Ostermontag geschlossen!

Am Morgen aus Bremen herauszukommen ist nicht schwer. Kaum 300 m sind es, bis uns die Markierung des Jakobswegs wieder ins Auge sticht, und dann geht es iiiiiimmer geradeaus. "Iiiiiimmer geradeaus" bedeutet in diesem Fall tatsächlich ohne jede Wegkrümmung, sieben Kilometer lang. Wir können von Glück sagen, dass wir diesen Umstand entschärfen können, indem wir für die Hälfte dieser Strecke in den angrenzenden Bürgerpark ausweichen, dessen leicht geschwungene Wege uns an blühenden Bäumen und Büschen vorbei, an kleinen Wasserläufen entlang und über Zierbrücken hinweg die schnurgerade Straße neben uns zwar erahnen, aber nicht erleiden lassen.


Die zweite Hälfte der Straße ist nicht minder schnurgerade, zum einen aber fahren auf ihr keine Autos mehr und zum andern geht der Blick weit ins Land hinaus, denn die Landschaft ist platt, platter geht nicht. Wie geschaffen für Ostermontagsjogger und -radfahrer. Unter den Joggern gibt es sie wieder: die sportlichen, die sich ästhetisch einwandfrei fortbewegen, und die armen, bemitleidenswerten Geschöpfe, die sich offensichtlich nur quälen und vergeblich auf den Einschuss der Glückshormone warten. Unter den Radfahrern gibt es die Sonntagsradler, die mit breiten Satteln, Gesundheitslenkern, Körbchen auf den Gepäckträgern und durchgedrückten Rücken einherstrampeln, und die zukünftigen oder ehemaligen Tour-de-France-Jünger, die alleine oder zu zweit nebeneinander, mit Hightech-Ausrüstung, gebeugten Rücken, Tunnelblick und verbissenen Gesichtszügen vorbeifliegen. Ganz normal zu Fuß, wie wir, ist niemand unterwegs.


Wir alle zusammen werden vom Kuhgraben begleitet, einem dieser breiten Entwässerungsgräben, die die endlosen Wiesen des Weser-Urstromtals durchziehen und von Hunderten von kleineren Fleets gespeist werden, deren Zuflüsse wiederum mehr oder weniger große Sperranlagen regulieren. Eine etwas größere Anlage ist die Kuhsiel-Schleuse, früher genutzt für die Kähne, die Torf aus den weiten Flächen des etwas nördlich gelegenen Teufelsmoors nach Bremen hineinbrachten, heute fahren Sportboote ein und aus.


Hinter der Kuhsiel-Schleuse beginnt der Wümme-Deich, nicht ganz so stattlich wie der Weser-Deich gestern, aber schön ist es, auf ihm entlangzugehen. Zur Rechten liegen die saftig grünen Wümme-Wiesen, zur Linken schlängelt sich die Wümme durch hohes Auengebüsch und trockene Reetgrasbestände, und immer wieder stoßen wir auf kleine, reetgedeckte Fachwerkhäuser mit ihren mächtigen braunen Holztoren, die in jeden "Ferien-auf-dem-Bauernhof"-Katalog passen würden.


Jenseits der Wümme kommen wir an den Ortsrand von Lilienthal, Zeit für eine erste Rast. Und siehe da: Wunderschön liegt ein kleiner Gasthof unmittelbar am Deich, genau richtig! Nur... die Tür lässt sich nicht öffnen. Ostermontag geschlossen! Hinter den Fensterscheiben erkennen wir zwei Männer beim Frühstück, vielleicht Übernachtungsgäste, doch wir bleiben außen vor. Wir hätten gewarnt sein sollen...!


Immer der Hauptstraße nach durchqueren wir Lilienthal. Wo wir an Gastronomien vorbeikommen... Ostermontag geschlossen! Halt! Ein Eiscafé hat geöffnet! Schnell rein, bevor die es sich auch noch anders überlegen. Außerdem ist ein Eiscafé immer eine Alternative! Eis schmeckt, der Kaffee weckt die Lebensgeister - alles gut!


Ein kleiner Nebenbach der auch nicht viel größeren Wümme ist die Wörpe, und direkt an ihr entlang, am östlichen Rand von Lilienthal, zockeln wir weiter, erfreuen uns an den kleinen Birken, die einige Zeit dem Lauf der Wörpe folgen, und an den Enten, die am Bachhang mit ihresgleichen zusammenhocken oder das schmale Gewässer bevölkern. Auffällig ist, dass es zumeist Erpel sind, die wir antreffen. Vielleicht ist es der örtliche Junggesellenverein, der sich erst noch Partnerinnen suchen muss, denn nur die wenigsten Erpel bewegen sich in holder Zweisamkeit mit einer Auserwählten.


Weiter ziehen wir durch die Wörpewiesen, werden zweimal von kurzen Regenschauern erwischt, die aber nach wenigen Minuten schon über uns hinweggezogen sind und der Sonne wieder Platz machen. Obwohl wir bereits 20 Kilometer hinter uns haben, sind wir doch zur späten Mittagszeit bereits in Grasberg an unserer Unterkunft, dem Schützenhof. "Ostermontag geschlossen! Tür vom Kuhstall benutzen!" Wie jetzt??? Okay, das Schild hängt am Eingang zum Hotel, der Kuhstall ist zum "Event-Restaurant" ausgebaut - aber drinnen sitzt kein Mensch. Uns beschleicht schon ein komisches Gefühl... Wir erledigen die Formalitäten: Anmeldung ausfüllen, nach der möglichen Frühstückszeit und dem WLAN fragen und dann noch: "Können wir heute Abend bei Ihnen essen?" - "Nein, das geht leider nicht, wir haben heute eigentlich Ruhetag! Bis um 18 Uhr können Sie gerne ein Eis essen oder einen Kaffee trinken, aber essen... leider nicht. Bedaure!" Peng! Wir schlucken, gehen aber davon aus, dass sich irgendwo sonst im Ort schon eine offene Gastronomie auftreiben lässt. Obwohl... auf dem Weg durch den Ort ist uns da so spontan nichts aufgefallen... Kommt Zeit, kommt Kneipe, denken wir uns, erstmal aufs Zimmer, ankommen, entspannen... 


Am späteren Nachmittag dann nochmal in den Kuhstall auf einen Kaffee und ins Internet, um uns dort nach einem geöffneten Grasberger Verköstigungsbetrieb umzusehen. Was uns entgegenblinkt: jedesmal "Ostermontag geschlossen". Wir fassen es nicht! Also jetzt noch ganz schnell die Not-Kalorien reinschieben: eine (weitere) Portion Eis! Wenn dann im Lauf des Abends doch noch Hunger aufkommt, habe ich ja auch noch eine Tüte Studentenfutter! (Also ehrlich, da haben die in diesem ganzen Kaff nicht eine einzige Möglichkeit, wo...)


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Kommentare: 1
  • #1

    Roswitha B. (Dienstag, 18 April 2017 17:24)

    Da hab ich doch gleich mal nachgeschaut und das gefunden:
    Da die Weibchen während der Brutzeit häufiger den Beutegreifern zum Opfer fallen, finden sich in vielen Beständen mehr Erpel als Enten.
    Wünsche Dir/Euch weiterhin gute Wanderbedingungen.
    Gleich tagt wieder die Theatergruppe, es gibt viel zu lachen.
    Liebe Grüße - auch von Frank