Ochsen auf der Spur

Der Wetterbericht versprach nichts Gutes. Eine Kaltfront soll wieder von Norden herangerollt kommen. Hä? Wir haben gar nichts davon mitbekommen, dass die letzte schon weggerollt war. Oder bezeichnet man Temperaturen im unteren einstelligen Bereich mit starken nordöstlichen Winden inzwischen als Wärmewelle? Jetzt sind sogar Schneeregenfälle und Hagel vorhergesagt. Geht's noch? Na ja, wir bewegen uns eben Richtung Polarkreis...!


Der erste Blick aus dem Fenster lässt auch nicht gerade gute Laune aufkommen. Graue Wolken hängen tief und laden ergiebigen Regen ab, aber Schnee-Regen ist es noch nicht. Und - er fällt senkrecht! An den Bäumen rührt sich nichts, es ist windstill. Eigentlich sieht es damit nach Dauerregen aus.


Zum Frühstück werden wir von Frau Amling in ihr Wohnzimmer gebeten. In Ermangelung anderer Gäste lohne es sich nicht, das eigentlich dafür vorgesehene Frühstückszimmer zu heizen. Es muss klug gewirtschaftet werden! Eicka, der großen Hündin von Amlings, passt es nicht unbedingt, dass Fremde im Haus sind, und sie drückt ihr Missfallen mit Knurren und Bellen aus. "Eicka passt immer auf uns auf. Wenn mein Mann und ich allerdings nächste Woche in Urlaub fahren und nur meine Tochter bei ihr ist, ist ihr alles egal. Dann könnte jemand den Hof leerräumen." Es geht doch nichts über einen zuverlässigen Wachhund...


Sicherheitshalber haben wir schon unsere Schirme gezückt, als wir die Ferienwohnung verlassen und das Hoftor hinter uns schließen. Doch nach 100 m auf dem Weg können wir sie wieder wegpacken. Der Regen hat aufgehört - oder legt er nur eine Pause ein? Ab und zu hatten wir das schon: Ein übel aussehender Schauer zieht auf, wir ziehen die Schirme, fünf Minuten pladdert es, der Schauer ist vorbei und wir können unsere schützenden Hüllen wieder wegstecken. Eine halbe Stunde später: Es wird wieder dunkel... , dann die ersten Hagelkörner, erst wenige, dann immer mehr, dann ist es auch wieder vorbei. Also Schirme auf, Schirme zu! Das Procedere wiederholt sich, nur aus dem Hagel werden mal Schneeregenschauer, dann mal länger andauernder Regen. Alles wie vorhergesagt. Doch alles ohne Wind, was es gut erträglich macht. Zwischendurch kommt kurz immer auch wieder - wie zum Trost - die Sonne zwischen den Wolken hervor. 


Felder, Wiesen und wenige Bäume bestimmen die in der Steinzeit entstandene Endmöränen-Landschaft. Die Hügel und teilweise mächtigen Felsbrocken am Wegrand sind von Gletschern angehäuft bzw. herangerollt worden. Die Fluren, Hügel und Brücken, die wir durchwandern und überqueren, tragen martialische Namen: Bismarck-Hügel, Moltke-Hügel, Pionierbrücke, usw. Sie erinnern an die frühere, lang andauernde Nutzung als Militärübungsgebiet, besonders durch die Finnischen Jäger (das Königlich Preußische Jagdbataillon 27). An diese Nutzung erinnern heute allerdings nur noch die Namen, denn der letzte Standort der Bundeswehr in der Nähe wurde 2004 geschlossen.


Seit gestern begegnen uns auf kleinen Schildern auch die Hinweise auf den mit dem Jakobsweg parallel verlaufenden Ochsenweg, der mich von nun an bis weit nach Dänemark begleiten wird. In Dänemark selbst heißt er Haervejen. Er ist der älteste Landweg, der im Norden Europas einst von Königen, Reisenden, Wikingern, Ochsentreibern, Soldaten, Handwerksburschen und auch Bettlern genutzt wurde. Dieser alte Handels- und Reiseweg war einst die wichtigste Verkehrsverbindung zwischen Dänemark und Deutschland. Auch mittelalterliche Pilger benutzten den Ochsenweg als Zubringer-"Straß" auf die Via Francigena nach Rom oder "den" Jakobsweg nach Santiago de Compostela, den großen Pilgerstätten des Abendlandes.


