Kleine große Spender

Eine halbe Stunde noch bis zum Frühstück und Julian bekommt die Augen nicht auf. Dann eben jetzt die ganze rabiate Weckmethode: Anni legt ihm Klein-Lenny auf den Rücken. Der guckt etwas verdutzt und erstarrt erstmal. Was aber Vater und Schwester mit Schütteln nicht geschafft hätten, Lenny gelingt es: Julian schmunzelt ein wenig und schlägt die Augen auf. Eine Minute später steht er in der Hose.


Beim Frühstück im Speiseraum der Jugendherberge dann für mich ein erwähnenswerter Moment. Der Koch des Hauses kommt an unseren Tisch und fragt wie der Oberkellner in einem Spitzenrestaurant, ob alles in Ordnung sei. Wir drei bestätigen natürlich höflich und doch frage ich mich, was bei einem Jugendherbergsfrühstück mit dem klassischen Dreiteiler Marmelade - Käse - Aufschnittwurst falsch gemacht werden kann. Doch, ich weiß, man könnte die Rühreier versalzen, aber die sind tatsächlich in Ordnung.


Mit dem Abmarsch brauchen wir uns nicht zu beeilen. Zum einen haben wir nur eine Kurzetappe vor uns und zum anderen müssen wir noch auf Annis Freund und zukünftigen Ehemann Niels warten, der angereist kommt, um an diesem schönen Sonntag auch nochmal mitzugehen. Tja... und am Tagesziel in Werne a.d. Lippe wird er Anni, Lenny und Julian ins Auto packen und mit ihnen abrauschen. Ganz besondere Tage auf meinem Weg nach Trondheim werden dann vorbei sein.


Um kurz nach 11 Uhr fährt Niels in einem Taxi vor der Jugendherberge vor, sein Auto hat er in Werne bereits abgestellt. Eine herzliche Begrüßung (besonders natürlich mit seinen beiden Liebsten), dann wird ihm Lenny vor den Bauch gebunden, Julian trägt Annis Rucksack und ich fahre Julians Klamotten im Wheelie spazieren. Gutgelaunt machen wir uns auf den Weg.


Unser Tempo kommt dem einer schnellen Schnecke relativ nahe. Jeder, der mich kennt, kann sich vorstellen, dass mir das einigermaßen schwerfällt. Und doch: So sehr ich beim Wandern mit meinem Körper und seinen Schwächen beschäftigt bin, so sehr führt die Monotonie der Bewegung doch dazu nachzudenken. Wie die anderen gehe auch ich also gemächlich, lasse die friedliche Natur in mein Inneres und auf meine Stimmung wirken. Einige kleine Wolken ziehen über mich dahin, ihre Schatten ziehen durch mich hindurch und es wird ganz weit in mir. Mein Alltag ist mittlerweile anders. Und wie schnell der Pilgeralltag mein Alltag geworden ist. Ich genieße diese Aufbruchstimmung, die zu einem prägenden Element werden wird, und lebe sie aus. Nach so wenigen Tagen wandelt sich die Reduktion schon zur Lust, nichts anderes als essen, schlafen, gehen. Und immer wieder gehen.


Nach etwa drei Kilometern sind wir am Schloss Cappenstein, das Freiherr vom und zum Stein nach der Säkularisation zu seinem Altersruhesitz ausbaute, wo er starb und heute noch Nachfahren von ihm wohnen. Im Raum eines Seitenarmes des Schlosses findet heute ein Osterbasar statt und Kaffee und Kuchen gibt es auch, alles zugunsten von Kindern aus Ghana und Namibia. Es ist zwar gerade Mittagszeit, aber für einen guten Zweck essen wir auch zur Mittagszeit Kuchen, und Kaffee geht ja immer. Wir erbitten aber die Erlaubnis, Kaffee und Kuchen mit nach draußen zu nehmen, der Sonne wegen. Erlaubnis wird erteilt und wenig später sitzen wir entweder an die Stiftskirche angelehnt oder sitzen bzw. liegen auf Lennys Tragetuch im Gras. Wunderbare, entspannende Momente.


