Teppichwege

Eigentlich habe ich heute Morgen damit gerechnet, Regentropfen fallen zu hören. Doch als ich die Gardine von unserer Zimmer-Terrassentür zur Seite schiebe, ist von Regen keine Spur. Ich gehe kurz nach draußen und genieße die frische Luft. Mein Blick geht über die angrenzenden Felder bis hinüber zum Waldrand. Über dem Schwanenteich, der für mich nicht sichtbar in einer Senke liegt, steigt leichter Dunst auf und fünf Gänse machen sich von dort gerade auf, um in Formation einmal über die Felder zu fliegen. Für eine kleine Weile schaue ich zu, wie sich die Sonne hinter einer jungen Weide an die Arbeit macht und hoffe, dass sie sich auch heute gegenüber dem angekündigten Regen durchsetzen wird. Auf der Terrasse des Restaurants sind die großen Sonnenschirme noch aufgespannt, aber die Tische und Stühle darunter sind noch leer. Die meisten Gäste schlafen noch.


Den größten Teil des Morgens streifen wir durch die Dammer Berge. Der Begriff "Berge" ist etwas hoch gegriffen, denn die paar zu bewältigenden Höhenmeter bringen uns nicht zum Schwitzen. Schon eher das Tempo, welches wir anschlagen. Meine Füße haben sich recht gut erholt, ein guter Grund also, mal zu überprüfen, was sie wieder zu leisten im Stande sind. Dieter "rennt" mit, also fliegen die Bäume nur so an uns vorbei. Dieter ist sowieso ganz verzückt. "Das sind ja Teppichwege hier", schwärmt er mir vor. Und in der Tat: Die Waldwege hier sind wirklich wunderbar zu gehen. Kein Schotter, keine Steine, nur wenige querlaufende Baumwurzeln, fester Sandboden mit teilweisem Tannennadelnüberzug. Wirklich wie ein Teppich!

Und dennoch ist Dieter nicht völlig zufrieden. Ihm fehlen eindeutig die Fotomotive! Was soll er nur machen, wenn er abends seine Freunde und Bekannten mit E:mails von den Erlebnissen des Tages versorgen will und kann dazu keine Fotos als Anhänge verschicken? Da kommt nach halber Strecke der "Dammer Bergsee" ganz recht, ein ehemaliger Klärspülteich eines aufgegebenen Eisenerzbergwerks, inzwischen an seinen Uferbereichen recht hübsch renaturiert, auch wenn der Zugang ans unmittelbare Ufer verboten ist. Aber immerhin kann man mal eine schöne Wasseroberfläche mit grünem Rand fotografieren... Ich tue es ja auch.


Abwechslung auf der Strecke, erst recht Spektakuläres ist natürlich etwas Feines, aber ich komme erstaunlich gut auch ohne dies alles aus. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich durch das Laufen den Kopf frei kriege und sich die Dinge sortieren. Ich lerne meine innere, weiche Seite kennen. Ich erkenne immer mehr, wie dankbar ich für die Menschen bin, die mir im Leben wichtig sind. Ich freue mich aber auch, dass das Zusammensein mit meinen Mitpilgern einfach Spaß macht und oft sehr lustig ist. Ich freue mich aber auch darüber, dass ich mittlerweile schon wieder mehr als 350 km hinter mir gelassen habe. "Zurückgelegt" wäre ein falscher Ausdruck. Ich möchte mir diesen gegangenen Weg ja nicht für später irgendwann "zurücklegen", sondern er ist schon wieder ein Stück Vergangenheit und liegt bewältigt hinter mir.


Bereits zur Mittagszeit - mehr als 16 km liegen schon hinter uns - laufen wir in Steinfeld ein. Nach der Sonne am frühen Morgen zog sich der Himmel immer weiter zu und es wurde empfindlich kühl. Grund genug, sich in Steinfeld nach einer Rast- und Aufwärmemöglichkeit umzusehen. Das Bäckerei-Café ist schnell gefunden. Warum ist mir eigentlich diese schöne und auch preiswerte Kombination bisher nicht so aufgefallen? Ich jedenfalls werde sie während dieser Tour (zumindest in Deutschland) zu meinen (nach)mittäglichen Stammquartieren erklären. Die heiße Schokolade und die Gulaschsuppe erst recht fördern den Aufwärmprozess und nach einer Dreiviertelstunde geht es weiter. 


Die restlichen fünf Kilometer werden bestimmt von Pferden und Schweinen. Die Pferde stehen in großer Zahl auf den Weiden und die Schweine fristen ihr trauriges Dasein in den riesigen Mastbetrieben. Wenn dann ein Bauer noch die Gülle auf den Feldern verteilt, liegt mächtig Aroma in der Luft. Am Ortsanfang von Mühlen dann die Reitanlagen, Stallungen und Pferde vom Hof Alwin Schockemöhle, einer deutschen Reitsportlegende aus den 60er- und 70er-Jahren. Als ich noch sehr jung war, war Alwin Schockemöhle im besten Reitsportalter, genauso sein Bruder Paul. Heute sind die beiden 80 bzw. 72 Jahre alt. Wie alt bin ich eigentlich?


Im Saal unserer Unterkunft, dem Gasthof Krogmann, probt abends das Mühlener Kolpingorchester. Als die Musikanten nach und nach zur Probe erscheinen, stelle ich fest, dass alle Altersgruppen vertreten sind, von 15 bis 75. Entsprechend ist die Musikauswahl. Keine Dicke-Backen-Musik, sondern schmissige Melodien verschiedener Richtungen. Während Dieter über seinen Sudokus brütet, ich schreibe und wir beide unsere Bierchen schlabbern und dazu jeweils einen Strammen Max verdrücken, "rockt" es im Saal nebenan. Auch eine Art der Abendunterhaltung.


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Dienstag, 11 April 2017 11:01)

    Na endlich!
    Peter und ich hatten uns schon Sorgen gemacht!
    LG
    wir Zwei

  • #2

    Der Kronprinz (Dienstag, 11 April 2017 12:40)

    Du bist 67!!! (Krass!!!)