Bergisches Land - abgehakt!

Beim Frühstück, zu dem Bernd Schluckebier reichlich und lecker auftischt, setzen wir unsere interessanten Gespräche des vorigen Abends fort. Bei zwei ehemaligen Lehrern geht der Stoff ja nie aus. Es ist doch immer wieder faszinierend, die Erfahrung zu machen, einem zuvor wildfremden Menschen als Wanderer bzw. Pilger zu begegnen und schon nach relativ kurzer Zeit sein halbes Leben zu erzählen. Bernd bringt mich noch auf die Strecke und ich hoffe, ich konnte ihm übermitteln, wie dankbar ich ihm für seine Gastfreundschaft bin.


Von der Breckerfelder Hochfläche fällt nun mein Weg nach Hagen-Haspe beständig ab. Bei dem sonnigen Frühlingswetter mit seinen milden Temperaturen geht es sich fast wie von alleine. Auf einer kleinen Landstraße, auf der mir kaum mal Autos begegnen, fliege ich förmlich dahin. Immer wieder merke ich, dass ich ein zufriedenes Lächeln im Gesicht trage und ich denke nicht im Traum daran, es mir zu verkneifen. 


Bernd hatte es mir schon angekündigt: Der Orkan Kyrill hatte seinerzeit ganze Arbeit geleistet und die Bäume großer Waldhänge umgefegt. Eine Folge davon ist heute noch gut erkennbar. Die Aussicht Richtung Norden bis zum Ruhrtal ist fantastisch. Bis die nachwachsenden Baumarten hier wieder die Sicht versperren, wird es noch eine Weile dauern. 


Eine Nachricht von Anni auf meinem Handy setzt mich darüber in Kenntnis, dass sie wie geplant um 13.30 Uhr in Haspe eintreffen wird, um von dort an mit mir unsere gemeinsamen Pilgertage fortzusetzen. Ich freue mich darauf wie ein kleines Kind. Zur Feier dieser schönen Nachricht gönne ich mir an der "Waldgaststätte Hinnenwiese", einer Ausflugsgastronomie hoch oberhalb von Haspe, eine halbstündige Rast auf der Außenterrasse mit einem großen Pott Kaffee. Eigentlich ist noch gar nicht geöffnet, aber die Tür steht auf und meinem Dackelblick kann die nette Bedienung nicht widerstehen. "Weil Sie es sind!"


Von nun an führt die Straße noch steiler abwärts und ehe ich mich versehe, tauchen unten im Tal die ersten Häuser von Haspe, einem weitläufigen Vorort von Hagen, vor mir auf.


In der Fußgängerzone ist Markt. Viele Frauen stehen an den diversen Ständen und decken sich mit Fisch, Blumen, Eiern, Honig oder Pullovern ein. Die Bänke in der Nähe sind größtenteils belegt von Männern - und wie ich bald bemerke von Männern, die ihren Frauen das Einkaufen großzügig überlassen. Und wenn diese dann damit fertig sind, holen sie ihre Männer an der Bank ab und diese wiederum überlegen dann, ob sie ihren Frauen die Taschen abnehmen. Diese Szenen beobachte ich mit einem Grinsen im Gesicht, während ich an einem Verzehrstand eine kalte Frikadelle mit Kartoffelsalat verdrücke.


Zur bequemeren Verdauung setze ich mich anschließend ebenfalls auf eine der Bänke, strecke mein Gesicht in die Sonne und warte mit Vorfreude auf Anni und Sahneschnittchen Lenny. Die beiden lassen gar nicht lange auf sich warten. Wie vereinbart, kommen sie wenig später die Fußgängerzone entlangmarschiert. Unser kleines Gespann ist wieder vollzählig. 


Die letzten beiden Höhen des Bergischen Landes bewältigen wir wieder gemeinsam. Die erste führt uns hinüber nach Vorhalle, mit seinem großen Rangierbahnhof, wo Güterzüge zusammengestellt werden, der zweite, der Kaisberg, endgültig ins Ruhrtal hinab. Bergisches Land: Check!


Über eine breite Straßenbrücke überqueren wir die Ruhr und kommen nach Herdecke hinein. Spaziergänger und Radfahrer bevölkern den Ruhruferweg und die Außensitzplätze von Cafés und Eisdielen sind meist voll belegt. Alle genießen die ersten Frühlingstage, wer weiß, wie lange das noch geht.


Mich überfallen Erinnerungen. Vor sage und schreibe 47 Jahren habe ich in diesem kleinen Städtchen, am Friedrich-Harkord-Gymnasium, mein Abitur gemacht, erstaunlicherweise. Das typische alte Backstein-Schulgebäude, in dem ich mich an meine ersten Theaterinszenierungen wagte, Schulsprecher war, Demos gegen den Vietnamkrieg organisierte und Pauker und Pädagogen erleben durfte, steht schon lange nicht mehr, es wurde irgendwann mal durch einen modernen Zweckbau ersetzt. Im Städtchen selbst erkenne ich nichts wieder. Bin ich hier in den Straßen und auf den kleinen Plätzen auch mal rumgerannt, vielleicht im Rudel mit anderen Klassenkameraden, womöglich eine Zigarette rauchend? Ich würde mein früheres Ich gerne nochmal von Weitem beobachten.


Unser Übernachtungsquartier "Rheinischer Hof" ist ein kleines Hotel garni in der Fußgängerzone und wir haben unser Zimmer noch keine zwei Minuten bezogen, da klopft es an der Tür. Die Chefin des Hotels steht davor und teilt uns mit: "Unten ist jemand, der will etwas von Ihnen?" In unseren Köpfen tun sich Fragezeichen auf. Mir ist sofort klar, da will uns jemand überraschen. Zunächst allerdings habe ich meine Tochter im Verdacht, dass sie wieder irgendein Ding gedreht hat und unten sitzt gleich wieder eins meiner Kinder oder Enkelkinder im Gastraum. Die Neugier treibt uns die Treppe runter - und wer sitzt da? Reinhard! Mein Namensvetter aus Bochum! Zusammen mit ihm haben wir 2012 ein paar schöne Tage auf unserer Alpenüberquerung von München nach Venedig verbracht, uns zwei-, dreimal noch getroffen, nie den Kontakt abbrechen lassen, aber als er jetzt auf einmal hier vor uns steht, trifft mich fast der Schlag. "Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass Ihr durchs Ruhrgebiet zieht und an mir vorbeikommt!" Er grinst uns breit an und wir fallen uns in die Arme. Himmel, was für eine Überraschung! 


Schnellstmöglich steigen wir aus unseren Wanderklamotten, verschieben das Duschen auf später - und ab geht's zum Italiener! Viel ist nach unserem letzten Aufeinandertreffen wieder passiert, muss berichtet werden. Gemeinsam genießen wir die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf der Terrasse bei italienischer Küche, lachen, reden. Überraschung gelungen, Reinhard, und nochmal danke für die Einladung!


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Kommentare: 2
  • #1

    Rosi B. (Freitag, 31 März 2017 09:40)

    Kurzweilig und interessant zu lesen :0)
    Ich wünsche Dir/Euch noch viel Freude und erfüllende Begegnungen!
    Liebe Grüße aus Schladern
    Roswitha

  • #2

    Der Kronprinz (Freitag, 31 März 2017 09:53)

    Na, das hört sich doch mal wieder nach einem perfekten Tag an.