Zehn Prozent

Ich lasse die Katze direkt aus dem Sack: Ich habe Blasen! Eine kleine und zwei dicke, fette! Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, in den letzten 30 Jahren jemals eine Blase gehabt zu haben, jedenfalls keine an den Füßen. Von uneingelaufenen Wanderschuhen kann auch keine Rede sein, schließlich hatte ich bereits an die 300 Kilometer mit ihnen zurückgelegt, bevor vorgestern die erste dieser Plagegeister auf der Bildfläche erschien. Mal sehen, wie sich das so entwickelt. Jetzt liege ich hier im Bett, habe gerade meine Sanitätsmaßnahmen hinter mir (aufstechen, ausdrücken, Wundsalbe drauf, Blasenpflaster drauf, Leukoplast über alles) und warte darauf, dass nichts mehr weh tut. 


Dabei fängt der Tag hervorragend an: Beim Abschied von Petra und Hermann Bröckel, unseren Gastgebern der vergangenen Nacht, gibt uns Petra unser Spendengeld aus der Pilger-Spendenbox zurück. "Mich hat gestern Abend mein kurzes Gespräch mit der Familie Weber sehr betroffen gemacht. Nimm bitte das Geld wieder zurück und lasse es Michelle zukommen", sagt Petra sehr ernst zu mir und ich merke sofort, dass es ihr ein wirkliches Bedürfnis ist. 


Um kurz nach 9 Uhr sind Dieter und ich wieder auf Münsters Straßen. Der Himmel ist dicht bewölkt und das schöne Wetter von gestern wird Dieter an seinem ersten Pilgertag nicht haben. Es dauert eine Weile, bis wìr wieder im Grünen sind - und dann beginnen meine letzten 90%. Ja, tatsächlich, 10% meines langen Weges habe ich bereits hinter mich gebracht, dabei habe ich das Gefühl, gerade erst begonnen zu haben. Schon jetzt habe ich einiges erlebt, aber die besonderen landschaftlichen Highlights kommen noch und bestimmt noch viele Erlebnisse, Begegnungen und Überraschungen.


Von all dem gibt es aber an diesem Tag nicht viel, um nicht zu sagen gar nichts. Ein paar Kilometer Pättkes, blühende Bäume, eine Stempelstelle in der kleinen Kirche St.Pietronella bei Haus Dyckhaus, eine Rast beim Gut Havichhorst und einige lange Kilometer am Dortmund-Ems-Kanal entlang. Gerade hier trifft uns ein empfindlich kalter Wind und wir sind beide froh, als wir in Schmedehausen eintrudeln. Lange nach unserer Unterkunft suchen müssen wir bei den wenigen Häusern des Dorfes auch nicht, dann haben wir die kleine Pension auch schon erreicht.


Eine Besonderheit aber gibt es in Schmedehausen. Jeden ersten Mittwoch im Monat kommt ein Pizzawagen vorbei, positioniert sich von 18 bis 19.30 Uhr auf dem kleinen Platz vor der Kirche und versorgt einen großen Teil der Bevölkerung mit Pizza. Im Sommer soll manchmal der Andrang so groß sein, dass einige Bierzeltgarnituren zusammengetragen werden und das Pizzaessen zu einem Sommerfest generiert. Heute ist es für solch eine spontane Aktion zu kalt, aber wir holen uns trotzdem jeder eine Pizza. Das Bier dazu gibt es dann in einer Kneipe um die Ecke.


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Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 06 April 2017 19:18)

    Jaja... kaum ist die Tochter weg und der Dieter da, ist Schluss mit der Sparsamkeit und es wird jeden Abend geschlemmt.

  • #2

    Bernd (Freitag, 07 April 2017 10:10)

    Lieber Reinhard, es reicht doch, wenn der Willi (wheely) Ballonfüße hat.
    Alles Gute für die kommenden 90% - und Dir mitsamt Füßen ebenso!
    Buen Camino (gilt auch für die Gegenrichtung) Bernd