Erste Schritte in Schleswig-Holstein

"Halloooo, Frühstück ist fertig!", ruft unsere Gastgeberin zu uns hinauf. Natürlich lassen wir sie nicht lange warten. Ihr Mann sitzt schon am Tisch und erwartet uns. Apfelsaft aus eigener Herstellung, ebenso die Marmelade, Gurken aus dem Garten, Eier von den eigenen Hühnern, frische Brötchen, dunkles Brot, usw. stehen auf dem Tisch. "Nehmen Sie sich ja was mit! Wenn Sie so lange unterwegs sind, brauchen Sie doch Kräfte!" Brötchen müssen wir uns einpacken, Eier, noch einige Stücke vom gestrigen Kuchen, man ist redlich um uns besorgt.

 

Dass ich bei den Namen unserer Gastgeber anonym bleibe, hat seinen Grund. Es hat ihnen große Freude bereitet uns einzuladen. "Wir haben so viel Interessantes von Ihnen erfahren. Das hat richtig Spaß gemacht!" Doch das soll es auch gewesen sein. Andere Pilger haben sie schon im Gemeindezentrum untergebracht oder an ein nahegelegenes Hotel preiswert vermittelt. Bei ihnen zu Hause hatten sie noch nie jemanden. "Bitte nennen Sie in Ihrem Blog nicht unsere Namen", sagen sie, "wir möchten nun nicht mit Nachfragen von Pilgern, die bei uns zu Hause übernachten wollen, überrannt werden." Das akzeptiere ich natürlich und benenne sie nur mit "netter Mann", "seine Frau" oder "unsere Gastgeber". Das ändert aber nichts daran, dass wir uns in Drochtersen herzlich aufgenommen fühlten und tolle Gastfreundschaft erlebt haben. Vielen Dank dafür!

 

Als wir das Haus unserer Gastgeber verlassen, regnet es nicht, obwohl "zeitweise Regenschauer" vorhergesagt sind. Das ist die gute Nachricht! Die weniger gute Nachricht: Es stürmt nahezu! Die zu erwartende Nachricht: Dieter ist entsetzt! 50 m später führt eine Treppe auf die Deichkrone hinauf. "Wir gehen doch da jetzt nicht rauf!?" Sein Gesicht deutet auf Fassungslosigkeit hin. "Wir gehen doch unten her! Da oben ist es doch viel zu stürmisch!" Bevor ich die Treppe hochsteige, rate ich ihm, ruhig unten zu bleiben, aber es gibt "unten" keinen deichbegleitenden Weg. Dieter müsste zur Landstraße abbiegen und dieser kilometerlang folgen. Zähneknirschend folgt er mir auf den Deich, aber dass dieser heute nicht sein Freund werden wird, höre ich hinter mir immer wieder deutlich. Ich grinse in mich hinein.

 

Ich mag das ja, wenn der Wind an mir zerrt, mich aufzuhalten versucht. Es ist wohl auch kalt, ich spüre es im Gesicht und an den Händen, aber dann gehe ich halt schneller und die Betriebstemperatur steigt. Ich liebe dieses Gehen auf dem Deich, von dem ich zu beiden Seiten hinunterschauen kann, wie von einem Balkon. Ich sehe die Entwässerungsgräben, die das Deichvorland durchziehen, eine kleine Herde von prächtigen Pferden, die sich gegenseitig vor dem Wind schützen oder die langen Reihen niedriger Obstbäume, die in Blüte stehen. Auf der anderen Seite immer wieder diese typischen Häuser "hinterm Deich", die Giebelseiten dem Deich zugewandt, mit wunderschönem Fachwerk, großen, bogenförmigen Türen und tief hinabreichenden Reetdächern.

