Der Pilgerpass an sich

Am frühen Morgen - Dieter schläft noch - lecke ich meine Wunden. Na ja, ich lecke nicht, ich versorge sie. Alte Pflaster ab, Bepanthen drauf, neue Pflaster drauf. Trotzdem muss sich noch zusätzlich was ändern. Die neuen Einlagen fliegen raus. Die beiden dicken Blasen links und rechts sind mir verdächtig nah an den Einlageschalen-Rändern der Fersen. Außerdem habe ich das Gefühl, die Schuhe sind mir durch die Einlagen viel zu eng, trotz dünner Strümpfe. Falsch beraten vom Globetrotter-Verkäufer, der sich sicher war, dass Schuhgröße 42 reicht? Mache ich also meinen Füßen Platz, indem ich die Einlagen rausschmeiße und ganz unten in den Wheelie versenke.


Dieter taucht jetzt auch langsam aus der Versenkung auf und wir machen uns in aller Ruhe abmarschbereit. Der Marsch wird nicht lange dauern, vielleicht 200 m bis zum nächsten Café. Frühstück wird im CVJM-Haus nicht serviert, von wem auch. Dieter Rogge von der evangelischen Kirchengemeinde kommt wie verabredet um 8 Uhr. "Heizungen wieder ausgestellt?" - Nicken - "Heißwasserboiler abgedreht? - Nicken - "Betten abgezogen, Licht ausgemacht?" - Energisches Nicken - Zufrieden nimmt er den Hausschlüssel von uns wieder in Empfang, macht noch ein Foto von den beiden Jakobuspilgern für das Gemeindeblättchen und verabschiedet uns mit den besten Wünschen.


Fünf Minuten später sitzen wir im Bäckerei-Café und haben nochmal fünf Minuten später das Frühstücksarrangement "Morgenstimmung" für zwei Personen vor uns stehen. Es schmeckt vortrefflich und dank der Übernachtung auf Spendenbasis und diesem preiswerten Morgenmahl war Lengerich für uns ein lohnenswerter Übernachtungsort.


Und jetzt ab auf die Piste! Es lässt sich ja doch nicht verhindern, denke ich mir relativ unmotiviert. Jakobsweg und der X 1648 bringen uns gemeinsam aus der Stadt hinaus. Die ungewohnte Zahl hinter dem X-Weg bedeutet nichts anderes als die Kennzeichnung als sog. "Friedensreiterweg", in Erinnerung an die berittenen Boten, die 1648 mit diversen Depeschen zwischen Münster, Lengerich und Osnabrück hin und her geritten sind, um den Stand der Verhandlungen auszutauschen, die dann letztlich 1648 zum Westfälischen Frieden nach dem grausamen 30jährigen Krieg geführt haben.


Ein Pferd wünsche ich mir jetzt auch, denn schmerzfrei geht mein Pilgern immer noch nicht ab. Ich entschließe mich erneut, den Schmerz einfach zu ignorieren und ihn, so gut es geht, einfach herauszulaufen, aber richtig erfolgreich bin ich damit nicht. Selbst Jakobus, der bei einer kleinen Mühle von einer braunen Kachel auf mich herabblickt, schaut etwas mitleidig. Vielleicht muss ich auch einfach mehr Wasser trinken, um den Schmerz herauszuschwemmen. Im Verlauf meines langen Wander- und Pilgerlebens habe ich gelernt: immer schön trinken, bevor man Durst hat. In jungen Jahren kannte ich das nur im Zusammenhang mit Alkohol, aber für Wasser gilt das anscheinend auch. Also mache ich das so und muss mich wirklich konditionieren, regelmäßig langweiliges Wasser zu trinken. Es gelingt mir aber nicht immer, eher selten.


Nachdem ich am Anfang des Tages noch recht angetan davon bin, wie ich heute (ohne Einlagen) im Schuh stehe, kann sich dieses Empfinden im Lauf des Tages nicht so ganz halten. Immer mehr wird mir, als müsste ich für ein mir nicht präsentes Vergehen jetzt eine kleine Strafe in der Vorhölle abbrummen. Irgendwann verliert man an so einem Tag auch den Blick für das Schöne und möchte einfach nur ankommen... und man hat das Gefühl die Zeit rast, aber die Kilometer wollen nicht so recht vergehen.


Doch dann passiert es tatsächlich: Durch das Heger Tor gehen (besser: kriechen) Dieter und ich in die Altstadt von Osnabrück. Ruhiger ist es hier auf dem Platz vor dem historischen Rathaus, nicht von Touristen überlaufen wie der Prinzipalmarkt in Münster mit seinem Rathaus und dem dortigen Friedenssaal. Vom Markt kommen wir zum großen Dom, von seinen Ausmaßen nicht weniger imposant als der Dom von Münster.


Auch hier im Dom fragen Dieter und ich nach der Stempelstelle für Jakobspilger und werden von einer diensthabenden Ordensschwester auf die Sakristei verwiesen. Ein relativ junger Mann (vielleicht ein Priester) öffnet uns dort die Tür, lässt sich von uns in aller Kürze den Verlauf unserer Pilgerwanderung schildern und drückt uns dann den Stempel in unsere Pilgerpässe.


Der Pilgerpass ist ein Stück gelblicher Karton, der akkordeonartig gefaltet wird. Ehrlich gesagt, macht er an sich wenig her und besteht aus dreimal recyceltem Papier. Mit seinen großen Vierecken, in welche nach jeder Etappe die Stempel gedrückt werden sollen, erweckt er nicht gerade einen sehr wichtigen Eindruck. Aber mit dem Pilgerpass ist es wie mit vielem anderen auch. Seinen wahren Wert ermisst man erst unterwegs. Ich erinnere mich noch daran, wie es auf meinen Wegen nach Santiago di Compostela oder Rom war. Wenn man in seinem Rucksack nach ihm kramt - er ist von einem Starkregen durchweicht und müsste erstmal getrocknet werden, aber nirgendwo ist ein Heizkörper in Sicht -, wenn man schon fürchtet, ihn verloren zu haben, und unter dem misstrauischen Blick des Herbergsbetreibers fieberhaft nach ihm sucht, wenn man ihn nach einer anstrengenden Etappe siegessicher auf den Tisch des Angestellten vom Tourismusbüro legt, der ihn mit angewiderter Miene und spitzen Fingern schließlich mit seinem offiziellen Stempel vorsichtig streift, um den bloß nicht zu beschmutzen, wenn man dann in Santiago oder Rom angelangt ist und ihn vor dem Repräsentanten des Pilgerbüros stolz auseinanderfaltet, damit er die Pilgerurkunde in lateinischer Schrift ausstellt - erst dann kann man den Wert dieser Reliquie ermessen. Nicht anders wird es auf meinem Weg nach Trondheim sein.


Ganz, ganz gemächlich ziehen wir nun zu unserem Backpacker-Hostel am Rand der Osnabrücker Altstadt und ich bin echt froh, angekommen zu sein. Letztes großes Finale: Das Hostel ist untergebracht im 3. Obergeschoss - ohne Fahrstuhl. Vielen Dank!


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Kommentare: 1
  • #1

    Der kronprinz (Montag, 10 April 2017 09:33)

    Oh mann!! Mach bloß nicht schlapp Vadder!