Frohe Ostern!

Frau Mönch hat mehr als reichlich aufgetischt. Ich frage mich ernsthaft, ob außer uns noch mehr Gäste im Haus sind, die am Frühstücksbuffet teilnehmen sollen. Aber alles ist tatsächlich für uns. Auf dem Teller vor uns liegt sogar ein kleiner Schokoladenosterhase. Ach ja, wir haben ja Ostern! Selbst solch ein Feiertag gerät etwas aus dem Blick, wenn man nicht ganz genau die Tage bzw. das Datum nachhält. Natürlich wünsche ich allen, die mich kennen, ein frohes Osterfest! Schönes Wetter beim Eiersuchen brauche ich, glaube ich, nicht zu wünschen, denn wo in Deutschland lädt das Wetter im Moment schon zum Eiersuchen ein.


Obwohl... die ersten Kilometer heute ist es wirklich sehr nett. Die Sonne scheint (bei ca. 8 °C), der Wind mäßigt sich, der Weg durch die grünen Auen der Hache ist fußfreundlich und als wir nach eineinhalb Stunden Eroberungsschritt in Kirchweyhe aufkreuzen, fallen wir fast in ein Bäckerei-Café. Ich bin etwas überrascht, denn immerhin haben wir Ostersonntag und immerhin ist es ja eigentlich eine Bäckerei, aber als die Tür sich zu unserer großen Zufriedenheit öffnet, sehen wir schnell, dass der Laden rappelvoll ist. Die Tische, die nicht belegt sind, sind aber reserviert - bis auf einen. Und der ist jetzt uns! Dieter holt uns Kaffee bzw. einen Kakao von der Verkaufstheke, während ich den Tisch bewache. An den anderen Tischen sitzen all diejenigen, die sich am Feiertagmorgen etwas Gutes tun wollen, um gepflegt auswärts zu frühstücken. Vielleicht aber ist es auch ein Ostergeschenk vom Vatta an die Mamma, weil ihm nichts anderes eingefallen ist oder weil er keine Lust zum Spülen hat. Wenn die Mamma gleich schon in der Küche steht, um das Osterfestmahl zu kochen, dann soll sie wenigstens mal lecker frühstücken. Alles, was nicht an den Tischen sitzt, mit Besteck auf dem Geschirr klappert und den Kaffee schlürft, steht in einer Schlange vor der Verkaufstheke und kauft Brötchen. Wohlgemerkt, wir haben 10.30 Uhr! Etwas spät zum Brötchenholen, oder? Ich will jetzt mal hoffen, sie alle waren erst mit ihren Kindern im Garten und mit Eiersammeln beschäftigt. Aber welche Kinder sammeln noch Ostereier? Vielleicht die bessere Frage: Welche Mamas oder Papas verstecken noch Ostereier? Den ganzen Tag über werden wir keine Kinder sehen, die Eier suchen. Schade eigentlich...


Direkt neben der Brötchenschlange steht übrigens für die Zeit unseres Café-Aufenthaltes mein Wheelie, so positioniert, dass die gelangweilten Schlangesteher etwas lesen können: mein Spendenplakat. Reiner Zufall, natürlich... Als wir uns zum Weitergehen fertigmachen, spricht mich ein junger Mann an: "Sind Sie der Mann, der auf dem Jakobsweg wandert, der mit der Spendenaktion?" Ich bestätige und habe Sekunden später einen 5-Euro-Schein in der Hand. "Ich find das gut und möchte Sie damit unterstützen!" Er fragt noch nichtmal nach weiteren Informationen, gibt mir einfach nur das Geld.


Am Ortsende von Kirchweyhe (für die Pilger, die den Weg in der "richtigen" Fassung, also von Nord nach Süd, absolvieren, am Ortsanfang) treffen wir am Straßenrand auf einen Kasten mit Pilgerstempel. Ebenfalls im Kasten eine Liste mit Adressen von Unterkunftsmöglichkeiten im Ort, sei es in Pensionen oder Privatzimmern oder auch von Menschen, die ein Bett für die Nacht umsonst oder gegen eine kleine Spende zur Verfügung stellen. Adressenlisten dieser Art gibt es also in solchen Kästen neben dem Weg oder auf Aushängen in oder neben Kirchen. Ein feiner Pilgerservice.


Hinter Kirchweyhe nähern wir uns jetzt mit großen Schritten der Weser. Hinter Dreye taucht der Weserdeich auf, der von nun an für etwa 12 km unseren Wanderweg bestimmt. Oben vom Deich aus erwartet Dieter jetzt immer, die Weser "für ein erstes Foto" fließen zu sehen. Doch wiederholt muss ich ihn enttäuschen. Was da wie die breite Weser aussieht, sind Teile ehemaliger Altarme. Die Weser selbst versteckt sich lange Zeit hinter Bäumen und Büschen. Dann stört noch etwas anderes den freien Blick auf die mutmaßliche Weser: unsere aufgespannten Regenschirme, mit denen wir uns gegen Wind und Regen stemmen. Schon lange haben wir schwere Schauer auf Bremen niedergehen sehen. Zwei ziehen noch an uns vorbei, der dritte erwischt uns. Nicht lange, aber ohne Schirme hätte man uns an die Leine hängen können.


