Im Bauwagen

Dieter ist in heller Panik. "Für heute sind Temperaturen von -2 ° bis höchstens 6 °C angesagt!!!" Gut, -2 °C hatten wir vielleicht irgendwann heute Nacht und mehr als 6 °C hatten wir gestern auch nicht. Außerdem scheint draußen die Sonne, als wir zum Frühstück gehen, wir werden es also höchstwahrscheinlich überleben. Damit aber nicht doch irreparable Schäden bei mir auftreten, ziehe ich mir zum Start noch die Fleecejacke unter den Anorak - Dieter ist sowieso eingepackt wie zur Grönland-Expedition - und dann geht's los.


In den Oste-Auen, die wir auf einer langen Holzbrücke überqueren, liegt tatsächlich noch Reif auf den Teilen der Wiesen, die noch nicht von der Sonne beschienen sind. Reif und Tautropfen glitzern in der Sonne, die sich vor uns im Wasserlauf der Oste spiegelt. Ein schönes, ruhiges Bild. Auf der Wiese unterhalb der Brücke laufen unsere Schatten mit. 


Wir kommen nach Heeslingen, dem einzigen Dorf für heute, das seinen Namen verdient. Eigentlich ist es noch viel zu früh für eine Pause - wir sind erst sechs Kilometer auf den Beinen - , aber anschließend kommt ein langer Ritt, und nach den Erfahrungen von gestern soll man die Gelegenheit wahrnehmen, wo man sie antrifft. Und in Heeslingen treffen wir - auf ein Bäckerei-Café. Bei einer Tasse Kakao greife ich zum Handy und rufe unsere Gastgeber für die nächste Nacht an. In Hollenbeck, einem Ortsteil von Harsefeld, werden wir in einem Bauwagen übernachten und mir schwant, dass die Verpflegungsfrage für Abendessen und Frühstück noch geklärt werden muss. Und richtig: "Essen bieten wir nicht mit an", antwortet mir eine nette Stimme auf Nachfrage, "Sie haben aber die Möglichkeit, sich im Bauwagen etwas zu kochen." Dann brauchen wir jetzt nur noch Lebensmittel. Gibt es die in Heeslingen? Wir fragen die liebe Frau hinter der Kuchentheke und die gibt uns, sehr zu unserer Erleichterung, die Auskunft, dass wir 50 m weiter sehr wohl einkaufen könnten.


Das tun wir dann auch, Brot und was drauf, wirklich nur für abends und morgen früh. Mehr mitgeschleppt wird nicht! Im zügigen Durchmarsch ist alles erledigt, Dieter darf es - mit Knurren - in seinen Rucksack packen, ich transportiere schon seinen Schirm. Dann geht es wieder auf die Piste. Da es zunächst sonnig und kaum windig ist, stellt sich der phasenweise wieder schnurgerade "Ritt", der nur ab und zu mal für ein paar Grad nach links oder rechts schwenkt, nicht ganz so nervig dar wie gestern. Heute rechnen wir auch erst gar nicht mit Einkehrmöglichkeiten in am Weg liegenden Dörfern. Dörfer liegen eben nicht am Weg! So tun es auch mal (wieder) ein Baumstamm und die Bank in einer Bushaltestelle.


Aber unterwegs stinkt es wieder reichlich! Fast wie aufgescheuchte Hühner brettern die Bauern mit ihren schweren Traktoren über die Wege, biegen mit den Güllewagen auf die Felder ab und versprühen dort nicht gerade die Wohlgerüche Arabiens. Da die Felder riesengroß sind und die Gülletanks nach wenigen Reihen leer, werden in kurzen Abständen die nächsten Tanks zum Umfüllen herangekarrt. Ein Hin und Her.


Weniger störend - für Dieter und mich jedenfalls - sind die riesigen Windparks, die immer wieder vor uns auftauchen. An einer Stelle entstehen gerade einige neue dieser gewaltigen Windrad-Türme. Es werden immer mehr werden, auch wenn das vielleicht einigen (vielen?) nicht passt.


