Zwei nette Gesten

Der Frühstücksraum in unserer Unterkunft am alten Bahnhof am Rand von Harpstedt erinnert mich etwas an den Ausstellungsraum eines Trödelhändlers. Überall an den Wänden hängen große und kleine Bilder, auf Fensterbänken drängen sich Nippes und Vasen oder Töpfe mit echten oder künstlichen Pflanzen, Möbel der unterschiedlichsten Funktionalität verteilen sich im Raum und der Fußboden ist total mit etlichen Teppichen ausgelegt. Und etwas am Rand - steht der Staubsauger. Ich möchte mir nicht vorstellen, dazu verurteilt zu sein, hier saubermachen zu müssen. Aber irgendjemand wird es tun, denn es sieht schon alles sauber aus, nur etwas unsortiert.


Die junge Frau, die uns gestern hier freundlich empfangen hat, wohnt mit ihrem Mann in Betzdorf an der Sieg, ist sozusagen also eine Stimme aus der Heimat. Sie vertritt im Haus für eine Weile ihre Mutter, die im Urlaub ist, mit der sie aber telefonisch immer in Verbindung steht, um im Haus alles deren Vorstellung entsprechend abzuwickeln. Anscheinend hat sie bereits gestern mein Spendenplakat auf dem Wheelie eingehend gelesen und überrascht uns, als wir bezahlen wollen, mit der Aussage, dass sie uns in Abstimmung mit ihrer Mutter den Preis für das Frühstück erlassen und den Gegenwert von 10 Euro spenden wolle. Ich bin mal wieder begeistert. 


Dabei war ich doch anfangs drauf und dran, das Plakat abzunehmen, weil es mich ungeheuer nervte, wie es - nur mit einer Kordel an meinem Wheelie angehängt - im Wind oft hin und her flatterte. Erst nachdem ich das Plakat mit Klebeband an meinen Wheelie-Regenschutz festgeheftet hatte, fand das Flattern ein Ende - und die Spendeneinnahmen flossen auch weiter. Man lernt eben dazu.


Am heutigen Morgen feiern wir eine Premiere! Die Wolken über Harpstedt hängen tief, als wir unsere Unterkunft verlassen, und es regnet. Ungläubiges Erstaunen unsererseits. Wir ziehen noch etwas zweifelnd ob der Notwendigkeit unsere beiden Schirme hervor und machen uns damit auf den Weg. Nach genau drei Wochen kommt mein Schirm nun tatsächlich mal zum Einsatz - für etwa eine halbe Stunde. Dann hat der Wind, der heute, wie vorhergesagt, ab und zu mal in Böen mit über 60 km/h übers Land fegt, die regengesättigte Wolke weggeblasen. 


Geestlandschaft begleitet uns heute genauso wie gestern. Ein Wechsel zwischen Wald und Weiden, breite Wege mit sandigen Untergründen, aus dem vorherrschenden Grün leuchtet rot der Backstein der Bauernhöfe hervor, die jetzt immer häufiger reetgedeckte Dächer tragen. Auf den Weiden oder in den Paddocks der Höfe stehen die Pferde, oft noch mit Decken über den massigen Körpern. Kleine Dörfer gibt es mehr als gestern, sodass der Anteil asphaltierter Streckenabschnitte heute etwas höher ist.


Als wir eine vielbefahrene Landstraße kreuzen, treffen wir auf einen der typischen alten Gasthöfe, die schon in früherer Zeit als Rastplätze oder Poststationen gedient haben, in neuerer Zeit zu Restaurants aus- und umgebaut wurden und damit immer noch als Einkehr für Vorbeifahrende dienen. Oder für vorbeiziehende Pilger! Wir freuen uns schon auf ein warmes Plätzchen und einen heißen Trunk - nur die Tür des "Alten Rasthauses" ist verschlossen. Es ist 11 Uhr, wir kommen eine halbe Stunde zu früh, Öffnungszeit ist 11.30 Uhr. Sch...eibenhonig! Wir brauchen aber eine Rast, sind seit zwei Stunden strammen Schrittes unterwegs, und spätestens nach dieser Zeit meldet sich immer mein etwas wehleidiger linker Fuß und hätte gerne etwas Erholung, bevor er sich dazu herablässt, mir für die nächsten Kilometer wieder schmerzfrei zu dienen. Wir streifen ums Haus herum und finden im nett angelegten Biergarten tatsächlich ein Eckchen, wo wir uns für ein Weilchen niederlassen können, sogar windgeschützt. So können wir uns, wenn auch nicht gerade im Warmen, etwas ausruhen.


Von nun an wird die Landschaft etwas welliger. Wir schwingen uns auf Höhen und rasen danach wieder zu Tal und überwinden dabei manchmal spektakuläre 20 Höhenmeter. Als wir uns der höchsten Erhebung nähern, die sinnigerweise "Hoher Berg" heißt, ziehen sich die zahlreichen grauen Wolken wiedermal bedrohlich zusammen. So gerade noch erreichen wir am höchsten Punkt eine große Schutzhütte, und kaum haben wir auf ihren klobigen Holzbänken Platz genommen, da rütteln starke Böen an ihren Wänden, Regenschauer ziehen an uns vorbei und verdecken für kurze Zeit den Blick auf die Stadt, die von hier aus noch in relativ weiter Ferne liegt, deren hohe Gebäude wir aber schon ausmachen können: Bremen. Auf den Schildern der Radwege haben wir den Namen der Stadt heute erstmalig gelesen, morgen werden wir dort sein.


