Hinter Gittern

Bevor ich es vergesse: Über Facebook von WDR Lokalzeit Bonn kann jeder Interessierte seit gestern bereits den etwas über dreiminütigen Beitrag über meine Pilgerwanderung und die damit verbundene Spendenaktion für Michelle "bewundern". Irgendwann ist er dann auch nochmal im Fernsehen zu sehen, mit An- und Abmoderation und so...


Für heute war wieder von gebietsweisem Regen in der Vorhersage die Rede, aber wieder scheint die Sonne. Na mir soll es doch recht sein. Ein kühler Wind treibt uns von hinten an (Dieter mag Wind gar nicht, egal aus welcher Richtung er kommt) und wir kommen gut voran. Pickerweg und Jakobsweg bedeuten in diesem Abschnitt wieder Asphalttreten auf hohem Niveau: Es sind schmale Landstraßen, auf denen uns selten mal ein Auto begegnet, oft mit Birken und Eichen als kleine Alleen ausfallend, mit Blicken wiedermal über weite, güllegetränkte Äcker oder über Felder, auf denen das Getreide bereits 20 cm hoch gewachsen ist. Erstmalig nehme ich eine größere Anzahl von Kühen wahr, die mit ihren Kälbern auf Weiden stehen und viele Pferde bewegen sich - meist noch mit Pferdedecken ausgestattet und uns neugierig mit ihren Blicken verfolgend - auf den Wiesen der zahlreichen Pferdehöfe.


Bei einem Hof kommt uns schwanzwedelnd ein freundlicher Setter entgegen, lässt sich gerne von mir streicheln und hat offensichtlich überhaupt keine Angst vor meinem Wheelie, wie das bei den allermeisten Hunden der Fall ist. Durch mein Streicheln dazu angeregt, beschließt er, sich zumindest zeitweise diesem Rudel anzuschließen. Er trabt beständig etwa zehn Meter vor uns her, schaut sich ab und zu nach uns um, hebt in regelmäßigen Abständen ein Bein, um seine Markierungen abzusetzen, damit wir ihm schnüffelnderweise problemlos folgen können. Nach ein paar hundert Metern wäre es mir dann doch sehr angenehm, wenn er den Rückweg antreten würde, aber unser neuer Freund ist überhaupt nicht dieser Meinung. Glücklicherweise kommt gerade eine gestandene Mannsperson aus einem alleinstehenden Haus, die ich fragen kann, ob sie den Hund kenne. "Jau, jau, das ist Anton, der macht das immer", grinst er uns an und greift zur ultimativ pädagogischen Maßnahme. Mit der Lautstärke eines Fischverkäufers auf dem Hamburger Fischmarkt schreit er den armen Hund an: "Anton, mach dich weg! Ab nach Hause!!!" Anton dreht sich auf seinen vier Hacken um und trollt sich. So einfach kann das alles sein...


Wenig später liegt östlich das Südlohner Moor neben uns, mit seinen riesigen Flächen des maschinellen Torfabbaus. Von der Aussichtsplattform "Moorblick" ist der Blick nur unwesentlich besser, aber die Plattform hat noch einen weiteren Vorteil. Unter ihr gibt es Bänke, also exakt der richtige Platz für eine erste Rast. Für mich vor allen Dingen aber auch die Gelegenheit, einen erneuten Versuch zu starten, meine Berichte der letzten zwei Tage einzustellen. An dieser Stelle eine Rüge an all diejenigen, die dafür zuständig sind, den Deutschen im Allgemeinen und mich im Speziellen mit einem ausreichend schnell funktionierenden Internet zu versorgen. In den einsamsten Gegenden Schottlands war dies bei meiner Wanderung im letzten Jahr eher der Fall als hier in deutschen Landen. Beim "Moorblick" klappt dann (fast) alles, und was nicht klappt, kann ich glücklicherweise an Sebastian "überweisen". 


Wir sind gerade wieder auf der Strecke, da irritiert mich ein Blick in den Himmel. Kondensstreifen von Flugzeugen sind mir nun nichts Unbekanntes, aber was ich da oben sehe, setzt meine Fantasie in Gang. Da muss ein Flieger unterwegs gewesen sein, der sich in engsten Schleifen am Himmel bewegte. Ich halte das mit meinem Fotoapparat fest. Hatte ein junger Pilot da gerade seine ersten Flugstunden und war noch etwas unsicher - oder war der Ikarus-Jünger einfach nur besoffen? Ich hoffe nur, wer immer das war, ist wieder heile runtergekommen.


