Wirklich purer Zufall!

Eine wichtige Anmerkung an den Beginn: Die Breite des Bauwagens, unserer Unterkunft der letzten Nacht, und die daraus resultierende Länge des Doppelbetts hat Kommentatorinnen und Kommentatoren meines letzten Blogbeitrags dazu veranlasst, Vermutungen darüber anzustellen, welche Auswirkungen die Maße auf unser Wohlbefinden hatten. Ich kann dazu nur sagen: Unter solchen Bedingungen war "Länge" noch nie das wesentliche Kriterium!


Und noch etwas zu gestern Abend: Die Bettlänge hatte es ja nicht zugelassen, dass unser Bauwagen noch mit einem Fernseher ausgestattet war. Und ohne Fernseher kein Champions-League-Spiel Dortmund : Monaco. Da es ein Internet-Problem im kuscheligen Bauwagen gab, war auch über ZDF-Stream nichts zu machen. Die nächste Kneipe war für diejenigen zu weit weg, die tagsüber schon 25 km gelaufen waren. Also was tun? Ein Taxi war die Lösung. Wir schafften es, telefonisch eins zu ordern und bei Dieter, als BVB-Fan, stellte sich Vorfreude ein. Um 20.30 Uhr stand das Taxi vor dem "Quartier am Schmiedefeuer" und ab ging's nach Harsefeld. Von "nicht weiter als zwei Kilometer" war die Rede. Der Taxifahrer meinte, im "Farmer's Inn" werde übertragen und er fuhr... fuhr... und fuhr. 


Als wir das Zentrum schon lange durchfahren hatten, kam bei mir der Verdacht auf, dass wir hier gerade jemandem fürchterlich auf den Leim gingen. Am anderen Ende der Stadt, nach sieben Kilometern, lud er uns vor der besagten Kneipe ab und kassierte 15 Euro. Angefressen gingen wir rein. Im Gastraum lief zwar ein kleiner Fernseher, aber dort kein Fußball. "Fußball gibt es nebenan im Raucherraum!" Mich traf der Blitz! Ich sollte jetzt hier zwei, vielleicht sogar drei Stunden in solch einer Qualmhölle sitzen? - Machen wir es kurz: Der Taxifahrer hatte uns ver...eimert und uns zur am weitesten entfernten Fernsehkneipe gefahren, wir landeten in einem Raucherraum und Dortmund verlor. Zurück dann nochmal 15 Euro. Ich hatte soooo'n Hals...!


Die Nacht war kalt! Nicht im Bauwagen, da hatten wir es im Doppelbett ja sehr kuschelig, aber mit Harndrang in Unterwäsche nach draußen erforderte schon etwas Überwindung. Doch Situationen dieser Art werden mir vor allem in Norwegen bald häufiger widerfahren, also locker bleiben! Nur Dieter, der ganz hinten an der Wand schlief, vermochte nicht mehr ganz so locker über mich hinwegzuflanken und quetschte mir beim Aus-dem-Bett-Klettern etwas die Beine.


Zum Frühstück leben wir von unseren Vorräten, die wir gestern noch eingekauft hatten. Unser "Buffet" ist also eher spärlich. Dafür kommen wir aber auch zügig wieder auf die Straße. Erneut ist es ein kalter Morgen, aber er ist sonnig. Wieder muss es Minusgrade gegeben haben, denn die Wiesen sind weiß mit Raureif überzogen. Schnell finden wir die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund wieder, unsere Wegmarkierung. Doch seit den letzten Tagen hat sich die Markierung eines weiteren Pilgerweges, der "Via Romea", dazugesellt. Vor mehr als 1000 Jahren soll von Stade aus ein Bischof bis nach Rom gepilgert sein, dessen damaliger Weg als Vorbild für den noch nicht allzu lange existierenden heutigen Pilgerweg dient. Ich muss mich über die Via Romea mal näher informieren...


Nach einer Stunde Gehzeit kommen wir nach Hagen. Wie bitte? Hagen? Da war doch vor zwei Wochen mal was? Bin ich im Kreis gegangen? Natürlich nicht, aber etwas schmunzeln muss ich doch. Wenig später, zu einer Zeit, als definitiv eine Rast ansteht, erreichen wir den westlichen Ortsrand von Deinste. Auf meiner Karte sehe ich, dass es dort die Deinster Mühle gibt. Na schön, in Hagen, drei Kilometer zuvor, gab es auch die Hagener Mühle, und das war eben mal eine vor Jahren stillgelegte alte Mühle. Doch die Deinster Mühle, das erkennen wir aus 200 m Entfernung, ist ein Restaurant. Also hin! 


