Immer wieder Überraschungen

Bei Tillmanns wird in der Küche gefrühstückt. Selbst eingekochte Marmelade, englischer Käse, die unterschiedlichsten Brötchensorten. "Und bitte machen Sie sich noch was für unterwegs!" Ich lasse mich breitschlagen, alles andere wäre nahezu einer Beleidigung gleichgekommen.


Dann beginnt ein langer Wandertag, und Wandern bzw. Pilgern im Münsterland heißt Fortbewegen auf Asphalt, auf den "Pättkes", den etwa drei Meter breiten Sträßchen, die in der Regel nur für landwirtschaftliche Fahrzeuge und für Radler bestimmt sind und kreuz und quer durch die münsterländer Feldflur kreuzen. Viele Äcker sind noch grob gepflügt, auf anderen sprießt bereits das Getreide. Obstbäume und Frühlingsblumen blühen in den Gärten der weit verstreuten Höfe in den buntesten Farben, vereinzelt schlagen Hunde an und in etwas breiteren Entwässerungskanälen schwimmen verliebt Herr Erpel und Frau Ente Seit' an Seit'. 


In Rinkerode, einer einst wichtigen Station auf der alten Handelsroute Münster - Werne - Dortmund, ein kurzer Stopp an der Pfarrkirche St. Pankratius, in der der örtliche Priester gerade in dem Moment, in dem ich die Kirche betrete, aus seiner Sakristei kommt, mich herzlich begrüßt und mir höchstpersönlich den Pilgerstempel in meinen Pass drückt. Keine 100 m entfernt von der Kirche liegt die Bäckerei mit Steh-Café, eine Art von Einrichtung, an die ich mich in den nächsten Wochen gewöhnen könnte. "Steh-Café" muss nicht immer sein, denn gerne würde ich auch sitzen, schließlich genehmige ich mir bei diesen Gelegenheiten eine Pause.


Von Rinkerode aus geht es streng nach Norden, jetzt um die Mittagszeit klar zu erkennen an dem mir ständig vorauseilenden Schatten. Ich bin ganz froh darüber, dass meine Marschrichtung logischerweise dazu führt, dass ich die Sonne den größten Teil des Tages im Rücken habe und sie mir nicht mit ihrem gleißenden Licht von vorne aufs schüttere Haupt brennt. Unmittelbar links neben mir zieht sich die schnurgeradeaus verlaufende Eisenbahnlinie Münster - Dortmund dahin und in einiger Entfernung rechts von mir vernehme ich beständig das Rauschen der A1. Der Streckenverlauf der A1 entspricht in weiten Teilen dem der alten Handelsstraße und ist damit viel eher auch ein Stück traditioneller Jakobsweg als der Radweg, auf dem ich jetzt entlangziehe. Doch so ist das entlang vieler Streckenabschnitte der Jakobswege in Deutschland. Die gegenwärtig markierten Wege entsprechen nicht dem traditionellen Weg, sondern sind nur an diesen angelehnt.


Beim Hiltruper See ist der Großraum von Münster zwar erreicht, aber ich bin noch lange nicht am Ziel. Daher ist nochmal eine Rast in der Natur angesagt, bevor es wieder kilometerlang durch Wohngebiete geht. Eine kleine Strandfläche am Seeufer, im Sommer wohl ein Badeparadies der Städter, drängt sich als Rastplatz nahezu auf. Zufrieden stöhnend lasse ich mich in den Sand nieder - und sehe im selben Moment, wie eine kapitale Kanadagans mit hoher Geschwindigkeit angeschwommen kommt. Ich habe kein Futter dabei, denke ich mir noch, da ist sie auch schon angelandet und kommt überhastet auf mich zugelaufen. Dabei macht sie Geräusche, die mich irgendwie unruhig machen. Sie ist noch etwa fünf Meter von mir weg... drei... zwei... einen... sie schlägt mit den Flügeln. .. und beißt mir in den Schuh. Äh, wat is...? Ich will doch nur hier rasten! Ich will doch gar nix von dir! Sie beißt nochmal zu... diesmal in den anderen Schuh. Ich bin entrüstet! Sowas tut man doch nicht! Ich protestiere! Normalerweise würde ich diesen Kampf hier gewinnen, aber ich bin ja bei weitem der Vernünftigere. Ich renne vom Strand weg und setze mich hoch auf das rettende Ufer. So, du blöde Gans, du!


Der Eintönigkeit der Münsteraner Wohn- und Industriegebiete versuche ich zu entgehen, indem ich einen alternativen Weg einschlage: Der Dortmund - Ems - Kanal wird für einige Kilometer nun mein Begleiter. Jede Menge Radfahrer und Jogger sind mit mir auf dem Kanaluferweg, auf dem Kanal selbst begegnen mir Lastkähne, Öltanker und einige Ruderboote. Die Strecke zieht sich, nur die Straßen- und Eisenbahnbrücken, die ich unterquere und auf der Karte wiederfinde, geben mir Orientierung. Dann endlich die letzte Brücke, hinüber auf die andere Kanalseite. Von dort sind es nur noch knappe zwei Kilometer bis zum Hauptbahnhof.


