In der alten Heimat

Eins vorweg: Ich habe heute mit Herrn Schmidt vom WDR gesprochen. Nachdem tagesaktuelle Ereignisse bisher die Ausstrahlung des Berichts über mich und meine Spendenaktion verzögert haben, ist sie jetzt für den 4.4. geplant. Mal sehen, ob weitere Tagesaktualitäten für weitere Verzögerungen sorgen werden. "Gesendet wird aber auf jeden Fall, Herr Wagner, Sie können sich darauf verlassen!"

 

In Herdecke werden gerade die Pflanzblumen-Angebote draußen auf Regalen drappiert und der Müllwagen fährt durch die Fußgängerzone, als Anni und ich unser kleines Hotel verlassen und zum Ruhruferweg hinuntergehen, der für die nächsten fünf Kilometer nun gleichbedeutend ist mit dem Jakobsweg.

 

Für den ersten Kilometer ist es noch die Ruhr, die uns mit jeder Menge Wassergetier begleitet, dann folgt die erste Staustufe, die aus der Ruhr nun den Hengsteysee macht, einen der Stauseen des Flusses. Auch wenn es noch relativ früh und kein Wochenende ist, sind die üblichen Verdächtigen schon unterwegs: spazierende oder radelnde Rentner, joggende junge Frauen, die offensichtlich den Winterspeck unter sämtlichen Körperqualen loswerden wollen und dabei überhaupt nicht glücklich aussehen, oder walkende ältere Damen, die wohl meinen, man müsse auch im hohen Alter was für die Gesundheit tun und gleich zurück in Herdecke das nächste Café anlaufen werden, um den Morgenkuchen zu genießen, und die Gassigeher, die ihren Hunden ausreichend lange gestatten, sich intensiv zu beschnuppern. 

 

Anni und ich kommen zügig voran, bei ebener Strecke, glattem Asphalt und angenehmen Temperaturen kein Kunststück. Das ändert sich, als wir uns in engen Serpentinen den Ruhrsteilhang hoch zur Hohensyburg empormühen. Treppenstufen, Baumwurzeln und Felsgestein auf dem Weg machen es uns nicht eben einfach. Mein Wheelie gibt sich redliche Mühe, meinen Eroberungsschritt zu bremsen, mir flattern die Lungenflügel, der Schweiß fließt, aber mit jedem mühevollen Schritt gewinnen wir tatsächlich an Höhe.

 

Ich quäle mich noch die letzten Höhenmeter hoch, als Anni die letzte Treppenstufe bereits erklommen hat und sich mit zwei Damen ins Gespräch begibt. Der Gesprächsopener ist wiedermal Lenny, der sich in vollkommener Zufriedenheit den Berg hat hochschaukeln lassen und nun neugierig die Welt bestaunt, die sich ihm in seinem eigenen Blickwinkel offenbart. Nachdem das Thema Baby und dessen Transport in unwegsamem Gelände erschöpfend behandelt ist, fallen die Blicke der Damen auf das Plakat meiner Spendenaktion. Meinen dortigen Satz "Sprechen Sie mich an und ich beantworte Ihnen gerne Ihre Fragen" nehmen sie sofort ernst und fragen mich, worum es geht. Ich versuche, ihnen alle Antworten zu geben. Eine Frage allerdings verblüfft mich und gibt mir zu denken. "Und das sollen wir Ihnen jetzt glauben?" Diese Frage ist berechtigt. Wer sagt denn, dass diese Aktion von mir nicht nur erfunden ist, um meine Wanderung ein Stück weit praktisch bettelnd zu finanzieren? Ich verweise die Damen auf meine Homepage (meinen Blog) und hoffe einfach, dass sie mir die Sache abnehmen. Anscheinend tun sie das auch, denn beide leisten ihren Beitrag. 'Und wenn es nicht stimmt, dann trinken Sie sich eben einen guten Kaffee davon", meint lächelnd die eine von ihnen und wir verabschieden uns voneinander.

 

Am Kaiser-Wilhelm-Denkmal, der Ruine Hohensyburg, dem modernen Casino und der alten romanischen Kirche St. Peter des Örtchens Syburg vorbei, gelangen wir zum Restaurant Alt-Syburg, das nicht nur eine Stärkung für uns bereithält, sondern auch einen schönen Stempel für unseren Pilgerpass.

 

Inzwischen bewegen wir uns bereits auf Dortmunder Boden und damit im Ruhrgebiet. Doch Vorurteile sind schon lange nicht mehr zu bedienen. Die Zeiten des Bergbaus sind seit Jahren vorbei, der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, wie auch heute, und von dem Dreck aus meiner Kinderzeit ist nichts mehr geblieben. Jedenfalls nicht mehr als in jeder anderen Metropolregion Europas. 

 

Durch lichte Wälder, den großen Rombergpark und ruhige Wohnviertel erreichen wir die Dortmunder Westfalenhalle. Ein eigenartiges Ziel, denken jetzt vielleicht viele, ein Übernachtungsquartier erst recht nicht. Aber das brauchen wir in Dortmund ohnehin nicht, denn nur ein paar Kilometer weiter westlich liegen nicht nur meine Wurzeln, sondern wohnen (in Bochum) immer noch meine engsten Verwandten, Bruder, Schwägerin, Nichten mit Familien. 

 

Bruder Herbert und Schwägerin Erika freuen sich, dass ich nochmal bei ihnen vorbeischaue, bevor ich weiter nach Norden ziehe. Ich bekomme ein komfortables Bett im Haus meiner Nichte Maren, Anni ein ebensolches schräg gegenüber im Haus von Nichte Heike. Ihr Mann Volker gibt den Grillmeister - ich genieße den Abend im Kreis meiner lieben Verwandtschaft.

 

Nur der Himmel hat sich zugezogen und dunkle Wolken drohen mit Feuchtigkeit von oben. Wird es Regen geben?

 

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