Die Tür ist verschlossen... wird sich aber in fünf Minuten für uns öffnen! Na also! D.h., für mich hätte sich die Tür gar nicht öffnen müssen, ich hätte mich auch gerne nach draußen gesetzt und mich dort bedienen lassen. Die Sonne scheint, wärmt sogar etwas, die Luft ist klar, die Außenmöbel sind gemütlich, aber neeeiiin, Dieterlein muss ins Warme, ins Miefige... Er könnte sich das Hälschen verkühlen, erfrieren, zum Eiszapfen erstarren, den vorbeiziehenden Eisbären zum Opfer fallen... Okay, drinnen im plüschigen Mief schmeckt der Kaffee, schmeckt die Lohgerbersuppe (die Deister Mühle war eine Lohgerbermühle), nur satt wurden früher die Lohgerber davon wohl auch nicht.


Das Wetter bleibt angenehm den restlichen Wandertag hinweg. Dieter trägt zwar auch weiterhin mehrere Textilschichten übereinander ("... gegen diesen scharfen Nordostwind"), was aber nichts an der Tatsache ändert, dass es wesentlich schöner ist, heute zu laufen als an den vergangenen zwei, drei Tagen. Auch die Landschaft hat sich etwas verändert. Nicht mehr diese relativ kahlen Weiten mit vorherrschenden schnurgeraden Asphaltstrecken, sondern häufiger mal Richtungswechsel, kleine Besiedlungen, Birkenalleen, sandige Geestwege durch kleine Wälder. Selbst die Vögel scheinen heute mehr Lust zu haben, ihre Lieder zu singen und Bussarde ziehen am Himmel ihre weiten Kreise.


So kommen wir zwar dennoch etwas groggy, aber gut gelaunt in Stade an. In Teilen der Altstadt ist Jahrmarkt, Musik schallt uns entgegen, Menschen tummeln sich. Ich schau nach links, ich schau nach rechts - und erblicke Jasmin! Wieder einer der Augenblicke, bei denen ich denke: "Das stimmt jetzt nicht! Das kann jetzt nicht wahr sein!" Jasmin erkennt mich in genau demselben Moment und strahlt. Dies ist nun wirklich keine geplante Überraschung, wie es sie ja im Verlauf meiner Wanderung schon gegeben hat, sondern der pure, absolut glückliche Zufall. Jasmin ist das Mitglied einer befreundeten Familie, meine Kinder sind mit allen Kindern dieser Familie befreundet, ich bin mit der Mutter von Jasmin auf herzliche Weise befreundet. Und jetzt steht sie da mit ihren drei Kindern an ihrer Seite und strahlt mir entgegen. Nein, jetzt läuft sie mir entgegen und fällt mir in die Arme. Jakobus, ist das wiedermal dein Werk? Bald fange ich an, daran zu glauben. Jasmin macht mit ihren Kindern und ihrer Schwägerin hier oben im Norden einen Kurzurlaub, hat sich heute entschlossen, mal nach Stade zu fahren und vor einer Eisdiele ein Eis zu essen, ich komme im selben Moment, nach weit über 500 km Wanderung an derselben Stelle vorbei und wir stolpern förmlich übereinander. Ich fass' es nicht!


Natürlich müssen wir das feiern und ich setze mich auf ein Eierliköreis zu ihnen. Sie berichtet mir aus der Heimat, ich ihr ein wenig von den Tagen der Tour. Dann trennen sich unsere Wege wieder. Dieter und ich bummeln durch die wunderschöne Altstadt von Stade mit ihrem kleinen Hafen und landen dann in der Jugendherberge. War schön, dieser Tag...!


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Kommentare: 3
  • #1

    Renate Z. (Freitag, 21 April 2017 09:20)

    Hallo Ihr beiden, wie bekomme ich denn dieses Bild aus dem Kopf: Ihr zwei, ein bisschen nach Rauch stinkend, mit dickem Hals löffelt in eurem Bettchen ���
    Und ja , du Zweifler - Jakobus ist bei euch!!
    Diese gestrige Begegnung macht doch den vorigen Abend mit geschäftstüchtigen Taxifahrer wett....

  • #2

    Roswitha B. (Freitag, 21 April 2017 09:31)

    Zum misslungenen Fernsehabend würde der Colonel sagen: K.O. �
    Noch viel Spaß wünsch ich weiterhin!

  • #3

    Der Kronprinz (Freitag, 21 April 2017 14:06)

    Also, das mit Jasmin ist ja echt krass! Ansonsten lese ich eine kleine Disharmonie heraus… �