Mein Wanderfreund aus den vergangenen Jahren, Dieter, wird gleich zu mir stoßen - hatte ich lange Zeit vermutet, doch dann teilt er mir per Handy mit, dass es zu einer ordentlichen Verspätung kommen wird. Am Bahnhof lange auf ihn zu warten, habe ich keine Lust und marschiere ins Zentrum. Fahrräder, nichts als Fahrräder, ich muss höllisch aufpassen, dass ich nicht vor die Speichen gerate. Meine Füße brennen, für heute ist es genug. Endlich auf dem berühmten Prinzipalmarkt mit dem historischen Rathaus, wo 1648 der Westfälische Frieden geschlossen und damit der 30jährige Krieg beendet wurde. Am Ende des Prinzipalmarktes steht die Lambertikirche. Drinnen begegne ich mal wieder einem älteren Priester, der aufmerksam mein Spendenplakat liest und mir nach meinem Rundgang durch den Kirchenbau mit einem stummen Hinweis mit der Kinnspitze einen 5-Euro-Schein in die Hand drückt.


Dieter ruft an. Er ist in Münster "gelandet" und will jetzt einen Bus ins Zentrum nehmen. Wir verabreden uns am Dom, der nur wenige Steinwürfe vom Prinzipalmarkt entfernt liegt. Auch hier ein Rundgang, dann ist es genug. Ich setze mich auf die Stufen des Domeingangs und warte auf Dieter. 

Dann kommt ein Anruf. Anni! Welche Freude! Wie es mir denn so gehe, wo ich denn gerade sei? Ich beantworte mit Freuden ihre Fragen - dann kommt Dieter über den Domvorplatz anmarschiert. Ich beende das Gespräch mit Anni, begrüße Dieter. Eigentlich will ich mich jetzt direkt zur Unterkunft durchschlagen, aber Dieter möchte nochmal zurück zum Prinzipalmarkt, einige Fotos schießen. Ein neuer Anruf von Anni: ob es noch eine andere Kirche gäbe als die am Prinzipalmarkt. Ja, mein Schatz, den Dom, an dem ich gerade mit Dieter sitze. Ich stutze. Meine Tochter fragt so komisch. Mir schwant, dass da wieder was im Busch ist. Ich bohre nach. "Tochter, irgendetwas stimmt da wieder nicht..." Sie druckst rum und gesteht mir dann, dass wieder ein besonderer Besuch bevorsteht, aber ich soll jetzt mal in die Unterkunft gehen. Mein Blutdruck steigt. 


Eine halbe Stunde später sind wir bei Bröckers angekommen, ein überaus nettes Ehepaar, das selbst schon gepilgert ist und nun - wie viele andere auch - seine Türen öffnet für andere Pilger. Kaum haben Dieter und ich unser Zimmer bezogen, klingelt es an der Tür. Petra Bröcker öffnet und herein kommen... Michelle, dann ihre Schwester Jacqueline, ihr Vater Thomas und zum Schluss Mutter Sabrina. Ich bin überwältigt, platt, sprachlos. Auf ihrem Rückweg von der Hamburger Universitätsklinik, wo mal wieder Untersuchungen für Michelle anstanden, wollten sie mich hier in Münster überraschen. Und das ist ihnen wahrlich gelungen! Ich bin ganz aufgeregt, dusche mich noch schnell, dann marschieren wir alle zusammen in ein nahegelegenes Lokal. Ich erfahre einige Neuigkeiten von Michelle, die auch nicht alle erfreulich sind, aber ich bin ganz aufgekratzt und glücklich, dass sie mich hier in Münster besuchen. Stolz bin ich auch darauf, dass Anni wieder ihren Teil zu diesem gelungenen Zusammentreffen beigetragen hat. 


Kurz vor 21 Uhr verlassen wir das Lokal, Dieter macht von uns noch ein Foto. Danke, Ihr Webers, für diesen schönen Abend!


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Kommentare: 3
  • #1

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 05 April 2017 10:07)

    Na, da bin ich ja ganz traurig, dass es kein Bild von der Kampfgans gibt! Da wäre ich doch zu gerne dabei gewesen. Das klingt zum Schießen!

    Schön, dass Michelle und ihre Familie es zu guter Letzt doch zu dir geschafft haben. Es war ja etwas kompliziert, wie sie dir bestimmt erzählt haben. Aber es war mir wieder mal eine Ehre, zu so einer Überraschung beigetragen zu haben!

    Ich wünsche euch zweien viel Spaß bei eurer von jetzt an gemeinsamen Tour!

  • #2

    Renate Z. (Mittwoch, 05 April 2017 15:34)

    Hallo Reinhard,
    nun liegen so schöne Wandertage mit Mitgliedern deiner Familie hinter dir und schöne Tage mit deinem Freund vor dir.
    Wünsche dir/euch weiterhin Spaß und nette Gespräche, möglichst aber keine auf Krawall gebürsteten Tierkontakte :)

    Liebe Grüße
    Renate

  • #3

    Die Weber's (Mittwoch, 05 April 2017 19:18)

    Hallo Reinhard,
    es war zwar etwas kompliziert, aber es hat sich gelohnt. Wir haben uns sehr gefreut dich auf deiner Tour zu treffen. Dank deiner Tochter haben wir es ja dann auch geschafft.
    Wir wünschen Dir noch eine schöne Zeit.
    Liebe Grüße
    die Weber's