Jakobus - oder wer?

Jetzt liegen schon zwei Wochen und mehr als 300 km hinter mir, ein guter Anfang ist gemacht. Kleine Problemchen gibt es immer mal, ich muss nur aufpassen, dass sie nicht störender werden. Ich meine natürlich mein Blasenensemble - und nicht Dieter. Der ist momentan noch in Jahrhundertform, aber ich bin mir sicher, da wird sich auch irgendwann mal was dran ändern.

Im Gasthof Bei der Becke waren wir gestern Abend nicht nur die einzigen Gäste, sondern auch heute Morgen beim Frühstück. Außer uns gibt es also keine Gäste. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - ist der Tisch reich gedeckt und die alte Frau Bei der Becke umsorgt uns liebevoll. Mir tut es schon etwas leid, dass mit den beiden alten Leuten die Gasthoftradition dieses Hauses wohl bald zu Ende geht.

Es ist kaum zu fassen, welches Glück ich bisher mit dem Wetter habe. Kein Tropfen Regen bisher, viele Sonnenstunden, Temperaturen, die besser zum Wandern nicht sein können. Ich bin gespannt, wann das mal kippt. Die Luft ist heute früh klar und frisch, aber der Himmel ist blau. An die 20 °C sollen es heute noch werden, doch erstmal bleibt der Anorak an. 

Ohne dass die leichte Steigung uns zum Schwitzen bringt, geht es auf die bewaldeten Höhen des Kalkrieser Berges hinauf. Die Sonne schickt ihre Strahlen durch die noch kaum belaubten Kronen der Bäume und die Stimmung ist ungeheuer friedlich. Ob dies auch so war, als Quintilius Varus 9 n.Chr. hier mit seinen Truppen durchs Gehölz streifte und eventuell ahnte, dass Arminius, der Cherusker, in der Nähe mit seinen Mannen auf ihn warten, sie allesamt ins Moor locken und vernichtend schlagen würde? Wohl kaum!

Das betreffende Moor liegt jenseits des Kalkrieser Berges, ganz nah am heutigen Mittellandkanal, ganz nah an unserem Weg. Funde aus römischer Zeit legen die Vermutung nah, dass es hier eine schwere Schlacht zwischen römischen und germanischen Truppen gegeben hat, nur ob es gerade diese entscheidende Schlacht war, ist immer noch nicht abschließend gesichert.

Um einen Weg zu vermeiden, der uns recht schwer begehbar erscheint, überwinden wir ohne Mühe einen niedergelegten Schafgitterzaun und trotten am Rand eines großen Rapsfelds entlang. Wo das Feld nach 300 m endet, endet zunächst mal auch unsere Wegalternative - vor dem Schafsgitterzaun, nur ist er diesmal nicht niedergelegt und etwa 1,50 m hoch. Wir suchen nach einer Möglichkeit, unserer Gefangenschaft zu entrinnen, doch so recht fällt uns nichts ins Auge. Jenseits des Zauns sehen wir nur eine Frau mit drei Hunden, die unsere Lage erkannt hat und auf uns zugeeilt kommt. Noch schneller als sie läuft uns ihr Berner Sennhund entgegen, der ganz verzweifelt scheint und uns unbedingt retten will. Zusammen mit der netten Frau gelingt es uns, den Zaun etwas anzuheben, den Wheelie drunter durchzuschieben und fast auf dem Bauch robbend auf die andere Seite zu gelangen. Während die anderen beiden Hunde relativ unbeteiligt tun, würde der massige Sennhund uns vor lauter Aufregung am liebsten bei den Haaren packen und unterm Zaun durchziehen. 

Während Dieter und ich uns wieder berappeln und Staub und Blätter von unseren Klamotten schlagen, liest unsere nette Helferin den Text auf meinem Spendenplakat - und zieht ohne lange zu überlegen 10 Euro aus ihrer Hosentasche. "Den habe ich gerade in der Tasche, bitte, für Michelle!" sagt sie. Ich frage mich manchmal, wer solche Situationen arrangiert. Ohne schlechten Weg, keine Wegalternative. Ohne Wegalternative, kein Zaun. Ohne Zaun, keine Helferin. Ohne Helferin, keine 10 Euro für Michelle. Jakobus, oder wer?

Unsere Helferin begleitet uns den Berg hinab. Sie fragt, ob wir noch zum Varusschlacht-Museum wollen, in dessen Nähe sie in einem kleinen Kotten seit zwei Jahren wohne und dort Pferde hält. Als wir verneinen, scheint sie fast ein wenig enttäuscht zu sein. Vielleicht hätten wir dort einen Kaffee bekommen? "Vor kurzem hat man ganz in der Nähe des Museums tatsächlich eine ordentliche Anzahl römischer Silbermünzen gefunden. Vielleicht hat die Schlacht ja wirklich hier stattgefunden." Ich stelle mir leise die Frage, warum römische Heere unbedingt Silbermünzen in eine Schlacht mitnehmen, und warum dies als Indiz gelten soll. Aber bitte, ich bin kein Altertumsforscher. "Vor ein paar Tagen haben mein Partner und ich auf unserer Pferdeweide ein paar Scherben gefunden", grinst unsere neue Bekannte. "Buddel sie schnell wieder ein, habe ich zu meinem Freund gesagt, sonst sind wir die Weide ganz schnell wieder los." Lachend verabschieden wir uns unten an der Straße voneinander. Sie steigt in ihren Wagen mit dem Pferdeanhänger und wir marschieren weiter Richtung Mittellandkanal.

