Dicke Steine

So erschrocken Dieter und ich gestern über die "Räucherhöhle" in der Gaststube unserer Unterkunft waren, so angenehm überrascht sind wir von dem kleinen Frühstücksraum in unserem Nebenhaus, wo an einem einzigen großen Tisch alles für uns angerichtet ist, was der Pilgerkörper für ein angemessenes Frühstück braucht. Sogar die Tageszeitung wird uns gebracht, und als wir dort lesen müssen, dass unsere beiden Champions-League-Kandidaten Borussia Dortmund und Bayern München ihre Heimspiele verloren haben, gratuliere ich mir, König Fußball kein Opfer gebracht und mich gestern Abend nicht in den verqualmten Speise-/Fernsehraum gesetzt zu haben. Samt Kleidung hätte ich wohl erstmal eine Stunde unter die Dusche gemusst. So essen wir mit Appetit je unsere beiden Brötchen, schmieren uns noch Körnerbrote für unterwegs und sind dann mal weg.


Während der Tag gestern ein sehr windiger Tag über die freien Felder war, ist es heute über weite Teile ein etwas weniger windiger Tag durch lichte Wälder. Teilweise begleiten uns Bäche, wie die Twillbäke oder die Aue, bei denen dann auch aufgestaute Teiche mit ehemaligen Mühlen, wie die Hubertusmühle, Bullmühle oder Aumühle nicht fehlen dürfen. Die Sonne scheint wiedermal häufiger und länger, sodass wir über stärkere Windböen auch mal gerne hinwegsehen. Der Traktor verteilt ausnahmsweise mal keine Gülle, sondern eggt den tiefbraunen Ackerboden. Was zwischendurch ein wenig stört, ist eigentlich nur das durchgehende Rauschen der Autobahn 1, gegen das selbst der stimmkräftigste Vogel des Waldes nicht ansingen kann.


Seit gestern fallen mir dicke Steine auf, tonnenschwer, Findlinge. Einige von ihnen liegen irgendwo auf den Feldern oder am Wegesrand. Da liegen sie wohl schon seit der vorletzten Eiszeit. Gletschermassen haben sie aus Skandinavien hierher transportiert und mit anderem Moränenmaterial abgeladen. Manche wurden durch Erosion freigelegt, andere bei irgendwelchen notwendigen Grabungen (Haus- oder Straßenbau, z.B.) ans Tageslicht gebracht. Viele liegen nun als eine Art Schmuck an den Zufahrten der großen Bauernhöfe, manch weitere wurden in Städten und Dörfern als Gestaltungsmittel in öffentlichen Anlagen oder sogar auf Marktplätzen genutzt.


In prähistorischer Zeit aber, genauer in der Jungsteinzeit, dienten diese Findlinge als Baumaterial für Großsteingräber. Schon im Mittelalter war man der Überzeugung, dass diese Grablegen, von tonnenschweren Steinen gesäumt, nur von Riesen für ihresgleichen errichtet worden sein könnten. Die bis heute geläufige Bezeichnung "Hünengräber" scheint dieser Legendenbildung Rechnung zu tragen. Zahlreiche volkstümliche Sagen ranken sich um den Mythos dieser Riesen.


Über eines dieser Großsteingräber stolpern wir förmlich: die Visbeker Braut. Mehr als 5000 Jahre dürfte die Anlage alt sein, etwa 80 m lang und 7 m breit. Die Steine der Umrandung sind fast noch vollständig erhalten. Die im westlichen Teil gelegene eigentliche Grabkammer ist noch relativ unbeschadet, deren Tragsteine stecken noch bis zu deren Oberkante im Erdreich, und auch der Deckstein ist - wenn auch verrutscht - noch erhalten. Man munkelt, das Grab sei entstanden, weil eine Bauerntochter aus reichem Haus sich gegen die vom Vater festgesetzte Vermählung mit einem ungeliebten Mann wehrte. Lieber erstarre sie zu Stein, als diesen Mann ehelichen zu müssen, rief sie am Tag der Hochzeit während des Hochzeitszugs zum Wohnort ihres Bräutigams und - zack! - wurde sie zusammen mit ihren Begleitern an Ort und Stelle in Stein verwandelt. Dat hat sie nu davon!


Dieter und ich verweilen kurz zu einer Rast am Ort dieses tragischen Geschehens und geloben, in Zukunft mit unserer Wortwahl vorsichtig zu sein. Da bei beiden von uns aber die Gefahr einer weiteren Heirat nicht besteht, kommen wir vielleicht an der Versteinerung herum.


Eine erhoffte Raststelle mit Verpflegungsmöglichkeit bleibt leider ein frommer Wunsch. Das Landgasthaus Auetal hat seine Türen für längere Zeit geschlossen, der ehemals dazugehörige Campingplatz ist auch verwahrlost. Da es im nahegelegenen Dorf Aumühle (bei der anfangs genannten gleichnamigen Mühle) auch keine einladende Bank geschweige denn eine kleine Gastronomie gibt, ziehen wir noch etwas weiter - und haben Glück. Am Straßenrand steht bei einer Bushaltestelle ein frisch gezimmertes Buswartehäuschen mit innenstehender Bank. Ein windgeschütztes Plätzchen, gut zum Füßehochlegen und - wie sagt der junge Mensch - "Abchillen". Kaum sitzen wir, kommt vom Hof gegenüber der Bauer angeschlurft, um nachzusehen, was sich da für zwei fremde Gestalten im neuen Bushäuschen niedergelassen haben. Als er merkt, dass wir harmlose Pilger sind, wechseln wir einige Sätze, dann schleicht er sich wieder.


Eine halbe Stunde nachdem wir uns wieder auf den Weg gemacht haben, erreichen wir die ersten Häuser von unserem Tagesziel Wildeshausen und dann auch unser letztes "P", die Markierung für den Pickerweg. Seit Osnabrück begleitete er uns, hier ist er zu Ende (oder beginnt). Der Begriff Pickerweg stamme, so lautet die unbewiesene Vermutung einiger heutiger Historiker, wahrscheinlich vom lateinischen Wort "peccare" ab, was "sündigen" bedeutet. Mit dieser Namensdeutung würde die zentrale Funktion des Weges als Pilgerroute von Sündern nach Rom bzw. Santiago de Compostela auch nochmals ganz klar deutlich. Andere Namensdeuter führen das Wort "Pickern" für "Pferde antreiben" an, was eher die Funktion als alten Handelsweg in den Mittelpunkt stellt. Fest steht: Sowohl Händler als auch Pilger waren auf ihm bereits im Mittelalter unterwegs.


Quartier haben mit Sicherheit sowohl Händler als auch Pilger in Wildeshausen gefunden, auch wenn der Ort damals noch nicht so hieß. Einen Pilgerpass zum Abstempeln hatten sie in der Form wohl auch nicht, ich aber habe einen. Also marschiere ich zum Pastor der evangelischen St. Alexanderkirche, bekomme dort bereitwillig meinen Stempel gesetzt, treffe dann auf dem Marktplatz vor dem Alten Rathaus Dieter wieder, der dort nach einem Café Ausschau gehalten hat und beide verdrücken wir eine Viertelstunde später eine Himbeerschnitte. Pilgern kann so lecker sein...!


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Kommentare: 2
  • #1

    Niels (Freitag, 14 April 2017 13:46)

    Wollen wir mal hoffen, dass die liebe Anni nicht zu Stein erstarrt :-)

  • #2

    Der Kronprinz (Dienstag, 18 April 2017 18:00)

    Kannst du mir bitte son Stein mitbringen? Würde sich gut in meinem Garten machen.