Heute mal entspannter

Marienheide - Halver (17 km)

Als wir pünktlich um 8 Uhr in den großen Speisesaal der Ev. Tagungsstätte Franz Dohrmann Haus kommen, ist noch kein Mensch zu sehen, dafür ein üppiges Frühstücksbuffet. 


Zehn Minuten später, ich habe gerade die erste Hälfte meines Brötchens eingefahren, höre ich hinter mir ein leises Geräusch. Mindestens zehn junge Männer stehen am Buffet in der Schlange und geben beim Zusammenstellen ihres Frühstücks so gut wie keinen Mucks von sich. Sie sehen noch nichtmal verschlafen oder verkatert aus, sie sind einfach nur unendlich ruhig. Andererseits haben sie aber auch recht entspannte Gesichter, es ist also auch keine Trauergesellschaft. Selbst als sie mit mehr als 20 Mann und ein paar wenigen Frauen am Tisch sitzen und essen, wird das kaum anders. Ab und zu mal ein leises Gemurmel, das war's. Ja was haben sie denn? Erst als ich im Büro die Unterkunft bezahle, erfahre ich, dass es sich um junge Soldaten aus Nienburg handelt. Umso weniger verstehe ich diese Klosterstimmung beim Essen. "Klosterstimmung" zielt übrigens in die richtige Richtung. Die Tagungsstätte wird getragen von der Ev. Militärseelsorge. Doch das scheint mir immer noch kein ausreichender Grund für diese mich etwas irritierende Grabesruhe beim Frühstück zu sein.


Nach dem etwas anstrengenden Tag gestern, wird es heute merklich entspannter. Das Wetter lässt, wie schon in den vergangenen Tagen, nichts zu wünschen übrig. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, morgens ist die Luft noch frisch, aber nachmittags kommt sie den 20° C schon ganz schön nahe. Wenn wir durch offene Flächen ziehen, treibt uns die Sonne den Schweiß ins Gesicht. Gehen wir durch dichten Wald oder rasten im Schatten einer alten Eiche, wird es blitzartig um einige Grade kälter. Wir haben eben noch nicht Mai oder Juni. Die Strecke zieht sich eher auf einem Hochplateau dahin, auf dem versprenkelt einige Höfe oder kleinste Ansiedlungen liegen oder das von weiten Feldern bedeckt ist, von denen die meisten einen recht intensiven Gülle-"Duft" ausstrahlen. Lenny guckt mich dann aus seinem Tragegurt oft ein wenig vorwurfsvoll an (wenn er nicht gerade schläft), aber woher soll der kleine Mann auch den Unterschied zwischen dem Geruch von Gülle und dem eines Pilgers kennen.


Als ich mal einen Moment stehenbleibe und die Karte studiere, ruft mir aus einem nahegelegenen Haus eine Frau zu, ob sie mir helfen könne. Ich mache den Fehler und frage (eher rhetorisch), ob die Richtung nach Halver noch stimme. Es folgt umgehend eine Lawine von Wegbeschreibungen, wie man auf mindestens drei Wegalternativen nach Halver kommen könne. Wäre ich auf diese Auskünfte angewiesen, hätte es ein Problem werden können, aber Anni lenkt die auskunftsfreudige Dame, die mittlerweile nach draußen gekommen ist, genial von weiteren Erklärungen ab. "Könnten Sie mir vielleicht mal meine Flasche mit kaltem Leitungswasser nachfüllen?" Der Bitte wird sofort entsprochen. Auf ihre Nachfrage hin, ob sie sonst noch etwas für uns tun könne, fällt mir spontan ein: "Könnten wir uns bei Ihrem Haus draußen irgendwo auf eine Bank zu einer ruhigen Rast niederlassen?" Sie denkt einen Moment nach. "Wir haben nach dem Winter noch nichts wieder rausgestellt... aber warten Sie, ich hole eben eine Bank aus dem Keller!" Eine Minute später schleppt sie eine etwas wacklige Holzbank aus dem seitlichen Kellereingang und trägt sie, mit meiner Hilfe, in den Halbschatten des Gartens. "Jetzt machen Sie mal eine schöne Rast!" empfiehlt sie uns, geht aber nicht so weit, uns dazu eine Tasse Kaffee rauszubringen.


Um 16 Uhr bereits sind wir in Halver an unserem Gästehaus, d.h. an meinem Gästehaus, denn Anni wird gleich von ihrem Freund Niels abgeholt. Sie unterbricht unsere gemeinsame Wanderung für einen Tag. Ein Mütterkursus ruft, den sie morgen ungern verpassen will. Übermorgen treffen wir uns in Hagen wieder und gehen gemeinsam weiter. Natürlich wieder mit Lenny, wenn nichts dazwischenkommt. Ihr bleibt tatsächlich nicht viel mehr Zeit als zu einem kurzen Ausruhen, einer heißen Dusche und zum Stillen des kleinen Wonneproppens, dann steht Niels vor der Tür, sichtlich erfreut, dass er seine Freundin und seinen kleinen Sohn wieder hat - wenn auch nur für kurz.


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