Jakobsweg erreicht!

Gaaanz schlimm! Beim Aufstehen ist außer mir keiner im Zimmer. Keine mit ihrem Söhnchen schmusende Mama, kein brabbelndes Baby, hach nää... Zum Frühstück lebe ich aus dem Rucksack: Auf meine trockenen Brötchenhälften von gestern lege ich je einen Landjäger diagonal und ahne in dem Moment noch nicht, welchen Durst das bei mir auf der Etappe verursacht. Als Heißgetränk gibt es zum Kaffeeersatz eine "Schnelle Tasse" mit Spargelcreme-Geschmack.


Immerhin eine halbe Stunde früher als die letzten Tage schiebe ich Willi aus meinem Zimmer und befördere ihn an die frische Luft. Und die Luft ist tatsächlich recht frisch. Mein Optimismus der letzten Tage, meinen Anorak erst gar nicht anzuziehen, erweist sich heute als etwas übertrieben. Die Temperaturen sind auf jeden Fall nicht zweistellig und die heraufziehenden Wolken deuten darauf hin, dass die Sonne nicht lange eine Chance bekommt, die Luft zu erwärmen. Außerdem hat der Wind ordentlich zugelegt. Ich versuche, einem Frösteln durch einen schnellen Schritt vorzubeugen, obwohl dieser schnelle Schritt dazu führen könnte, dass ich wegen der geringen Kilometerzahl heute viel zu früh in Breckerfeld ankomme. Denn Bernd Schluckebier, der Vorsitzende der Breckerfelder Jakobusfreunde, der mir dankenswerterweise für die Nacht ein Bett zur Verfügung stellt, hat mir per Mail mitgeteilt, dass er erst ab 14 Uhr telefonisch erreichbar ist. D.h., vielleicht ist er auch gar nicht früher zu Hause. Ich könnte mir also Zeit lassen, aber manchmal ist mein Schritt einfach nicht zu bremsen.

Ich versuche mich selbst auszubremsen, indem ich mich nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke in einem windgeschützten Bereich zur Rast auf eine Wiese lege, meinen Tagesrucksack zum Kopfkissen umfunktioniere und für eine halbe Stunde die Augen schließe. Vom kleinen Bauernhof in etwa 300 m Entfernung schauen zwei Pferde zu mir herüber, Vögel singen über meinem Kopf aus dem noch kahlen Baumwipfel einer Eiche und bald schon höre ich außer dem Gezwitscher stoßweise mein eigenes Schnarchen.


Erst die Stimme einer Frau, die mit einem "Ruhig, Bruno!" ihren Hund ermahnt, lässt mich wieder etwas hochschrecken. Als ich sie grüße, grüßt sie freundlich zurück, stutzt dann einen Moment und fragt mich bald darauf: "Entschuldigen Sie, was hat es denn mit Michelle auf sich? Ich habe gerade Ihr Schild gelesen." Sie ist damit die erste Person, die mich auf das an meinem Wheelie angebrachte Schild mit den wenigen Informationen zu meiner Spendenaktion anspricht. Ich beantworte ihr all ihre Fragen und zum Schluss versichert sie mir, ebenfalls ihren Beitrag leisten zu wollen und bittet mich um die Daten für das Spendenkonto. Wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort eine Pause eingelegt!


Doch auch diese Rast verhindert nicht, dass ich bereits um 12.30 Uhr am Jakobusbrunnen von Breckerfeld stehe. Erst jetzt und hier beginnt eigentlich meine Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg. Von nun an werde ich keinen Tag mehr einen Pilgerweg auf Dauer verlassen, bis Trondheim nicht. Mir läuft ein leichter Schauer über den Rücken. Dies mag jetzt mit dem Jakobsweg zusammenhängen, vielleicht aber auch mit der recht unfreundlichen momentanen Witterung, die nach einem wärmenden Kaffee schreit. Da trifft es sich ganz gut, dass mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Schild vom Café Pfingsten entgegenlacht. Eine halbe Stunde habe ich noch für einen Kaffee, na ja... und für ein Stück Kuchen... und dann für noch einen Kaffee... und dann ist hier Mittagspause. 


Noch eine Stunde kann ich mir Zeit lassen, um zu Schluckebiers zu stiefeln. Zeit für einen kleinen Rundgang. In Breckerfeld florierte seit dem 14. Jh. die Stahlindustrie. Kaum sonst auf der Welt gab es damals so guten Stahl, den man vor allem für hochwertige Messer und Dolche verwendete. Die Lage an einer wichtigen Handelsstraße von den Niederlanden nach Frankfurt a.M. und nach Köln begünstigte die Entwicklung zu einer blühenden Hansestadt. Handelsstraßen waren auch oft wichtige Pilgerrouten und daher war Breckerfeld mit seiner aus dem 13. Jh. stammenden Jakobuskirche im Mittelalter auch eine wichtige Pilgerstation. Die heutige Evangelische Jakobuskirche ist immerhin die einzige hochgotische Basilika Westfalens. Der Westteil des Bauwerkes diente früher als Gemeinde-, der Ostteil mit Querhaus und separaten Eingängen als Pilgerkirche.


Da die Basilika eine "offene Kirche" ist, gehe ich hinein und sehe mich eine Weile in ihr um. Allein schon die Ruhe hier drinnen ist bemerkenswert, ganz zu schweigen von dem Schnitzaltar aus dem Anfang des 16. Jh., der zu den herausragenden Altarwerken Westfalens zählt. Nahe der auf der Wand angemalten Andeutung des früheren separaten Pilgereingangs erblicke ich drei in den Kirchenboden eingelassene Kacheln mit der Jakobsmuschel, die die Stelle kennzeichnen, wo einst die Pilger am Altar vorbeigezogen sind. Nicht weit vom Haupteingang, direkt unter der Orgelempore, finde ich ein kleines Pult mit dem Pilgerstempel, dessen Abdruck ab sofort in meinem Pilgerpass prangt.


Kurz nach 14 Uhr bin ich bei Bernd Schluckebier, in dessen Einliegerwohnung ein Bett für mich bereitsteht. Wir unterhalten uns beim Nachmittagskaffee und am Abend bei Pasta und Rotwein über ein breit gefächertes Themenangebot, und wenn ich nicht noch hätte schreiben wollen, säßen wir wohl jetzt noch beim gemütlichen Plausch. Danke, Bernd, für einen schönen Abend!


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Kommentare: 3
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 30 März 2017 11:43)

    Gott sei Dank! Da isser ja, der Blogeintrag! Ich dachte schon, dir wäre was passiert, weil ich beim nächtlichen Stillen immer noch keinen neuen Blogeintrag gesehen hab.
    Und jetzt sind wir schon in der Bahn auf dem Weg zu dir, zum zweiten Teil unserer "Pilgerwoche". Ich freu mich!

  • #2

    Helmut (Donnerstag, 30 März 2017 17:46)

    Ich habe auch mehrmals -vergeblich- nach diesem Bericht geschaut - jetzt ist er da. Im zweiten Absatz kommt das Durstgefühl bereits stark zum Ausdruck, denn hier heißt Herr Schleckebier "Schluckebier". In (Wunsch-) Gedanken hast Du da wohl gerade Bier geschluckt!? Ich wünsche Dir eine gute Nacht und ein angenehmes Aufwachen durch das Gebrabbel unseres Enkels Lenny.

  • #3

    Der Kronprinz (Donnerstag, 30 März 2017 19:32)

    Konntest du ergründen woher dieser klangvolle Name stammt?