Als wir das Bedürfnis haben, in der Schutzhütte, die ihren Namen diesmal wirklich verdient, unsere Pause zu beenden, sind die starken Böen und der Schauer auch durch, Bremen ist wieder klar am Horizont zu erkennen und sogar die Sonne kommt raus. Jetzt ist es so weit. Mit jedem Schritt steigen wir vom Geestrücken hinab in die Landschaft der Wesermarschen, die im "Speckgürtel" um Bremen herum mit mehr oder weniger großen Ortschaften besiedelt sind. 


Die erste von ihnen ist Gessel. Der eine Teil des Ortes ist die Siedlung der Wohnpendler, im zweiten Teil stehen die alten Häuser und Höfe, von denen wir in den letzten Tagen so viele gesehen haben. Ein Hof trägt die Bezeichnung "Hofladen - Hofrestaurant". Dieter und ich werden aufmerksam. Die Chance, dass das Restaurant geöffnet ist, ist groß, immerhin ist Mittagszeit am Ostersamstag. Etwas Wärme und etwas in den Magen könnten wir gut gebrauchen - also rein!


Warm ist es, gemütlich ist es, die Kellnerin ist überaus nett und freundlich, nur der Blick auf die Speisekarte sagt uns, dass in der Küche ein Künstler am Werk sein muss. Viel essen wollen wir sowieso nicht, eine heiße Suppe, einen heißen Kakao, Dieter eröffnet die Spargelsaison mit einem Spargelsalat. Der Kakao kommt so, wie Kakao eben so kommt, die Speiseangebote zeigen aber, dass der Koch, der auch gleichzeitig der Chef des Hauses ist, etwas von seinem Beruf versteht. Es schmeckt köstlich und wir werden, wenn es auch "Kleinigkeiten" sind, wohlig satt. 


Als wir gerade zahlen wollen, bringt uns die Kellnerin einen kleinen "Gruß" von ihrem Chef: ein Stück Apfeltarte mit Sahne nebst einer Kugel Rhabarbereis. "Mein Chef ist auch Pilger gewesen, ist auf seinem Weg hier vorbeigekommen und hat sich in dieses Haus verliebt. Dies hat früher noch zum Hofladen nebenan gehört, aber dort gab es bald so viel zu tun, dass mein Chef dieses Haus hier pachten konnte. Jetzt möchte er andere Pilger auf diese Weise unterstützen." Sprachs und stellt uns den "kleinen Gruß" vor uns auf den Tisch. Wir sind mal wieder sprachlos, aber beim Essen muss man ja auch nicht sprechen. Apfeltarte und Eis zergehen uns auf der Zunge. 


Wir lassen über die Kellnerin unseren Dank ausrichten, was den Chef aber nicht daran hindert, aus der Küche zu kommen und uns zum Abschied selbst die Hand zu drücken. Von Bremen bis Köln ist er mit seiner Frau den Jakobsweg schon gegangen, für den Rest bis Santiago de Compostela weiß er noch nicht, welche Strecke er nehmen soll. Seine Frau möchte gerne über Paris gehen, ich empfehle ihm den Weg, den ich seinerzeit gegangen bin, doch jetzt floriert erst einmal das Geschäft. Mal sehen was wird... Er verabschiedet uns mit einem "Bon Camino" und wir gehen, mit einem netten kleinen Erlebnis reicher, weiter. 


Wir haben das Hofrestaurant bereits etwa 200 m hinter uns gelassen, da hören wir so gerade noch hinter uns eine dünne Stimme: "Hallooooo!" Ich drehe mich um und sehe die Kellnerin hinter uns winken. "Sie haben Ihre Wanderkarte liegen lassen!" Wir beide laufen uns entgegen und sie streckt mir strahlend meine Karte entgegen. "Die brauchen Sie doch noch, sonst verlaufen Sie sich!" Ich hätte sie fast in den Arm genommen.


Eine halbe Stunde später sind wir in Barrien, unserem Ziel für heute. In der St. Bartholomäuskirche holen wir unsere Pilgerstempel ab und sind bald darauf in unserer Unterkunft bei Herrn Mönch. 


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Kommentare: 1
  • #1

    Helmut (Sonntag, 16 April 2017 13:50)

    Hallo Reinhard, hallo Dieter,

    frohe Ostern! Hoffentlich könnt ihr diese Tage auch ein wenig feierlich begehen!? Dass die Menschen - zumindest einige - gerne spenden finde ich toll. Das gibt sicher immer wieder neuen Antrieb, auch wenn die Kraft manchmal nachlässt. Vielleicht gibt das noch etwas zusätzliche Kraft: als ich einem Freund am Telefon von Deinem "Spendenlauf" erzählt habe, hat er mir spontan 50 Euro zugesagt. Hiermit hat sich für mich, wieder einmal, bestätigt, dass man mit wenig Aufwand für die gute Sache als Multiplikator tätig sein kann. Weiterhin alles Gute und viel Erfolg!