Nach Beendigung dieses Kuchen-Picknicks umkreisen wir die Stiftskirche und kommen zu ihrem Eingangsportal. An einem Anschlag bekommen wir den Hinweis, dass für Jakobspilger drinnen auch ein Pilgerstempel bereitliegt. Während Anni schon durchs Portal verschwindet, stelle ich meinen Wheelie etwas abseits ab. Während ich mich noch kurz mit Julian und Niels über bauliche Besonderheiten an der Portalwand unterhalte, kommen im selben Moment ein paar Mädchen und ein Junge, alle im Alter von 8-10 Jahren angelaufen, stutzen, als sie meinen Wheelie sehen und lesen - ohne uns wahrzunehmen - mein kleines Plakat zur Spendenaktion. Dann nesteln sie neugierig am Regenschutz und ein Kind fragt laut, was sie sich wohl alle fragen: "Was ist da wohl drin?" Schließlich schauen sie sich um und ihre neugierigen Blicke bleiben an mir hängen. "Gehört das da Ihnen? Was ist denn mit der Michelle?" Ich erzähle es ihnen. Soweit und soviel sie verstehen können. Und diese kleinen Menschen stehen vor mir, mit kreisrunden Augen, einige halten den Atem für einen Moment an, kauen an den Fingernägeln. Als ich mit meinen Erklärungen zu Michelle und meiner Spenden-Wanderung fertig bin, sind sie auf einmal sehr aufgeregt, sie schauen sich an, tuscheln miteinander, fragen mich, ob ich noch einen Moment hier sein werde. Als ich bejahe, rennen sie weg, dorthin, wo wohl ihre Eltern im Schlosscafé sitzen. Nachdem auch ich mir im Kircheninneren meinen Stempel abgeholt habe und mir draußen gerade wieder meinen Wheelie anschnalle, kommen die Kinder, wieder voller Hast, aber freudestrahlend, auf mich zugerannt. "Wir wollen Ihnen das geben, für die Michelle!", sagt mir stolz die Größte und offensichtlich auch Älteste von ihnen und übergibt mir strahlend 50 Cent, andere geben 20 Cent, 10 Cent, nochmal 50 Cent, sogar 1,- € ist dabei,usw., zusammen die stolze Summe von 2,90 €. "Das ist von unserem Taschengeld," erklärt die Wortführerin - und mir steigt ein Kloß in den Hals. Am liebsten würde ich sie alle in den Arm nehmen, belasse es aber bei einem wiederholten "Danke, vielen Dank!" Als ich sie bitte, von ihnen ein Foto machen zu dürfen, stellen sie sich glücklich in Positur und strecken ihre kleinen Daumen in die Höhe. Alle anderen Spender mögen mir verzeihen, aber kaum ein Spende hat mich glücklicher gemacht als diese.


Noch besser gelaunt als vorher, aber immer noch nicht schneller, gehen meine Begleiter und ich weiter. Die typische Landschaft des südlichen Münsterlandes beginnt: weite Wiesen und Felder, kaum noch Hügel, kleine, lichte Laubwälder, weit auseinanderliegende, große Bauernhöfe mit allerhand Kleinvieh, Pferde, manchmal mit ihren Fohlen. Kühe sind noch nicht zu sehen, mit Sicherheit sind sie noch mit ihren neugeborenen Kälbern in den Ställen.


Gegen 16 Uhr laufen wir in Werne a.d. Lippe ein. Der Jakobsweg führt uns über die Fußgängerzone ins Zentrum, zum Marktplatz mit seinem historischen Rathaus, hinter dem die Spitze der St. Christophorus Kirche aufragt. Es wimmelt von Menschen. "Auto und Mode Frühling" mit verkaufsoffenem Sonntag. Überall stehen die Vorführwagen diverser Autohändler herum, vom Marktplatz ist außer Autodächern kaum was zu sehen. Andere Händler preisen ihre Waren an, die Außengastronomien sind randvoll, überall Menschen, Menschen, Menschen...


Mir reicht's, den anderen auch. Gemeinsam schlagen wir uns durch zum Kapuzinerkloster, meinem heutigen Übernachtungsquartier. Na gut, es ist nicht das Kloster selbst, wo ich mein Haupt betten werde, sondern das auf der Klostermauer errichtete Pesthäuschen mit Fachwerkobergeschoss, in dem früher die Klosterbrüder wohnten, die die Pestkranken aus Werne und Umgebung pflegten. Da sie mit den Aussätzigen in Kontakt gekommen waren, sollten sie niemanden anstecken. Heute nutzen die im Kloster lebenden Mönche das Häuschen u.a. als Unterkunft für Pilger.


Bruder Tobias, der zufällig vorbeikommt, begrüßt uns, verschafft Anni und mir den Pilgerstempel des Klosters, lädt mich für morgen früh zum Frühstück ins Kloster ein und übergibt mir den Schlüssel zum Pesthäuschen. Anni gruselt es zunächst etwas, als wir es betreten, aber alle können wir sehr schnell feststellen, dass dies eine sehr schöne Pilgerunterkunft ist. Doch Julian, Niels, Anni und Lenny haben nicht mehr viel davon. Lenny wird schnell nochmal gewickelt und gestillt und dann geht es für sie ab zum Auto, welches ganz in der Nähe parkt. 


Die Kinder wissen genau, das mir dieser Moment schwerfällt und sie machen es (berechtigterweise) relativ kurz und schmerzlos. Als die Autotüren zuknallen und der Motor anspringt, mache ich auf dem Hacken kehrt, winke kurz und bin weg. Ich renne noch einmal über den vollen Marktplatz bis mein dicker Hals allmählich wieder abgeschwollen ist und gehe zurück ins Pesthäuschen.


Während ich schreibe, sehe ich durch mein Zimmerfenster, wie draußen ein sehr alter Klosterbruder in seiner langen, braunen Mönchskutte gemächlich bis zu der Stelle geht, wo sich um 21.30 Uhr das hohe eiserne Tor zum Klostergelände schließt. Genau hier hält er an, keinen Schritt geht er weiter. Er verweilt einen Moment und schaut in eine Welt, die nicht seine ist. Vielleicht tut er dies jeden Tag. Dann dreht er sich langsam um und geht zurück - in seine Welt.


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Kommentare: 2
  • #1

    Der Kronprinz (Montag, 03 April 2017 12:59)

    Och, das ist ja echt süß!!!

  • #2

    Barbara (Dienstag, 04 April 2017 23:34)

    Danke für die gute Anregung - werde von nun an diese neue, vielversprechende Weckmethode einführen - beide Kinder auf Julis Rücken legen (oder werfen, je nach Ausmaß meiner Verzweiflung...). Tolle Bilder, schöner Bericht - danke, Reinhard!