Wind und Regen sorgen auch dafür, dass wir darauf verzichten, uns für eine nächste Rast auf eine der zahlreichen Deichbänke zu setzen. Wir hoffen auf eine "doch sicher bald vorbeikommende" Gastronomie, doch nichts tut sich. Die Deichkrone ist asphaltiert und mit jedem Kilometer zwiebeln die Fußsohlen mehr. Inzwischen haben wir den Werdersee erreicht, wohl ebenfalls ein Altarm der Weser. Vom Weserstadion, unmittelbar auf der anderen, nördlichen Weserseite, hallen uns Schlachtgesänge entgegen. Gleich beginnt hier das Nord-Derby Werder gegen den HSV. Uns interessiert das jetzt weniger, wir wollen eine warme Kneipe oder sowas in der Art. Eine fast unendliche Schrebergartenkolonie liegt hinter dem Deich, aber nicht eine Kneipe. Osterspaziergänger sind unterwegs, Radfahrer, Jogger. Die müssen sich doch auch mal aufwärmen, was trinken... Doch nischte, nix, niente, nada... keine Gastronomie, nur nasse Bänke, einstellige "Wärme"-Grade und Wind. Ein wenig Sonnenschein wiegt da nichts auf. Wir gehen, gehen, gehen... erst fünfzehn, dann sechzehn, siebzehn Kilometer ohne Rast. Wir beißen beide die Zähne zusammen. Mein angegriffener linker Fuß erkundigt sich bei meinem Großhirn, ob ich noch alle Tassen im Spind hätte. Endlich die Brücke von der Werderinsel hinüber in die Altstadt... die erste Gastronomie, auf die wir stoßen, wird gestürmt... eine Eisdiele.


Unsere Füße fühlen sich an, als hätten wir gerade einen Feuertanz hinter uns. Würde ich die Portion Eis aus meinem Becher jetzt auf meinen Fußsohlen ausstreichen, es würde zischen. Aber trotzdem haben wir diese kleine Prüfung bestanden; ich bin ein wenig stolz auf uns. 


Nach einer halben Stunde etwa sind wir sogar wieder so weit hergestellt, dass wir uns an eine kleine Stadtbesichtigung machen. Zuerst schlage ich den Kurs zum Schnoorviertel ein, dem ältesten Viertel von Bremen. Hier steht auch das Bremer Geschichtenhaus, der ehemalige Hauptsitz der Bremer Jakobusgesellschaft. Eine große Jakobusfigur prangt über dem Eingang. Menschen drängeln sich im "Schnoor" und fast hätten wir die schmale Fassade des Geschichtenhauses gar nicht wahrgenommen. Doch dann stehen wir doch vor der Tür und werden prompt von einem in einem mittelalterlichen Kostüm gekleideten Herrn begrüßt. Als er uns als Pilger identifiziert, ist er besonders zuvorkommend, besorgt uns einen besonders schönen Stempel für den Pilgerpass und lädt uns ein zur nächsten Führung im Geschichtenhaus. "Pilger haben bei uns freien Eintritt!" 


Da der Pilgertag für uns sowieso zu Ende ist, wir uns auch für Bremen etwas Zeit lassen wollen, willigen wir ein und befinden uns wenig später im Bremen gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges. Zusammen mit etwa 20 anderen Besuchern werden wir durch das Haus geleitet und erfahren an fünf Stationen durch Laiendarsteller so manch Wissenswertes aus dem Bremen von 1646, manchmal etwas langatmig, aber im Großen und Ganzen nett gemacht.


Vom Schnoorviertel bummeln wir zum Marktplatz, sehen den Bremer Roland dort stehen zusammen mit einigen mittelalterlichen Fassaden, das Alte Rathaus erhebt sich vor uns, genauso wie die moderne Bremer Stadtverordnetenversammlung (Länderparlament) und der gewaltige Dom St. Petri.


Aber dann reicht es auch. Glücklicherweise steht unsere Unterkunft für heute, das Backpacker-Hostel, nicht weit entfernt von der Altstadt in der Nähe des Hauptbahnhofs. Was noch besser ist, das Hostel steht ganz in der Nähe des Jakobswegs. Morgen früh also nur ein kurzer Weg bis zum "Einstieg", dann geht es weiter: immer Richtung Norden!


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Kommentare: 4
  • #1

    Hildegard (Montag, 17 April 2017 10:24)

    Hallo Reinhard!
    Das Schicksal von Michelle hat auch meine Malgruppe in der 'Alten Schule' in Ruppichteroth bewegt. So kann ich nochmal 60,--€ für die Delphin-Therapie überweisen.
    Viele Grüße auch an Dieter
    Hildegard

  • #2

    Die Pilgertochter (Montag, 17 April 2017 11:25)

    Frohe Ostern, euch beiden! Denk mal zurück. Vor vier Jahren Ostersonntag sind wir noch durch Schnee und Nebel mit zwei Meter Sichtweite in Frankreich gepilgert... lang ist's her...
    Und was soll das heisen: "Welche Mamas und Papas verstecken heute noch Ostereier?" Ich dachte, das macht der Osterhase!

    Und ich finde sehr tapfer, dass ihr alle zwei Zähne zusammengebissen habt. Aber ich hatte gedacht, du hättest noch mehr Zähne übrig gehabt, als du losgelaufen bist.

  • #3

    Renate Z. (Montag, 17 April 2017 14:23)

    Frohe Ostern euch beiden!
    Hier in Much kommt auch der Osterhase und erledigt die Versteckarbeit!
    Und beim Osterspaziergang (der in diesem Jahr wegen Regen ausfallen musste) finden wir immer !! am Wegesrand einzelne Eier, die dem Hasen wohl aus dem Körbchen gefallen sind. Wir Eltern sammeln immer den Fund der Kinder und verteilen unauffällig weiter....
    Was haben wir schon gelacht und Spaß gehabt mit 3 mitgenommenen Eiern und einer Handvoll Schokoeiern.....
    Liebe Grüße
    Renate

  • #4

    Der Kronprinz (Mittwoch, 19 April 2017 10:05)

    Wer versteckt und sammelt noch Eier?! � Frechheit!! Wir haben mit Neyo fast eine Stunde immer wieder die selben sechs Schokoladen Eier versteckt und gesucht. ☝