Elbe erreicht!

Auf unserem Flur in der Jugendherberge ist alles ruhig. Kein Türenschlagen, kein Gerenne, kein Geschrei, alles, was eben sein könnte, wenn Kinder und Jugendliche so ein Haus bevölkern. Ein großes Lob und Dankeschön an die Herbergsmutter, dass sie uns in der beruhigten Zone untergebracht hat. Dass nämlich noch andere Gäste im Haus sind, kleine Gruppen und Familien mit kleinen Kindern, erfahren wir morgens, als wir zum Frühstück runtergehen und ein ganz schönes Gewimmel am Frühstücksbuffet antreffen. Ein schreiendes Kind gibt noch etwas Begleitmusik.


Als wir loslaufen, ist der Himmel grau, aber die Temperaturen haben sich etwas erholt. Trotzdem habe auch ich wieder meine Fleecejacke unter dem Anorak an, denn auf dem Elbdeich bekommt uns ein aufkommender Wind eventuell gut zu fassen und es könnte frisch werden... oder... "fürchterlich kalt", um mit Dieters Stimme zu sprechen.


Kaum haben wir Stade hinter uns gelassen, schon ist die Landschaft wieder eine andere. Nach der Geest vor Stade jetzt die Elbmarschen: flach und grün wie eine Tischtennisplatte, durchzogen von Gräben und kleinen Kanälen. Das Grau der Wolken hängt tief und der Horizont wirkt verwischt. Doch der Wind hält sich noch zurück und wir kommen gut voran.


Dann erhebt sich der Deich vor uns. Dort, wo es geht, schauen wir über ihn hinweg, aber wir wissen, die Elbe selbst können wir noch gar nicht sehen, noch ist das Deichvorland viel zu großflächig. Dieter will auch nicht auf der Deichkrone weitergehen. "Viiieeel zu windig! Lass uns da unten weitergehen, da ist es windgeschützt!" Mit "da unten" meint er den asphaltierten Weg, der sich am inlandigen Deichfuß entlangzieht. Viel windgeschützter ist es da auch nicht, da der Wind von Land kommt und nicht von der Elbe her, aber mir ist das jetzt auch egal. Doch nachher, wenn der Deich näher an die Elbe heranrückt, dann gehe ich AUF dem Deich.


Bis Bützfleth marschieren wir also "unten" längs, oft an alten typischen Fachwerkhäusern vorbei, die mit hellroten Ziegelsteinen ausgefacht und mit Reet gedeckt sind. Bützfleth bietet sich zu einer Rast an. Der Edeka-Laden an der deichnahen Hauptstraße führt eine Bäckerei, wo wir uns auch auf einen Kaffee hinsetzen können. Man hat inzwischen so seine Rituale entwickelt... Immer wenn wir auftauchen, treffen uns musternde Blicke. Habe ich ja nichts gegen, nur die Leute sollten sich so langsam mal wieder intensiver mit meinem Spendenplakat beschäftigen. Meine kleine Spendenbox könnte wieder "frische Nahrung" gebrauchen.


Hinter Bützfleth geht es jetzt rauf auf die Deichkrone. Für eine kurze Weile verbirgt sich die Elbe noch hinter einer Industrieanlage, doch dann breitet sie sich vor uns aus, breit und mächtig. Kleine Schlepper und riesige Containerschiffe kommen uns entgegen auf ihrem Weg nach Hamburg.und werfen ihre Wellenausläufer nach einer Weile ans Elbufer. Blühender Löwenzahn färbt den Deich zeitweise gelb ein, eine Schafherde schlägt sich über 200 m mit dem ersten saftigen Gras der Deichhänge die Bäuche voll. Mensch, so weit im Norden sind wir schon, an der Elbe! Morgen, wenn wir mit einer Fähre übersetzen, werde ich vier Wochen unterwegs sein.


Hinter Wethe zweigt der neue Deich, gebaut nach der Flutkatastrophe von 1976, ab und bleibt in unmittelbarer Elbnähe. Auf dem alten Deich, damals stellenweise zerstört, gehen wir weiter, entfernen uns auf ihm wieder etwas vom Elbufer und genießen die schönen Blicke vom erhöhten Standort auf viele wunderbare alte Fachwerkanwesen und Reihen blühender Obstbäume. Der Sonne gelingt es immer mal wieder, die Wolkendecke zu durchbrechen und Dieter ringt sich tatsächlich zu der Aussage durch, im Gegensatz zu den letzten Tagen sei es ja mittlerweile mal richtig mild. Ich traue meinen Ohren kaum. Irgendwann steht das Gras auf der Deichkrone schon etwas zu hoch und es wird mühsam, dort weiterzuwandern. Also geht es "unten" weiter. Bei Assel machen wir einen kleinen Schwenk durch den Ort, erblicken vor dem kleinen Museum einen Hinweis auf die Flutkatastrophen von 1962 und 1976. Was mir und Dieter bisher unbekannt war, ist die Tatsache, dass es nach dieser dramatischen Katastrophe von 1962 überhaupt eine weitere ähnlich schlimme 14 Jahre später gegeben hat und dass das Hochwasser 1976 mehr als einen halben Meter höher in Assel stand als 1962. Man(n) lernt nie aus!


Unterwegs rufe ich einen netten Herrn an, der in Drochtersen direkt am alten Deich wohnt. Schon am Anfang meiner Unterkunftsplanung im November vorigen Jahres hatte ich mich mit ihm in Verbindung gesetzt, mit der Bitte, mir in Drochtersen ein Quartier zu vermitteln. Schon damals stellte er mir das Ev. Gemeindezentrum im Ort in Aussicht oder möglicherweise auch ein Bett bei sich zu Hause. Jetzt sagt er mir am Telefon, dass er und seine Frau uns zu sich ins Haus einladen und für Verpflegung sei auch gesorgt. Wir freuen uns. Wieder mal ein Beweis besonderer Gastfreundschaft auf einem Jakobsweg.


Etwa eineinhalb Stunden später empfängt uns unser Gastgeber bereits vor der Haustür und bittet uns hinein. Seine Frau lädt uns direkt zu Kaffee und Kuchen ein, sie hat selbst gebacken. Hund Bruno bellt erst etwas panisch, lässt sich aber schon während der Kaffeetafel nach einer kurzen Gewöhnungsphase gerne streicheln.


Während unserer Relaxphase auf dem Zimmer erreicht mich ein Anruf einer Redakteurin von Radio Bonn/Rhein-Sieg. Schon vorgestern hatte sie sich angekündigt. Allerdings wollte ich noch nicht darüber berichten, denn über ungelegte Eier braucht man nicht zu reden. Jetzt interviewt sie mich, fragt nach meiner Motivation, so lange Touren zu unternehmen, fragt nach Michelle und will etwas über die Spendenaktion wissen. Alles wird direkt im Studio in Bonn mitgeschnitten und irgendwann in der nächsten Woche in meiner heimatlichen Region zu hören sein. Den genauen Termin erfahre ich hoffentlich noch und gebe ihn dann natürlich weiter. Ich bin selbst gespannt, was ich da so alles von mir gegeben habe.


Auch zum Abendessen sitzen Dieter und ich wieder unten in der Küche und erfahren mehr darüber, wie das war, damals in den Nächten der Flutkatastrophen, die sie beide hautnah erlebt haben. Mann, Mann, was ist da schon ein Hochwasser an der Sieg... !


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