Ruhrpott: Checķ!

Heike fährt zum Frühstück auf, als hätten wir die letzte Woche nichts bekommen und als wäre während der kommenden Woche Schmalhans ebenfalls Küchenmeister. Natürlich müssen wir noch Proviant einpacken - und denk dran, Trinken ist ganz wichtig und bevor du jetzt losgehst trinkst du erstmal noch ein großes Glas Wasser. Jaaaa, Heikeeee!!! Volker, Heikes Mann, packt uns ins Auto und fährt uns wieder dorthin, wo seine Frau uns gestern abgeholt hat, zur Westfalenhalle.


Wir sind gerade mal 300 m unterwegs und ich schaue konzentriert in meine Karte, um den Einstieg in den Jakobsweg zu finden - da rauscht auf einmal Anni mit einem jungen Mann eingehakt an mir vorbei. Meine Gucke muss nicht erste Wahl gewesen sein, denn beide grinsen mich fett an. Der junge Mann an Annis Seite ist mein Sohn Julian. Ich bin wiedermal einfach nur sprachlos. Wie aus dem Nichts steht er auf einmal vor mir. Wieder hat mich meine Bande ausgetrickst, sogar meine Bochumer Verwandtschaft war eingeweiht und hat dicht gehalten. Mit dem Zug ist er aus Köln angereist und hat es so gerade geschafft, Anni und mich an der Westfalenhalle abzupassen. Ich fass es nicht...!


Im Dreierpack, ach nein, im Dreieinhalbpack durchqueren wir nun Dortmund von Süd nach Nord. Immer wieder stoßen wir auf die Dortmunder Farben, Schwarz und Gelb, Borussia allenthalben. Fahnen und Aufkleber überall, Schaufensterpuppen im Borussentrikot, Pflastersteine entsprechend angemalt, Holzbänke vor den Eckkneipen in Schwarz-Gelb und mit Vereinsaufschrift, usw. Sollte die 1. Mannschaft in der heutigen Bundesligabegegnung Hassgegner Schalke 04 schlagen, wird hier, wie überall in Dortmund, der schwarz-gelbe Teufel los sein.


Je weiter wir in den Dortmunder Norden vordringen, desto multikultureller wird es. Lupenreine Deutsche sehen wir kaum noch, ich wähne mich kurzzeitig in Istanbul. Männer sitzen vor Kneipen und Cafés, unterhalten sich angeregt oder schlürfen ihren Mokka oder türkischen Tee aus kleinen Tassen, Frauen mit langen Gewändern und Kopfschleiern wieseln mit schweren Einkaufstaschen die Bürgersteige entlang, überall finden sich kleine Moscheen, islamische Kulturvereine, Teppichläden, Geschäfte voll der pompösesten Hochzeitskleider in Hellblau oder Zartrosa, Gemüse- und Obsthändler, Geschäfte mit dem wahnwitzigsten Krimskrams, türkische Reisebüros und Friseure. Zwischendurch stehen immer mal wieder Schwarzafrikaner an den Häuserwänden, unsicher hin- und herschauend, so als gehörten sie nicht hierher. "Papa, wenn du dich für den Rest deiner Tour mit Drogen eindecken willst, dann solltest du jetzt zugreifen", meint Anni mit einem Schmunzeln. Ich denke, ich habe zwei Äpfel im Rucksack, das geht auch. 


Nach fast zwei Stunden Stadtmarsch ist eine Rast angesagt. Was bietet sich besser an als der Nordfriedhof. Denn merke: Auf Friedhöfen finden sich Bänke - und Wasser, sogar Trinkwasser. Wir nutzen beides. Bald hinter dem Nordfriedhof dann ein ruhrgebietsgeschichtliches Kleinod. Ein älterer Mann, der mit seiner noch älteren Mutter ebenfalls vom Friedhof kommt, macht uns wohlmeinend darauf aufmerksam. "Da vorne sehen Sie noch den großen Förderturm der ehemaligen Großzeche Minister Stein. Und das ganze Gelände davor war ein riesiger Zechenplatz." Was wir vor uns sehen, ist eine mit jungen Birken und Büschen bedeckte Fläche. Die Natur holt sich gerade zurück, was schon einmal ihr gehörte.


Immer mehr verlassen wir Dortmunder Boden, überqueren den Datteln-Ems-Kanal und wandern nun auf Lünen zu, dorthin, wo der Ruhrbergbau erst in den 90er Jahren sein Ende fand. 


Es wird ländlicher, große alte Bauernhöfe stehen inmitten grüner Felder, die teilweise mächtig nach Gülle stinken. Nach einer Stunde Grün wieder städtischer Siedlungsbereich, wir erreichen Lünen. Wieder eine Fußgängerzone, Eisdielen, Cafés, Menschen flanieren, Kleinkinder kurven auf ihren Laufrädern zwischen ihnen hindurch. Dann durch Wohngebiete aus der Stadt hinaus. Wo es wieder grün wird, liegt der Cappenberger See und an seinem nördlichen Ende die Jugendherberge. 


Wieder angekommen für heute! Mit Erreichen von Lünen liegt nun auch das Ruhrgebiet hinter uns, also - Ruhrpott: Check!


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Kommentare: 1
  • #1

    Der Kronprinz (Montag, 03 April 2017 12:52)

    Also, nach mehreren Wochen Erfahrung am eigenen Leibe kann ich sagen: Du brauchst keine Drogen, du hast auch so genug Speed!