Bon Camino

Es passiert immer mal wieder. Mein Tagesbericht ist fertig geschrieben, meine Augen fallen mir jeden Moment zu, es fehlen nur noch wenige Klicks bis zur Veröffentlichung im Internet - und zack! tut sich irgendein technisches Problem auf. Für jemanden, der ausreichend kompetent ist, sicher kein Problem, für mich aber ein großes und selten zu überwinden. Das führt dann, wie gestern Abend, zu der Tatsache, dass meine inhaltsschweren geistigen Ergüsse nicht das weltweite Netz erfreuen können, ich schnell resigniere und auf den nächsten Morgen hoffe, an dem ich meinen technischen Beistand, meinen Sohn Sebastian, telefonisch um Hiiiiiiiieeeeelfeee!!! bitten kann. So am heutigen Morgen um 7.45 Uhr geschehen. Ich denke mir, dies könnte die Zeit sein, zu der er gerade aufgestanden ist und noch nicht seine Arbeit aufgenommen hat. Doch mein Gesprächspartner ist nur seine nette Stimme auf dem Anrufbeantworter, die mir nicht weiterhilft.


Etwas traurig darüber, wiedermal meine "Arbeit" nicht abliefern zu können, mache ich mich mit Dieter auf die Socken, durchquere Osnabrück mit ihm ein zweites Mal und stelle dabei - vorsichtig erleichtert - fest, dass meine waidwunden Füße mir heute etwas freundlicher gesonnen sind als die letzten drei Tage. Aus diesem Grunde von einer kleinen Wolke der Zufriedenheit getragen, streben wir Haste zu, und kaum sehen wir die stattliche Kirche des Ortes vor uns, klingelt mein Handy. Sebastian! Nach einem netten wechselseitigen Morgengruß erkundige ich mich fürsorglich bei ihm, ob ich ihn auch ja nicht bei der Arbeit störe. "Keinesfalls", antwortet er mir, "wir haben Wochenende, Vatter!" Ups, dass heute Samstag ist, habe ich so gar nicht auf dem Schirm. Wie gut, dass er mich darauf hinweist! Das technische Problem ist bald behoben und bei einer kurzen Rast in einem Bäckerei-Café in Haste ist mein Beitrag vom Vorabend schnell eingestellt. Danke, Basti, bis zum nächsten Mal!


Unerwähnt von mir blieb bisher, glaube ich, dass wir uns seit gestern im Teutoburger Wald befinden. Nicht mehr das flache Gelände der Münsterländer Ebenen breitet sich vor uns aus, sondern die bewaldeten Hügel der Landschaft, die schon Herr Varus mit seinen römischen Legionären überschritten hatte. Kurz vor dem Wallfahrtsort Rulle kommt uns eine ältere Frau entgegen, ebenfalls in zünftiger Wandermontur und mit Rucksack auf dem Rücken. Ich spüre, dass sie nicht nur auf dem hier parallel verlaufenden Wittekindsweg unterwegs ist, und spreche sie an. Und tatsächlich: Sie ist Finnin, spricht recht gut deutsch, ist mit der Fähre in Travemünde bei Lübeck gestartet und geht nun über ein halbes Jahr hinweg ihren Jakobsweg. Hamburg und Bremen hat sie bereits hinter sich gelassen, geht nun weiter auf demselben Weg, den ich während der letzten zwei Wochen gegangen bin, dann weiter über Köln, Trier, Lothringen, Burgund und Le Puy bis an die Pyrenäen und dann weiter den Camino Frances bis Santiago. Ich weiß ja nun aus eigener Erfahrung, was das bedeutet und wünsche ihr viel Glück, Gesundheit, schöne Erlebnisse und Begegnungen. Faszinierend: Im Moment verbinden uns beide weit mehr als 5000 km lange Pilgerwege. Wir wünschen uns gegenseitig ein herzliches "Bon Camino!"


In Rulle möchten Dieter und ich uns die Klosterkirche St. Johannes ansehen und erhoffen uns, dort auch wieder einen Stempel anzutreffen. Doch als wir die schwere Holztür am Kirchenportal öffnen, klingt uns getragene Orgelmusik entgegen und die Reihen der Kirchenbänke sind gut besetzt. Wir platzen gerade in eine Beerdigungsmesse, machen natürlich auf den Hacken kehrt und verschwinden wieder. 200 m weiter, in der "Gaststätte am Kloster", hoffen wir auf eine nächste Rast. Doch drinnen ist alles auf den Leichenschmaus vorbereitet und geöffnet wird erst, wenn die Trauergesellschaft auftaucht. Zur kurzfristigen Erholung nehmen wir draußen die nächste Bank. Geht auch.


Nach ein paar Höhenmetern, die aber problemlos von uns zu bewältigen sind, ein bedeutungsschweres Schild: "Varusschlacht 9 km". Dabei handelt es sich zwar nur um einen Hinweis auf ein Restaurant, aber dennoch wird uns klar, dass hier gewaltig ein Mantel der Geschichte rauscht. Hat sich nun hier bzw. im benachbarten Kalkriese das große Gemetzel zwischen den Truppen von Arminius (Hermann) und Varus abgespielt? Die historische Forschung arbeitet daran. 


Früher als an den letzten beiden Tagen sind wir am heutigen Ziel in Engter. Unsere Unterkunft, der "Gasthof Bei der Becke", ist ein großes, altes Gebäude, mit vielen Zimmern, einem kleinen und einem großen Saal. Der alte Wirt empfängt uns freundlich, obwohl die Gaststätte erst um 17 Uhr öffnet. Dieter und ich gönnen uns je zwei Ankunftsbier und der Wirt erzählt: Seit 1848 gibt es das Haus, seit 1950 läuft es in Familienbesitz. Früher waren in dem Gebäude neben dem Raum mit der Theke auch noch Läden und ein Stall untergebracht. Das waren noch Zeiten! Drei Tage dauerte das Schützenfest. Dazu kam der Schützenball. Heute feiert man nur noch an einem Tag. Die Vereinsfeiern gibt es auch nicht mehr. Entweder weil es die Vereine gar nicht mehr gibt oder sie sich selbst ein Vereinsheim mit Ausschank gebaut haben. "Heute ist Samstag," sagt der alte Mann etwas wehmütig, " und sie werden es heute Abend sehen: tote Hose!"


Als wir abends zum Essen im Gastraum erscheinen, sind wir die einzigen Gäste - und das wird auch den Rest des Abends so bleiben.


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Der Kronprinz (Montag, 10 April 2017)

    Geht's den Füßchen wieder besser?