Harte Zeiten!

Zwei Dinge stelle ich vorweg: Zunächst einmal vielen Dank an all die lieben Menschen, die mich auf meinem Weg in diesem Blog verfolgen, vor allem natürlich an diejenigen, die mir sogar ein paar aufmunternde Worte schicken. Das tut gut! Weiterhin bitte ich um Verständnis dafür, wenn einmal an einem späten Abend oder frühen Morgen kein Tagesbericht auf dem Screen erscheint. Das liegt dann nicht an meiner Schreibfaulheit, sondern am nicht vorhandenen oder sehr schleppenden Internetzugang. Dieter und ich suchen dann am nächsten Morgen nach einer günstigen WLAN-Verbindung und meistens hat es spätestens dann ja auch geklappt. Hoffen wir, dass das so weitergeht.


Sich im Haus von Andrea und Jörg in Schmedehausen zu bewegen, ist wie der Besuch in einem Mittelding zwischen Museum, schwedischer Heimatstube und Trödelscheune. Alleine in unserem Doppelzimmer ersetzt eine alte Kanne den Wasserhahn und ein Fernseher versteckt sich an der Wand in einem alten Koffer. Überall hängen, stehen oder liegen alte Dinge, die Jörg ständig von Schweden mitbringt, wo er als Koch von "rucksack-reisen" in Idre (schwedisch Lappland) tätig ist. Andrea ist Künstlerin, die sehr viel Holz verarbeitet, und ihre Werke ergänzen Jörgs Sammelsurium auf interessante Weise. Im Garten steht ein ehemals alter Bauwagen, den Andrea momentan zu einem Zirkuswagen umbaut, und die Wiese schmücken weiße Porzellan-Pissoires, bepflanzt mit Frühlingsblumen. Immer wieder entdecken meine Augen etwas Neues und ich wäre gerne noch länger auf Entdeckungsreise gegangen, aber "der Weg ruft". 


Wieder geht es anfangs am Dortmund-Ems-Kanal entlang. Schwere Wolken hängen über dem Land, die Temperaturen sind gegen gestern weiterhin zurückgegangen und es ist etwas usselig. Eigentlich genau das richtige Wetter, um sich mit einem strammen Schritt körperliche Wärme zu verschaffen. Aber meine kleinen Gebrechen lassen bei mir keinen schnelleren Schritt zu. Ich muss Geduld haben mit meinem durch Blasen verursachten Leiden und den Schmerz ertragen, der bei jedem Schritt im ganzen Körper widerhallt. Nichtsdestotrotz bin ich zuversichtlich: Wenn ich nur weitergehe, wird das Übel schließlich durch die Sohlen meiner Schuhe in den Boden abfließen. So hatte man ja auch im Mittelalter geglaubt, dass man beim Schlafen seine nackten Füße gegen den Rücken eines Hundes halten sollte, damit sich das Rheuma in den Körper des Tieres verzog. 


Nach gerade mal sieben Kilometern bin ich richtig froh, als in dem kleinen Ort Ladbergen direkt bei der großen Kirche die Touristen-Information auftaucht, mit einem angeschlossenen kleinen Laden und einem Café, welches von Ehrenamtlern geführt wird. Der Laden ist liebevoll ausgefüllt mit Regalen mit etwas Obst und Gemüse, Eingemachtem in Weckgläsern, selbstgebrannten Spirituosen, Selbstgebasteltem für die Osterzeit und auf der Zahltheke steht ein großes Glas mit Soleiern. Im Café-Bereich sitzen etwa zehn Männer um einen großen Tisch herum, die sog. "Donnerstagsrunde", und parlieren über die große Weltpolitik und über den Fußball. Dieter ist natürlich mit den meisten Statements nicht einverstanden, aber ich kann ihn erfolgreich daran hindern, sich in die Gesprächsrunde einzuklinken. Bevor er sich vielleicht doch nicht bremsen kann, gehen wir lieber.


Weiter geht es durch eine Landschaft, wie ich sie nun seit drei Tagen kenne: flach, grün und große Bauernhöfe. Doch außer meinen Blasen gibt es nichts, was mich daran stört. Nach fast zwei Wochen aber habe ich hier und da den Wochentag aus den Augen verloren. Es gibt ja keinen Unterschied mehr zwischen einem Dienstag und einem Freitag oder Sonntag. Dienst fällt eh aus, frei ist immer und die Sonne in den letzten Tagen meist. Sogar das Datum hat sich mittlerweile in Bedeutungslosigkeit aufgelöst.


