Neugier wecken!

Nur drei Patres sitzen noch mit mir am Frühstückstisch. Mehr gibt es nicht mehr im Kapuzinerkloster von Werne. Zwei von ihnen dürften ihren 70. Geburtstag schon lange gefeiert haben. Der dritte, Bruder Wolfgang, wird mein Alter sein. 


Während die beiden älteren sehr freundlich sind, aber kaum reden, sprudelt es bei Bruder Wolfgang nur so heraus. Im Prinzip geht es um nichts anderes mehr, als dass man sich Sorgen macht, wie alles weitergehen soll. Was passiert mit dem Kloster, wenn sie nicht mehr sind? Die Aufgaben, die sie sich früher selbst auferlegt haben, können schon jetzt nicht mehr geleistet werden. Ihr Essen kommt aus einer Großküche, den Klostergarten, so groß wie ein halbes Fußballfeld, pflegt ein Freundeskreis, dessen Mitglieder aber auch immer älter und weniger werden, die früher recht aktive Jugendarbeit (im Untergeschoss des Pesthäuschens) ist eingestellt, sie können das nicht mehr leisten. Die Liste könnte man fortsetzen. Wie lebt es sich mit diesen Perspektiven? Ist der tagtägliche Dienst an Gott ihnen wirklich genug, füllt er sie aus, bis ans Ende? Ihre größte Abwechslung sind vielleicht die Pilger, die jetzt wieder zum Beginn des Frühlings bei ihnen Unterkunft finden und mit denen sie sich beim gemeinsamen Frühstück austauschen können. Ich bin sehr nachdenklich, als ich mich von ihnen verabschiede. Natürlich hatte ich Ihnen auch von Michelle erzählt, und Bruder Wolfgang bittet mich, meinen Obulus für die Übernachtung zu behalten und als Spende an Michelle zu nutzen. 


Wo gestern Nachmittag noch hektisches Treiben herrschte, ist heute Morgen Ruhe eingekehrt. Nur eine junge Mutter, die ihr Kind offensichtlich zum Kindergarten bringt, geht über den ansonsten leeren Marktplatz, und über den großen Kirchplatz vor der St. Christophoruskirche geht nur ein alter Mann mit Hund. Der Himmel ist grau, es ist nasskalt, nicht zu vergleichen mit dem gestrigen schönen Frühlingstag. Genau das richtige Wetter, ein gutes Tempo vorzulegen, damit mir warm wird. 


Zügig komme ich aus Werne heraus, ich bin im Eroberungsmodus. Hinter Werne wird es jetzt richtig flach, auch die letzten leichten Hügel sind verschwunden. Im Zickzackkurs geht es durch die Felder, nur manchmal an einem kurzen Waldrand entlang. Große Traktoren fahren mit ihren Güllefässern auf die Felder und verspritzen ihren übel riechenden Inhalt. Den ganzen Tag über werde ich diesen Gestank nicht recht los. Doch..., wenn ich genauer nachdenke, gibt es eine Ausnahme: Die Umgebung von Schloss Westerwinkel mit dem ihm umgebenden Golfplatz ist geruchsfrei. Ich weiß jetzt nicht, ob das ein Zufall ist, ich will das auch gar nicht werten, ich stelle nur fest. 


Schloss Westerwinkel ist ein vierflügeliges, von einem Wassergraben umgebenes Bauwerk, errichtet in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, das seitdem baulich unverändert geblieben ist. Doch an den Wänden im Innenhof blättert der Putz.