Der Mittellandkanal ist schon eine Nummer größer als der Dortmund-Ems-Kanal. Zwei Lastkähne passen hier problemlos aneinander vorbei. Gerade als wir den Kanal auf einer Brücke überqueren, ziehen zwei dieser Kähne in einer Richtung unter uns her.

Bereits seit gestern begleitet uns auf unserer Strecke die Markierung des Pickerweges. Schon die mittelalterlichen Jakobspilger nutzten, wie bereits erwähnt, ältere Handels- und Wallfahrtswege. Einer dieser Wege verläuft von Osnabrück in nördlicher Richtung nach Wildeshausen bei Bremen - der Pickerweg. Er ist Teil einer alten Pilgerstrecke, geht man ihn von Nord nach Süd, zum Zentrum der damaligen Welt: Rom. Es ist unbekannt, woher der Name Pickerweg stammt, aber seine Funktion als Pilgerweg übt er seit mindestens 850 aus, ein Jahr, in welchem er erstmals urkundlich belegt wird. Er verband die Küstenregion rund um die damals schon wichtige Handelsstadt Bremen mit Osnabrück, einem Sammelpunkt der Handelskarawanen und Wallfahrer am Ausgang der Norddeutschen Tiefebene, der Verkehr aus dem Osten und dem Norden für den weiteren Weg in den Süden und den Westen bündelte. Die immer größer werdenden Warenströme zwischen den Hansestädten und Köln nahmen den Pickerweg und das an ihm sich ansiedelnde dichte Herbergs- und Poststationennetz dankbar an, so dass im heutigen Schatten der vielbefahrenen Autobahn 1 schon damals von einer "Autobahn" ausgegangen werden kann, die bestens belegt ist. 

Auf dem Jakobsweg und dem Pickerweg also ziehen wir jenseits des Mittellandkanals nun hinein in die Dümmerniederung, einst ein riesiges zusammenhängendes Moorgebiet, dessen Durchquerung außer im trockensten Sommer sehr gefährlich sein konnte. Durch Abtorfung und landwirtschaftliche Nutzung ist von der Gefahr nichts geblieben, aber nachdem wir die Wasserburg Barenaue hinter uns gelassen haben, ist das Moor in weiten Teilen durchaus noch zu erkennen. Die riesigen dunkelbraunen Torffelder des Campe- oder Großen Moores liegen zu unserer Rechten, maschinell leergeräumte genauso wie renaturierte, wieder vernässte Flächen.

Die Temperaturen haben mittlerweile so weit angezogen, dass selbst Dieter sich traut, seinen Anorak auszuziehen. Inzwischen wächst wieder das erste Getreide auf den ehemaligen Moorflächen, nahezu ein Wald von Windrädern türmt sich vor uns auf. Ganz alte und neue Energieträger so nah zusammen...!

Wir kommen nach Vörden, in einen Ort, dessen Einwohner früher ihren Energiebedarf durch eigenes Handtorfstechen gedeckt haben. Am heutigen Sonntagnachmittag sitzen einige ihrer Nachfahren in oder vor der Eisdiele im Zentrum des Ortes und lassen es sich gutgehen. Wir setzen uns dazu, braten nahezu in der Sonne und hätten, glaube ich, beide nichts dagegen, wenn wir unser Pensum für heute schon hinter uns hätten. 

Doch die letzten vier Kilometer schaffen wir auch noch. Vor uns liegen die Dammer Berge, eine Endmoräne der vorletzten Eiszeit, von denen wir die ersten Höhenmeter kaum merklich überwinden müssen, bevor wir endlich unsere Unterkunft, Pension-Café Wahlde, erreichen.

Ich hätte es anfangs nicht heraufbeschwören sollen: Der Wetterbericht nach der Tagesschau kündigt für die nächsten Tage wechselhaftes, teils auch regnerisches Wetter an. Schon morgen soll es damit losgehen. Mal sehen, wie sich das anfühlt...

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Dienstag, 11 April 2017 11:00)

    Ohhh, nur eine Überschrift?
    Was hat denn der Jakobus wieder angestellt, ich meine, wie hat er Euch geholfen?
    Es grüßt die Lore

  • #2

    Lore (Dienstag, 11 April 2017 16:28)

    O.k., jetzt ist der Bericht da und es ist völlig klar: der Jakobus ist mit Euch!