Zwei Pilgerinnen mittleren Alters kommen uns entgegen. Zumindest eine von ihnen schaut direkt etwas neidisch auf Willi. Ich glaube, sie würde jetzt gerne mit mir tauschen. Gestern sind sie in Hamburg zu ihrem Pilgerweg auf der Via Baltica gestartet und ihr tut jetzt schon vom Rucksacktragen alles weh. Zehn Kilogramm trägt sie mit sich, so ziemlich das Maximum, was man sich zumuten sollte. Aber sie ist ein ziemlich zierliches Persönchen und das Gewichtsmaximum sollte sich immer auch an der eigenen Statur orientieren. Bei ihr stimmt das Verhältnis nicht. Mal sehen, wie weit die Beiden kommen, heute wollen sie jedenfalls bis Zeven.


Geschlafen haben sie die letzte Nacht in einem Bauwagen in Hollenbeck, und genau der ist auch unsere Zieladresse für heute. Zügig bewegen wir uns jetzt in seine Richtung, denn die Sonne ist der Meinung, dass sie für heute genug geleistet hätte und deckt sich mit grauen Wolken zu. Dies bedeutet gleichzeitig aufkommender Wind und es wird wieder ungemütlich. Nach einer Stunde sturem Vorwärtsstapfen stehen wir vor dem "Quartier am Schmiedefeuer". Ein "Metallgestalter" (als solcher bezeichnet er sich) hat sich hier seine Werkstatt eingerichtet, während seine Frau im großen Wohnhaus einen kleinen Kosmetik-Salon betreibt. Beide verdienen sich noch Geld hinzu und vermieten für Pilger in ihrem Garten einen Bauwagen zur Übernachtung. Toilette und Dusche sind zwar im Wohnhaus (rückwärtiger Eingang), aber der Bauwagen ist super. Warm, gemütlich und groß genug für Dieter, Willi und mich.


Das Problem ist nur: Hier drinnen steht kein Fernsehen und Dieter möchte heute Abend schon gerne das Champions-League-Spiel von Borussia Dortmund sehen. Mal sehen, ob sich da noch was machen lässt...


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Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Mittwoch, 19 April 2017 22:40)

    In einem österreichischen Schildkrötenforum steht heute geschrieben, dass 1 m Schnee liegt. Meine Bekannte aus dem Westerwald berichtet, dass ihre Alpakas, die letzte Nacht (sonst aber auch) gerne im Freien schlafen, heute Morgen weiß von Raureif waren.
    Also, so lange Ihr nicht durch 1m Schnee laufen müsst,......................
    Und so lange Ihr ein Quartier habt, in dem Ihr nicht weiß aufwacht,............
    Liebe Grüße
    Lore

  • #2

    Der Kronprinz (Donnerstag, 20 April 2017 14:38)

    Na, in dem 1,40 m großen Bauwagen Bett konnten Dieter und du bestimmt gut kuscheln...

  • #3

    Lore (Donnerstag, 20 April 2017 20:04)

    Hab schon mit Peter über die Breite des Wagens bzw. die Länge des Bettes diskutiert. Peter hat den Stuhl als Maßstab genommen und kommt wie der Kronprinz auf 140 cm Bettlänge. Ich sehe das anders. Reinhard steht vor dem Bauwagen. Wenn er sich hin legen würde, würde er seitlich nicht über den Bauwagen hinausragen. Und Reinhard ist größer als 140 cm. Und der Bauwagen hat nicht so dicke Wände, dass drinnen nur eine lichte Bettlänge von 140 cm übrig bleibt. Also ich glaube, dass ein Mensch von 165 cm Körpergröße sich in diesem Bett ausstrecken kann. Wie es sich allerdings schläft, wenn 2 Menschen nebeneinander dort liegen? Das, und wie lang die lichte Bettlänge wirklich ist, erfahren wir sicher heute Abend.