Liebe Grüße Christine aus Ruppichteroth

  • #4

    Die Fernsehmutti (Montag, 27 März 2017 23:05)

    Wenn es auch nur "ein paar Schritte" waren, gemessen an der langen, langen Strecke, die noch folgt - es war schön, zumindest ein ganz kleines bisschen teilhaben zu dürfen. Ein erstes Beschnuppern.... irgendwie kann ich mir gerade gut vorstellen, mich infizieren zu lassen vom Wander-Virus! Dann müssen nur die lieben Kleinen ganz schnell "aus dem Gröbsten" raus sein. Viele liebe Grüße senden zwei deiner fünf Enkel, einer der fünf Söhne und sein Anhang!

  • #5

    Der Kronprinz (Mittwoch, 29 März 2017 18:06)

    Ich wäre gerne dabei gewesen...