 

Rastzeit ist heute etwas früher. Bei Neuland steigen wir vom Deich ab und hoffen, an der Landstraße eine Kneipe zu finden. Etwas Aufwärmen würde schon guttun. Wir haben Glück und finden die Gesuchte tatsächlich. Eine ganz alte, vielleicht steht sie hier schon hundert Jahre oder länger. Alte Fotos an den Wänden im kalten Flur zeugen von den alten Tagen des kleinen Dorfes, zeigen Szenen aus dem Alltagsleben in früheren Zeiten und von schweren Zeiten, wenn der Deich das Wasser der Elbe nicht halten konnte und das Dorf überspült wurde. Uns lässt der Wirt in die gute und nahezu überheizte Stube, dorthin, wo an Wochenenden sich vielleicht mal ein Dorfbewohner zum Essen hin verirrt. Der Gastraum mit der Theke liegt über dem Flur und stinkt nach abgestandenem Qualm.

 

Dieter hat inzwischen seinen Entschluss getroffen: Er bleibt jetzt "unten", geht am Rand der Landstraße weiter. Wir verabreden, am Fährableger von Wischhafen aufeinander zu warten, möglichst in der dort zu vermutenden Gastronomie. Dieter legt also entlang der Straße den Turbo ein, ich steige wieder auf den Deich. 

 

Diesmal legen sich mir kleine Hindernisse in den Weg: Zum Beispiel sind es die unzähligen Hinterlassenschaften der zahlreich vertretenen "Deich-Rasenmäher". Mutterschafe mit ihren Lämmern bevölkern mal wieder den Deich und räumen missmutig die Deichkrone, wenn ich mich ihnen nähere. Ihre Mähreviere sind durch mobile Schafszäune abgegrenzt. Manchmal helfen mir stabile Eisentore, von einem Revier ins andere zu wechseln, manchmal sind es aber auch kleine Leitern mit engen Durchlässen, die ein Wechseln mit dem Wheelie schon etwas schwieriger machen. Doch trotz kleiner Schwierigkeiten und beutelndem Wind bleibt dieser Streckenabschnitt einer der schönsten meiner bisherigen Tour.

 

Dass ich mich der Elbfähre hinüber nach Glückstadt nähere, erkenne ich sehr schnell an der langen Autoschlange, die sich auf der Straße dorthin gebildet hat. Wie einfach ist es doch, als einfacher Fußgänger an den im Stau stehenden Autos mit einem Lächeln vorbeizuschlendern. Nur ab und zu bewegen sie sich fort, immer dann, wenn die nächste Fähre wieder einige von ihnen an Bord nimmt. 

 

Dieter sitzt bereits seit einiger Zeit in dem tatsächlich am Ableger existierenden Restaurant und hat ein Bier vor sich. Trotz der mitgeführten Brötchen und Eier kann ich der Versuchung einer Matjes-Mahlzeit nicht widerstehen. Erst dann besteigen wir die Fähre.

 

Bei der fast halbstündigen Überfahrt ist es erst recht stürmisch, weiße Schaumkronen bilden sich auf den Wellen und ein kurzer Hagelschauer geht nieder. Stromabwärts, am anderen Ufer sehe ich das AKW Brokdorf, 2022 wird es vom Netz genommen. Ein Containerschiff kreuzt unseren Kurs und fährt auf Hamburg zu. Zwei Kilometer nördlich der alten Festungsstadt Glückstadt legt die Fähre an. Nochmal rüttelt auf dem Weg zur Altstadt der starke Wind an uns, nochmals erwischt uns ein ergiebiger Hagelschauer, aber was soll's!? 

 

Wir haben die Elbe überquert, gehen die ersten Schritte in Schleswig-Holstein. Exakt vier Wochen habe ich dafür gebraucht und als wir mitten in der Altstadt am kreisrunden historischen Marktplatz vor unserer Unterkunft stehen, zeigt meine Streckenaufzeichnungs-App auf dem Handy auf den Kilometer genau die "600" an.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Der Kronprinz (Sonntag, 23 April 2017 21:07)

    Wow!! Hammer Bilder....!