Am Stördeich entlang

Draußen vor unserem Zimmerfenster fließt die Stör recht schnell der Elbe zu. Zwei große Flügelfenster, die bis auf den Boden reichen, geben den Blick auf sie frei. Schafe grasen unmittelbar vor dem Fenster auf dem Deich oder auf der Wiese zum Störufer hin, wo auch eine große Feuerschale steht. Ein guter Platz für ein Lagerfeuer mit Würstchen am Spieß oder Stockbrot. Wildgänse fliegen im Tiefflug über den Fluss und klatschen mit ihren Flügeln fast aufs Wasser. Fließt das Wasser der Stör wirklich so schnell oder sieht es nur so aus, weil der starke Nordostwind die Wellen vor sich herschiebt? 


Unsere heutige Unterkunft, das "Alte Fährhaus" von Hodorf, war früher auch noch zusätzlich ein "Schankhaus", aber diese Zeiten sind lange vorbei. Sieben Fähren fuhren mal über die Stör, heute nur noch die eine bei Beidenfleth. Dieses alte Fährhaus hier ist jetzt eine Pension mit einem angeschlossenen Campingplatz auf der anderen Seite der kleinen Straße. Es duckt sich nicht hinter dem Deich, sondern lehnt sich an ihn an. Unser Zimmer liegt praktisch auf der Deichkrone und verschafft uns den gerade beschriebenen friedlichen Blick. Die Stör fließt dahin, das Reetgras am Ufer beugt sich stark im Wind und dicke Wolken ziehen darüber hinweg, alles in dieselbe Richtung. - Doch ich sollte mit dem heutigen Morgen beginnen...


Ab 9 Uhr sind die ersten Tische im Café reserviert. Dieter und ich stehen, wie in der Regel immer, schon um 8 Uhr zum Frühstück auf der Matte. Dies ist die Zeit, zu der wir uns die Brötchen schmieren, wenn wir bis zu 25 km vor uns haben. Sind es mehr, darf es auch schon mal eine halbe Stunde früher sein. Noch haben wir also keine Probleme mit der Platzwahl. Heute können wir uns mal nicht an einem Buffet bedienen, sondern bekommen alles vorgesetzt, was wir brauchen - aber auch nicht mehr. Jedenfalls liegt nur noch die Petersilie auf dem Wurstteller, alles andere ist nach einer halben Stunde komplett weggeputzt. Keine fünf Meter von uns entfernt stehen immer wieder Leute an der Theke und kaufen sich ihre Sonntagsbrötchen.


Dieter sieht nicht sehr glücklich aus, als wir unsere Unterkunft pünktlich um 9 Uhr zu unserem nächsten Tagesmarsch verlassen. Er ist deutlich genervt davon, dass sich an der Großwetterlage der letzten Tage anscheinend nichts ändert. Immer wenn wir losgehen liegen die Temperaturen nicht viel höher als 5 °C, oft ist der Himmel grau (auch wenn im Laufe des Tages nicht selten für längere Zeit die Sonne scheint) und dann der Wind..., der Wind, der Wind... wie ein Orkan, sagt Dieter. Daher ist sofort klar, wie am Anfang die Rollenverteilung ist: Ich gehe AUF dem Elbdeich, Dieter "unten". Dieter hat Asphalt auf der Straße, ich habe fast Golfrasen auf der Deichkrone. Aber: An mir rüttelt der Wind, Dieter kann etwas zügiger voranschreiten. Dieter ist zufrieden, ich auch. 


Dort, wo die Stör in die Elbe einmündet, verlasse ich den Elbdeich. Vor mir sehe ich das Störsperrwerk, welches verhindern soll, dass hohes Wasser der Elbe die Stör hochdrückt und dort für Überschwemmungen sorgt. Von nun an ist der Stördeich unser Begleiter. Das erste Dorf an diesem Deich ist Ivenfleth. Eine erste Rast im örtlichen Gasthaus? Natürlich nicht, Öffnung erst um 14 Uhr. Also weiter! Der nächste Ort ist Borsfleth. Der "Aukrug" dort hat auf, also rein! 


Wir geraten in einen Sonntagmorgen-Stammtisch und setzen uns direkt mal dazu. Vier Männer sitzen schon am Tisch, einer an der Theke. Drei weitere kommen noch dazu, registrieren, dass wir ihnen die Stühle am Stammtisch weggenommen haben und setzen sich freiwillig an die Theke. Für mich, der ich sonst zu dieser Tageszeit immer einen Kaffee trinke, ist sofort klar, dass ich hier ein Bier trinken muss. Die Männer schnacken ihr Hamburger Platt, sind fröhlich, beziehen uns sofort in ihre Gespräche ein. Wir lachen viel, ich könnte mich allein wegen des Dialekts wiederholt vor Lachen wegschmeißen - es wird ganz, ganz gefährlich! Für Dieter natürlich genau die Gelegenheit, um noch ein paar kölsche Witze loszulassen... der Nährboden für einen bösen Ausrutscher ist gelegt - und wir haben höchstens die Hälfte unseres Tagespensums hinter uns. Wenn uns jetzt der Teufel geritten hätte und Dieter und ich hätten jeweils eine Runde geschmissen, die Folgen wären wahrscheinlich verheerend gewesen.