In der frühen Neuzeit wurde auf der alten Handelsroute das Vieh aus dem "hohen" Norden nach Süden getrieben, die Ochsen standen Pate für die heutige Namensnennung. Einerseits fuhren die ersten Händler mit Ochsenwagen und andererseits wurden auf diesem Weg von Jütland bis vor die Tore Hamburgs, nach Wedel, die Ochsenherden getrieben. Auf dem langen Weg verloren die Tiere einiges an Gewicht und wurden auf den Elbmarschen vor dem Verkauf erst wieder "gemästet". Seit dem Mittelalter sind Millionen von Tieren so in die Ballungszentren des Südens gekommen. Allein im Jahr 1651/52 wurden 15.860 Ochsen "verzollt". - sage noch einer, ich hätte mich auf diese Tour nicht vorbereitet.


Als wir - noch zur Mittagszeit - bereits in unserer Unterkunft in Hohenwestedt einlaufen, steht mir nach dem nassen und kalten Wandertag der Sinn nach einem heißen Süppchen. Also schnell aus den leicht klammen Klamotten gestiegen, eine Handvoll Wasser durchs Gesicht und runter in die Gaststube. Sofort steigt mir der Geruch von Grünkohl in die Nase. Grüüüünkooohhhl! Sofort wird das Süppchen gedanklich beiseitegeschoben. Ich bestelle Grünkohl und es kommt - ein Berg von Grünkohl, angereichert mit zwei Stück Kasseler und Bratkartoffeln. Das heißt natürlich, am Abend ist nur schmale Kost angesagt und davon haben wir noch etwas im Rucksack.


Nach einem ausgiebigen Verdauungsschläfchen holen wir uns noch von einem Discounter auf der anderen Straßenseite etwas Gerstenkaltschale und bereiten uns dann auf den Pokal-Fußballabend vor. Damit die Bierdosen bis dahin auch kalt bleiben, versenke ich meine ins kalte Wasser des Badezimmer-Waschbeckens, Dieter versucht es mit der schmalen Außenfensterbank. Dabei unterschätzt er den Wind, der mittlerweile aufgezogen ist - und mit einem Plopp! fällt die Dose natürlich auf das Dach des darunterliegenden Restaurant-Wintergartens. Ihn dabei zu fotografieren, wie er versucht, seine Bierdose zu retten, ist für mich natürlich Ehrensache.


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Kommentare: 6
  • #1

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 26 April 2017 04:48)

    Und wieder mal ist Jakobs im Spiel, der dir die Sicherheit geben möchte, dass du deinen Schirm nicht umsonst mitgenommen hast. Und es ist doch nett, dass es gerader Regen ist. Auf den Shetlands letztes Jahr war das mit dem seitlich kommenden Regen und dem Hagel bei einer Windgeschwindigkeit von 60 km/h doch deutlich fieser...
    Sehr schön, Dieter! Ich hätte die "Rettungsaktion" gerne live gesehen...

  • #2

    Tina (Mittwoch, 26 April 2017 11:34)

    Danke für das Kopfkino von der Gerstenkaltschalenrettungsaktion.....�

  • #3

    Helmut (Mittwoch, 26 April 2017 19:15)

    Wo sind die Fotos geblieben?

  • #4

    Helmut (Mittwoch, 26 April 2017 19:18)

    Jetzt sind sie wieder da! Habe ich zwischendurch Wahrnehmungsprobleme?

  • #5

    Peter (Mittwoch, 26 April 2017 21:06)

    Gerstenkaltschale,tolles Wortspiel.Danke für die täglichen Berichte und auch guten Fotos.
    Es ist uns eine vorzügliche allmorgendliche Lektüre die wir lesen dürfen.Weiter so und
    immer schön fröhlich bleiben.Wir freuen uns schon auf die Rhön-Woche.
    Gruß auch an Wolfgang
    Peter

  • #6

    Peter (Mittwoch, 26 April 2017 21:14)

    sorry,ich hab es zu spät bemerkt,aber ich meinte Dieter und nicht Wolfgang.Ab 60 darf man schon mal was verwechseln,hoffe ich.
    Nochmals viele Grüße
    Peter