Drehtag

Wiehl - Marienheide (26 km)

Die Sonne geht gerade hinter den Bergen von Wiehl auf, als ich gut ausgeruht aus dem Bett springe. Lenny hat zwar während der Nacht mal kurz rumgeknöttert, aber dank Ohropax ist davon kaum etwas in mein Bewusstsein gelangt. Kaum entdeckt er mich, strahlt er mich an und ich weiß ganz genau, dass er mir sagen will: "Na Opa, hast du gut geschlafen? Ich hoffe ich habe dich nicht gestört, und wenn, dann kann ich jetzt da auch mal nix für. Ich hab dich viel lieber als deine anderen Enkelkinder, liebster Opi, und bitte vergiss das nicht bei der Aufteilung der Erbschaft." Ich habe verstanden.


Zum Frühstücken wird uns ein Platz im Foyer angeboten und was uns auf einem großen Servierwagen herangeschoben wird, ist geradezu fürstlich, oder sagen wir mal, auf absolutem 3***-Hotel-Niveau. Die Herbergsmutter und ihre JH-Mitarbeiterinnen wuseln hinter uns herum, schwingen noch Wischmopp und Staubtuch und bereiten sich auf die Horde von fünf Schulklassen vor, die gleich hier auf der Matte stehen wird. Wir langen beim Frühstück so kräftig zu, dass wir unsere geplante Abmarschzeit von 9 Uhr um fast zwanzig Minuten überschreiten. Aber das wird heute nicht die einzige Zeitüberschreitung bleiben.


Auch wenn es laut Herbergsmutter heute Morgen gerade mal 1° C "warm" war, so hat jetzt, als wir uns auf den Weg machen, die Sonne schon solch eine Kraft, dass wir ohne Jacke losziehen. Wir wissen ja, die nächste Steigung kommt bestimmt. Und sie kommt auch und wir kommen ganz schön ins Schwitzen. Plötzlich fällt mir ein, dass ich ja um 11 Uhr in Marienhagen an der Kirche einen Date mit dem Redakteur von WDR-Lokalzeit Bonn habe. Er will nochmal einige Drehs von mir auf Wanderschaft machen, auch noch ein kleines Interview.


Wir verspäten uns um genau die Zeit, die wir in der JH Wiehl verklüngelt haben, aber der WDR-Redakteur nimmt uns das nicht übel. Bevor die Dreharbeiten beginnen, brauchen Anni und ich jetzt aber auch erstmal eine kurze Verschnaufpause, Gelegenheit für Herrn Schmidt, mich mit einigen Fragen zu meiner Spendenaktion und meinen zurückliegenden Langzeitwanderungen zu löchern. Dann geht es "in die Natur", richtige Wanderatmosphäre muss her. Die Location ist bald gefunden und dann wird gedreht. Ich bergauf kommend mit Wiesen und Wald im Hintergrund, ich in den Wald eintauchend, ich strammen Schrittes auf dem Waldweg, von vorne kommend, Schwenk, nach hinten verschwindend, Kamera filmt vom Waldboden oder vom Jägeransitz, ich im Marsch ganz dicht an der Kamera vorbei. Und keinesfalls in die Kamera winken und rufen: "Hallo Kinder, ich bin im Feeernseeehn!!!" 