Doch vor meinem geistigen Auge erscheint die schöne Fee, die Vernunft heißt, und ermahnt mich, uns hier aus dieser Runde zu verabschieden, weiß sie doch von mir, dass ich bei anderen Wanderungen in ähnlichen Situationen fürchterlich ausgerutscht bin. Bevor wir gehen, rufe ich, wie vereinbart, noch im "Alten Fährhaus" an, um unsere anstehende Ankunft zu vermelden. Klaus Schäpe, der Besitzer der Pension, empfiehlt uns noch eine Rast im "Café Uhrendorf" in Beidenfleth, der Kuchen dort sei vorzüglich. Außerdem sollen wir Hunger für abends mitbringen, Astrid, seine Frau, habe schon drei Tage lang gekocht. Allein schon diese beiden Sätze unseres nächsten Gastgebers machen mich sicher, eine gute Unterkunft ausgewählt zu haben. 


Weiter geht es auf (ich) und am (Dieter) Stördeich entlang. Der Wind wiĺl nicht nachlassen, doch von den immer wieder drohenden Regenschauern bleiben wir verschont. Hunderte von Wildgänsen haben sich auf der anderen Seite der Stör auf den Marschwiesen niedergelassen, schrecken ab und zu mal wieder auf, schwärmen für Minuten durch die Luft und landen dann wieder. 


Nach einer Stunde weist ein Hinweisschild zur Störfähre nach Beidenfleth. Kaum kommen wir an der Anlegestelle der kleinen Seilfähre an, legt sie auch schon am Ufer an, lädt ein Auto und einen Traktor ab und lässt uns als einzige Fahrgäste zusteigen. Die Störquerung dauert fünf Minuten und kostet 1,50 €. Kaum 200 m von der Anlegestelle auf der anderen Störseite entfernt, finden wir das empfohlene Café. Und es ist wirklich eine tolle Adresse. Jeden Kuchen hat die Betreiberin, aus Bayern stammend, selbst gebacken und das Interieur beweist einen besonderen Geschmack. Wir gönnen uns genussvolle Minuten im Café und lassen uns dann wieder von der Fähre zurück auf den Jakobsweg bringen.


Eine Stunde dauert jetzt noch unser Weg bis Hodorf. Während wir weiter am Stördeich entlanggehen, kommt die Erinnerung in mir hoch, dass zu meiner Bundeswehrzeit dieser Fluss fast mein Grab geworden wäre. Während einer Drei-Tage-Übung im November 1971 bekam unsere Kompanie den Auftrag, den Fluss zu durchschreiten, um sich anschließend am anderen Ufer einzugraben. "Durchschreiten" hieß, den Fluss zu Fuß mit vollen Klamotten zu queren - und das in der Nacht. Mich jedenfalls erfasste dabei irgendwann eine Unterströmung und zog mich nach unten. Ich weiß noch ganz genau, dass ich mir nach einiger Zeit des Strampelns unter Wasser ganz bewusst gesagt habe: "Das war es jetzt! Du musst jetzt sterben!" Doch in letzter Sekunde bemerkte ich dann doch wieder Grund unter den Füßen und konnte mich an Land schleppen. Mir läuft etwas Gänsehaut über den Rücken, als mir diese Geschichte nach mehr als 45 Jahren wieder in den Sinn kommt.


Astrid Schäpe begrüßt uns herzlich, als wir das "Alte Fährhaus" in Hodorf erreichen und zeigt uns das beste Zimmer, das sie uns anbieten kann, mit Panoramablick auf die Stör. Dieter und ich sind sofort begeistert. Als wir gerade beginnen, unsere Sachen auszupacken, hören wir von draußen ein Horn. Während ich mich noch darüber wundere, kommt Astrid nochmal in unser Zimmer. "Habt Ihr schon gesehen? Da kommt ein Lastkahn rein und den müsst ihr willkommen heißen! Der hupt immer, wenn er hier vorbeikommt. Also alle Mann winken!" Sie öffnet das große Fenster und wir alle winken. Nochmal ertönt das Schiffshorn. Drei Mal.


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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Montag, 24 April 2017 11:46)

    Nicht auszudenken, was wir alles verpasst hätten, hätte Dich die Unterströmung damals nicht freigegeben. Oder war der Jakobus vor 45 Jahren schon am Werk?
    Kann man in diesem schönen Zimmer auch Urlaub machen oder ist es nur Pilgern zugänglich?
    Für Dieter: Hier sind es gerade 17 Grad im Schatten und gefühlte 30 Grad in der Sonne und wir haben erst kurz vor 12 Uhr Sommerzeit. Die "Hitze" ist also noch steigerungsfähig. Der Wind sorgt für angenehm sachten Luftaustausch.
    Macht´s gut!
    Lore

  • #2

    Helmut (Montag, 24 April 2017 12:05)

    Hallo zusammen, ich hatte schon mehrmals vergeblich nach Bildern geschaut - jetzt sind sie da. Wahrscheinlich haben die Verhandlungen über einen Spenden-Betrag mit Lidl so lange gedauert!? Weiterhin gute Reise und viel Spaß.