Dieter geht heute wesentlich geschmeidiger als ich. Welch eine Schmach!!! Er ist aber ehrlich besorgt um mich, findet sich jedoch in den vertauschten Rollen zu den letztjährigen Wandertagen in Schottland bestens zurecht. Ich bitte um eine nächste Rast am Hof Stockdieck, wo allerdings keine Bank uns erfreut. Dieter geht zum Bauernhaus und fragt nach, ob wir uns im Garten niederlassen könnten. Die Bäuerin empfiehlt das kleine Fachwerkhaus in Nachbarschaft zum Hof, welches sich dann als eine Art Feierstube entpuppt, mit groben Holzmöbeln, einem offenen Kamin, Theke, gefülltem Kühlschrank - und Toiletten. Wir sind erfreut, stellen uns Stühle nach draußen vor die Tür und genießen die Ruhe und die Sonne. Eigentlich könnte man mir jetzt in dem Häuschen ein Bett aufstellen.


Doch sechs Kilometer sind es noch. Meine Schritte haben etwas von einer Balletttänzerin, die immer die Fußspitzen zuerst aufsetzt. Doch die lächeln meist dabei und das tue ich die letzten Kilometer mit Sicherheit nicht. Weit hinten tauchen Höhenzüge auf, das muss der Teutoburger Wald sein. Münsterland: Check! Morgen geht es über ihn hinweg auf Osnabrück zu. Doch morgen ist morgen! Jetzt Zähne zusammenbeißen und in Lengerich ankommen! Bei Haus Vortlage ist der Stadtrand erreicht. Dann nochmal Industriegebiete, Discounter, Tankstellen, schließlich doch Wohngebiete, die Altstadt, die Fußgängerzone, die Kirche - und nahe dabei: das CVJM-Haus. Endlich! 


Ein Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde schließt uns auf, zeigt uns unser Zimmer und vertraut uns das ganze Haus an, in dem sich außer uns niemand aufhält. Als erstes öffne ich meine medizinische Abteilung - meine Balletttänzerfüße sehen gar nicht gut aus.


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Kommentare: 5
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 07 April 2017 03:24)

    Hmmm... wer weiß, was der liebe Jakobus dir mit den Blasen sagen will...
    Nackte Füße gegen einen Hund halten gegen Rheuma? Basti

  • #2

    Die Pilgertochter (Freitag, 07 April 2017 03:37)

    Huppala! Da waren die Finger mal wieder zu schnell... :-)

    Basti, das probieren wir aus! Vielleicht hilft es ja auch gegen Bechterew. Auch wenn das dem Hund gegenüber ziemlich fies wäre.

    Hmmm.. so richtig nach Genusswandern klingt das grad gar nicht. Vielleicht will Jakobus dich ja Demut lehren. Und dass Leichtigkeit beim Laufen nicht selbstverständlich ist.
    Aber merke: nur eine Balletttänzerin mit blutenden Füßen ist eine gute Ballettänzerin! Und auch dann lächeln sie noch. Und sieh es mal positiv: solange es nur Blasen sind... die gehen vorbei.

  • #3

    Rosi Bobe (Freitag, 07 April 2017 09:47)

    um blasen zum abheilen zu bringen habe ich gute erfahrungen damit gemacht die blase mit propolis (apotheke) einzureiben, nur 1 tropfen. dann kurz einziehen lassen und dann ein pflaster drauf...
    Gibt's auch beim Imker. Vorsicht bei Allergie gegen Bienengift. Brennt zunächst ein wenig, danach nimmt es den Schmerz und desinfiziert.
    Gute Besserung und liebe Grüße
    Roswitha

  • #4

    Helmut (Freitag, 07 April 2017 12:53)

    Hallo Reinhard, ich will Dich nicht bemitleiden, weil Du das selbst viel besser kannst. Aber ich wünsche Dir/Euch noch eine angenehme Zeit. Bis zu Deiner Rückkehr muss Lenny wohl ein Opa reichen - ich gebe mein Bestes.
    Viele Grüße aus Essen

  • #5

    Der Kronprinz (Montag, 10 April 2017 09:27)

    Gute Besserung!