Schreck in der Nacht

Die Türen unserer Zelle standen die gesamte Nacht über weit offen. Von innen schließen konnten wir sie nicht, konnte früher der Häftling auch nicht. Logischerweise wurde von außen verschlossen und der Riegel vorgeschoben. Nur wer sollte das machen? War ja auch besser so, wie wäre ich sonst in der Nacht zur Toilette gekommen? Obwohl..., eigentlich standen ja genug alte Schüsseln in der Ecke... 


Apropos zur Toilette gehen: Da ich beim nächtlichen Toilettengang immer nur halb bei Sinnen bin, traf mich im halbdunklen Flur etwas der Schlag. Ich bog, oder besser: ich taumelte um die Ecke und stand plötzlich vor einer dunklen Gestalt, die maskenhaft und mit großen Augen auf mich herabblickte. Kurzfristige Blutleere stellte sich in meinem Gehirn ein, bis ich realisierte, dass eine der Schaufensterpuppen mit der Wärterkleidung von 1985 vor mir stand.


Als wir am Morgen unsere Sachen packen, müssen wir aufpassen, dass nicht aus Versehen eines der liebevoll zusammengetragenen Exponate aus dem Gefängnisalltag früherer Tage mit bei uns im Rucksack bzw. Wheelie landet. Früher als sonst verlassen wir unsere etwas kuriose Unterkunft - Frühstück wird uns ja nicht durch die Essensklappe gereicht -, verabschieden uns noch von Gerri, die nun in entgegengesetzter Richtung weiterzieht, werfen unseren Museumsschlüssel draußen in den Briefkasten und machen uns auf den Weg ins Zentrum..., na klar, ins Backstuben-Café! Ein wenig erinnert mich das an meine Pilgerwege nach Santiago di Compostela oder Rom, wo es in den Pilgerherbergen auch kein Frühstück gab, und ich dafür ersatzweise, wie viele andere Pilger auch, in die nächste Bar einfiel, um den Tag mit einer Tasse Kaffee und einem Boccadillo bzw. Dulce zu beginnen. Hier sind es jetzt ein dick belegtes Brötchen für mich und zwei dick belegte Brötchen für Dieter. Gerri taucht auf einmal auch noch auf, lässt sich ihr Brötchen in die Hand drücken und macht sich damit auf den Weg.


Auf dem Weg durch Vechta staunen wir etwas. Auch wenn der Museumswärter uns gestern schon davon erzählt hat, dass die kleine Stadt nicht zu den ärmeren gehört, verblüfft uns etwas die mannigfaltige Ausstattung der Hauptstraße mit Geschäften jeder Art. Textilhäuser bekannter Marken, Boutiquen, Gastronomien in einer räumlichen Dichte, wie ich es noch nicht einmal in Köln gesehen habe. 


Doch wir sind nicht zum Bummeln, erst recht nicht zum Shoppen oder Schlemmen hier, wir müssen zusehen, dass wir Land gewinnen. Ein Temperaturanzeiger vor einer Apotheke zeigt 10 °C an, aber ein recht böiger Wind sorgt für gefühlt niedrigere Temperaturen. Der Himmel ist grau verhangen und vielleicht können heute die ersten Regentropfen meiner Tour tatsächlich Wirklichkeit werden. Doch einen zügigen Schritt vorzulegen, um den Körper auf höhere Betriebstemperatur zu bringen, verbietet sich fast. Bei nur 16 km Tagespensum wären wir bei einem schnellen Schritt vielleicht schon kurz nach 12 Uhr bei der Unterkunft. Wer weiß, ob wir dann überhaupt schon reinkommen?! 


Wir verordnen uns daher ein gedrosseltes Tempo. Die Anoraks sind hoch zugezogen, die Hände stecke ich in die Taschen und selbst mein Hut, der sonst eigentlich nur als Sonnenschutz genutzt wird, kommt zum Einsatz, damit sich das Gehirn nicht verkühlt. Besonders auf Streckenabschnitten, wo uns der Wind, über weite Ackerflächen Anlauf nehmend, so richtig erwischt, ist es ungemütlich. Trotzdem bin ich gutgelaunt. Zum ersten Mal wieder nach einigen Tagen laufe ich ohne Pflaster an den Füßen herum - und es geht sich hervorragend! Blasenproblem erledigt (hoffe ich jedenfalls)!


Trotzdem bin auch ich froh, als etwas unerwartet eine Gaststätte bei Westerlutten auftaucht und diese sogar um diese Morgenstunde schon geöffnet hat. Die Wirtin schaut auch etwas verwundert, wer sie denn so früh bereits mit einem Besuch beehrt, ist aber gerne bereit, uns einen Kaffee zu kredenzen, obwohl sie gerade dabei war, die Toiletten zu putzen. 