Nach sandigen Wegen, die an einen Bummel durch die Dünen an der Ostsee erinnern, nach Schweinemast- und Torfverarbeitungsbetrieben erreichen wir - schon wieder recht früh - Vechta. Lang zieht sich noch der Weg durch die äußeren Siedlungsbereiche, bis wir endlich vor der Probsteikirche stehen. Kurze Beratung: direkt zur Unterkunft oder doch erst noch ins "Backstuben-Café"? Letzteres gewinnt! Erdbeerkuchen mit Sahne, ein Pott Kaffee - Pilgern ist schön...! Wir sitzen noch nicht lange, da kommt eine Frau im besten Mittelalter durch die Tür, ausgestattet mit Hightech-Wanderkluft und mit Wheelie II., fast so schön wie mein Willi, aber immerhin ein Wheelie. Sie kommt direkt auf uns zu, stellt sich als Gerri vor und als Pilgerin. Dass sie als solche unterwegs ist, habe ich auch schon vorher erkannt, denn auch an ihrem Wheelie prangt die Jakobsmuschel. Sie setzt sich zu uns an den Tisch, erzählt auf Nachfrage, dass sie nach einer ersten längeren Etappe von Lübeck nach Bremen nun auf ihrem Weg ist von Bremen bis in den Bereich der Dammer Berge, um irgendwann dann doch einmal in Köln anzukommen. Vielleicht dann später mal tatsächlich bis Santiago di Compostela. Als wir nach ihrer Unterkunft für heute fragen, nennt sie uns das Museum. Also haben wir eine gemeinsame Adresse. Nichts wie hin!


Das Museum der Stadt Vechta ist im 1698 erbauten Zeughaus untergebracht, welches der 30 Jahre zuvor erbauten Zitadelle, einer großen Festungsanlage, hinzugefügt wurde. Bis 1991dienten Teilbereiche dieses alten Zeughauses auch als Gefängnis, in den letzten Jahren hauptsächlich für junge Straftäter. Zwei ehemalige Original-Zellen dienen heutzutage als Pilgerunterkünfte. Cooool!!!! Graffitis an den Wänden zeugen noch von den letzten Insassen, die Möblierung (Betten, Tisch, Hocker, Klo, Waschbecken) hat die Patina vergangener Tage, die schwere Tür kann noch (von außen) verriegelt werden, die Essensklappe funktioniert prima und die Gitter vor den Fenstern sind natürlich auch noch da. Die Bettwäsche scheint mir ebenfalls noch von damals zu sein, mal sehen ob ich meinen Schlafsack drüberlege, oder mich doch mit Blau-weiß-kariert zudecke. 


Publikumsverkehr im Museum ist bis 18 Uhr, dann verlässt uns der Museumswärter und schließt hinter sich die schwere Tür ab. Gerri, Dieter und ich - allein im Museum. Allein zum Umherstreifen, zum Schauen, zum Staunen, allein zum ein wenig Sich-Gruseln. Es soll auch ein Museumsgespenst geben. Das wäre ja noch die Krönung...!


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Kommentare: 4
  • #1

    Lore (Dienstag, 11 April 2017 22:57)

    Wenn einer denn einen Link zu den WDR-Minuten gefunden hat, möge er ihn bitte hier mitteilen. Ich konnte den Spot nicht finden. Liegt vielleicht an meinen müden Augen und der späten Stunde.
    ;-) Lore

  • #2

    Car (Mittwoch, 12 April 2017 06:35)

    Das hier müsste er sein. Ist nett gemacht. Viel Spaß damit :-)
    https://www.facebook.com/wdrlokalzeitbonn/videos/1648378301844287/

    Alles Gute weiterhin an den tapferen Pilgerer. Wir freuen uns in Windeck jeden Morgen beim Kaffee über einen neuen Bericht.
    Liebe Grüße

  • #3

    Der Kronprinz (Mittwoch, 12 April 2017 09:30)

    Nachts allein im Museum?! � Ist ja geil!!!

  • #4

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 12 April 2017 14:18)

    Uiuiui... das wäre mir aber gruselig. Hättest du den Hund, Marke "Harvey", mal doch mitgenommen. Dann wäre es nur noch halb so gruselig...