Herr Schmidt stiefelt auf diese Weise mindestens zwei Kilometer mit uns mit und wir bleiben auf unserer Strecke. Aber kurz bevor wir das Tal bei Gummersbach erreichen und der Straßenlärm sich unangenehm bemerkbar macht, wird Herr Schmidt etwas nervös. Er benötigt unbedingt noch eine Location für eine Szene zum Thema "Der Wandersmann rastet" und diese muss unbedingt gewisse Bedingungen erfüllen: günstiger Sonneneinfallswinkel, schöner Hintergrund, möglichst eine Bank oder zur Not gefällte Baumstämme. Nichts von dem findet sich, was seine hohen Ansprüche zufriedenstellen könnte. Während Anni zurückbleibt, weicht der WDR-Mann mindestens einen Kilometer von unserer Wanderstrecke ab, immer in der Hoffnung, den ultimativen Drehort zu finden. Aber er findet sich nicht. Schließlich muss ein mit Moos bewachsener Baum reichen, gegen den ich mich beim Rasten lümmeln kann. Jetzt mindestens jeweils zwei Aufnahmen zu jeder Minisequenz: Ich stelle mein Wheelie ab, werfe meinen Tagesrucksack von der Schulter, gleite gekonnt zu Boden, hole aus dem Rucksack meine Brotdose, öffne sie, hole mein Brot heraus, beiße beherzt ins Brot, lehne mich kauend gegen den Baumstamm, trinke aus meiner Wasserflasche, falte meine Wanderkarte auseinander und studiere genauestens den Streckenverlauf. Nach einer halben Stunde Location-Suche für die Rastszene und einer weiteren halben Stunde für die spannende Szene selbst, treten wir den Rückmarsch zu Annika an. Die sitzt im Wald und schmust mit ihrem Kind. Jetzt aber noch schnell das Interview! Ja aber wo machen wir das denn? Irgendwann ist nahe bei Anni auch ein Baumstumpf mitten im Wald gefunden, auf den gerade die Sonne scheint und ich mich setzen kann. Dann einige Fragen, von denen so manche irgendwie ähnlich klingen, dazu meine einigermaßen sinnvollen, aber doch ernstgemeinten Antworten - dann, ja dann endlich ist der Dreh, nach vier Stunden Aufwand und davon mindestens zwei Stunden Zeitverzögerung für Anni und mich, im Kasten. "Aber immerhin wird das bestimmt ein schöner Beitrag," meint Herr Schmidt, "ca. drei Minuten lang wird er wohl werden." Na bitte! Zu bewundern irgendwann im Zeitfenster vom kommenden Mittwoch bis Freitag. Endlich mal was Vernünftiges im Fernsehen...!


Dann wird es wieder sehr profan. Wir verabschieden uns von Herrn Schmidt, der sich jetzt wieder zu Fuß zu seinem Auto zurückkämpfen muss, und stiefeln für mindestens eineinhalb Stunden durch den Verkehr von Gummersbach. Ätzend, einfach nur ätzend! Inzwischen ist es schon 16.30 Uhr und wir haben noch etwa zehn Kilometer vor uns, davon meistenteils bergauf. Landschaftlich ist auch alles keine Offenbarung mehr und die letzten Kilometer kämpfen wir richtig. Der Spaßfaktor fällt Richtung Null und wir sind echt froh, als kurz nach 19 Uhr die ersten Häuser von Mariendheide vor uns auftauchen.


Doch dann kommt noch der Albtraum eines jeden Wanderers. Man wähnt sich so gut wie am Ziel und dann muss man erkennen, die Unterkunft liegt am entgegengesetzten Ende der Stadt - noch eineinhalb Kilometer bergauf. Ich bewundere Anni. Sie klagt nicht, sie meckert nicht, sie trägt ihren nicht so leichten Rucksack hinten und ihr Kind vorne, aber ich sehe, wie sehr sie jetzt das Ende braucht.


Irgendwann sitzen wir dann doch in unserem Zimmer ziemlich groggy auf unseren Betten und Anni hat ihren Lenny auf dem Schoß. Und der lacht seine Mama minutenlang fett an, ja fast aus. Anni strahlt und alle Anstrengungen des Tages sind (fast) vergessen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Sebastian (Dienstag, 28 März 2017 21:50)

    Also irgendwann im Zeitfenster vom kommenden Mittwoch bis Freitag WDR einschalten. Läuft :-) Weiter so ihr drei tapferen Wanderer!

  • #2

    Der Kronprinz (Donnerstag, 30 März 2017 17:56)

    Tapfere Anni, süßer Lenny aber was für eine Erbschaft bitte?!