Einigermaßen von innen und außen aufgewärmt, gehen wir nach einer halben Stunde weiter. Immer noch mit angezogener Handbremse, aber wir kommen voran. Rehe hüpfen vor uns über den Weg, schwere Traktoren fahren ihre inhaltsschweren Gülle-Tankwagen von einem Acker auf den nächsten, prachtvolle alte Bauernhöfe liegen am Weg, einer sogar mit der originellen Geschäftsidee eines "Kartoffel-Automaten", und ab und zu schützen uns Büsche am Wegesrand oder ein kleiner Wald vor dem nicht geringer werdenden Wind. 


Um kurz nach 13 Uhr laufen wir dann tatsächlich schon in unserem Etappenort Visbek ein. Böse sind wir darüber nicht. Vom Wetter her fällt der Tag unter die Rubrik "ungemütlich", landschaftlich unter "unauffällig". Am Schluss allerdings ist dann eine Sache doch auffällig genug. Als wir den Gastraum unserer Unterkunft betreten, schlägt uns starker Zigarettengestank entgegen. Vier Männer an der Theke rauchen ungeniert, an einem Tisch etwas abseits sitzt ein Ehepaar mit Kind bei Schnitzel mit Pommes und scheint das ganz normal zu finden, und die Tür zum Speiseraum nebenan steht sperrangelweit offen. Dass es so etwas überhaupt noch gibt. Aber vielleicht ist das Rauchverbot in Niedersachsen gesetzlich anders geregelt als in NRW. Aber essen werde ich heute Abend hier nicht!


Unsere frühe Ankunft lässt in mir mal wieder den Entschluss reifen, einen Zuber Wäsche zu waschen. Die Verlandstreicherung des Wanderers geht ja recht schnell vonstatten. So fein und zivilisiert man auch losgegangen ist, es dauert nicht lange, bis man unter dem Einfluss des Jakobswegs ein Stück Schamgefühl und Würde verliert. Ohne wirklich zum Tier zu werden, ist man doch schon nicht mehr völlig Mensch. Dies könnte geradezu eine Definition des Pilgers sein. Dieter wäscht jeden Tag, bei mir sind die Intervalle länger.


Zum Schluss noch ein Hinweis: Heute Abend wurde in der Sendung "Lokalzeit Bonn" des WDR der Bericht über meinen Weg und meine Spendenaktion ausgestrahlt. Wer sie verpasst hat, kann es ja nochmal in der Mediathek des WDR versuchen. Ich meine, dort werden gelaufene Sendungen noch für eine Woche bereitgehalten.


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Kommentare: 5
  • #1

    Sebastian (Mittwoch, 12 April 2017 21:17)

    Hier der Link zur Mediathek: http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-bonn/video-zu-fuss-nach-trondheim-fuer-eine-schwerkranke-windeckerin-100.html

  • #2

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 12 April 2017 22:48)

    Also, um einen Kartoffelautomaten kennen zu lernen, hättest du nicht so weit laufen zu brauchen. Das gibt's bei uns um die Ecke auch!

  • #3

    Renate Z. (Donnerstag, 13 April 2017 08:52)

    Netter Bericht im WDR. �
    Kartoffelautomat - pfft-
    Hier gibbet sogar einen Automaten, an dem du alle notwendigen Lebensmittel kaufen kannst. Eingerichtet in einer Bankfiliale, die sonst geschlossen werden sollte....
    Schaufensterpuppe auf de Weg zur Toilette - hui- großer Schreck.
    Weiterhin alles Liebe aus Much
    Renate


  • #4

    Helmut (Donnerstag, 13 April 2017 11:56)

    Hallo Reinhard, jetzt wurde tatsächlich (am 12.04.) über Dich/Euch und den guten Zweck Deiner Wanderung in der Lokalzeit Bonn berichtet (Google: wdr lokalzeit bonn). Hoffentlich bekommst Du hierdurch noch viele zusätzliche Spenden, damit Michelle sich ihren Herzenswunsch erfüllen kann!

  • #5

    Tina (Donnerstag, 13 April 2017 13:08)

    Jeden Morgen freue ich mich auf die Berichte von meinem ehemaligen Lehrer. Gemütlich mit einer Tasse Kaffee wandere ich in Gedanken mit. Selber wandern ist, durch eine Fußoperation, für mich noch lange Zeit unmöglich.
    Aber diese Berichte lassen zumindest die Gedanken in Wald und Natur wandern,
    Ich wünsche noch weiter guten Weg und hinterlasse auch liebe Grüße an Dieter