Nicht weit vom Schloss komme ich nach Herbern, einem kleinen Städtchen, das sich an der alten Handelsstraße Münster - Werne - Dortmund gebildet hat. Auf Handelsstraßen zogen auch Pilger, daher ist Herbern auch immer Pilgerstation auf dem Jakobsweg gewesen. In der kath. Pfarrkirche St. Benedikt hole ich mir einen Stempel für meinen Pilgerpass. Zur gleichen Zeit sitzt ein etwa 50jähriger Mann vorne in der ersten Bankreihe, zupft auf seiner Konzertgitarre wunderbare leise Melodien und beginnt dann plötzlich mit einer sehr hohen Tenorstimme, die die ganze Kirche ausfüllt, zu singen. Ich bin wie vom Donner gerührt, kann nicht anders als mich in die hinterste Bankreihe zu setzen und zu lauschen. Zehn Minuten etwa höre ich fasziniert zu, dann gehe ich, während der Mann weitersingt.


Ein kleines Bäckerei-Café lockt. Ein Pott Kaffee, ein dick belegtes Roggenbrötchen, so ist es fein. Neben der Brötchen- und Kuchentheke sitzt an zwei der wenigen Tische eine kleine Frauengruppe mit einzelnem Mann. Ich grüße, sie grüßen zurück, ich stelle mein Wheelie ab, setze mich an einen kleinen Tisch in der Ecke, die Frauen schnattern, der Mann fleißig mit. Thema: Dorfnachrichten. Ab und zu ein verstohlener Blick zu mir hinüber und zu meinem Wheelie. Dann kann der Mann nicht mehr an sich halten: "Haben Sie Ihr Bett dabei?" Gekicher bei den Frauen. "Ja", gebe ich zurück, "aber nur in dem Fach vorne. Im hinteren Fach habe ich meinen Kleiderschrank." Das Gespräch kommt in Gang. Woher? Wohin? Donnerwetter, sooo weit? Gaaanz alleine? Und wenn was passiert? Kenne ich ja alles. Dann wird mir klar, dass das Trüppchen mein Spendenplakat gar nicht sehen kann, das Wheelie steht falsch. Schweres Versäumnis! Ich stehe auf, drehe meinen Willi um, hole (völlig unnötigerweise) meine Fleecejacke raus. Ein Gang zur Toilette (auch unnötig!) schließt sich an, denn ich will Zeit zum Lesen geben. Und sie werden das Plakat lesen, da bin ich mir sicher, der Mensch ist neugierig. Als ich nach angemessener Zeit zurückkomme, fragt die Jüngste aus dem Kreis (ca. 70 J.): "Sagen Sie mal, was ist denn da mit dieser Michelle? Uns ist Ihr Plakat da zufällig in die Augen gefallen." Treffer! Ich erzähle Michelles Geschichte in Kurzform und nach kurzer Zeit landet ein kleines Sümmchen in meinem Brustbeutel. Ich muss diese Taktik noch perfektionieren...!


Ich bin nach Herbern gerade mal wieder eine halbe Stunde unterwegs, da reißt der Hochnebel auf und die nächsten zehn Kilometer gehe ich wieder im strahlenden Sonnenschein. Die typischen münsterländer Pättkes sind es , auf denen ich entlangmarschiere und mein Wheelie rollt, an großen Hofstellen vorbei, bei denen sehr oft ein mächtiges Kruzifix vor der Hofeinfahrt steht. 


Um 16 Uhr bin ich in Drensteinfurt bei Tillmanns, einem älteren Ehepaar, dem es Freude bereitet, Jakobspilgern für die Nacht eine Unterkunft zu bieten, Frühstück inklusive. Zusätzlich gibt es abends noch guten Rotwein und angeregte Gespräche. Neben der Dusche ist das ja alles, was ein Pilger braucht.


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Kommentare: 2
  • #1

    Der Kronprinz (Dienstag, 04 April 2017 10:03)

    Also, ich fände es ja cool, wenn auf deiner Website ein Zähler wäre, der den Betrag anzeigt, den du durch solche taktischen Manöver während des Tripps zusätzlich rein holst. Dann fiebern wir noch mehr mit...

  • #2

    Susi (Dienstag, 04 April 2017 23:17)

    Huhu aus der Heimat!
    Bin ich froh, dass du den 'Willi' dabei hast��LG