"Dicke Pötte"? - Negativ!

Heute Nacht müssen die Temperaturen wieder bis in den Frostbereich gefallen sein. Als uns die Wirtin unserer Unterkunft den Kaffee an den Tisch bringt, schimpft sie richtig: "Dat gibt dat doch gaar nich! Soun schiet Wedda, dabei is dat doch schoun bald Maaai"! Damit hat sie Dieter wohl aus der Seele gesprochen, doch ich sehe das nicht so dramatisch. 


Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich blauen Himmel und Sonnenschein, auch wenn ich mich nicht unbedingt mit einer Badehose in die Wiese legen würde. Viel mehr als knapp unter 0 °C sind es im Moment draußen nicht, aber es könnte doch auch dauerregnen. Und das hat es vorgestern mal für eine Stunde vielleicht getan, sonst die gesamten vier Wochen vorher nicht. Insgesamt haben Dieter und ich unsere Schirme maximal eineinhalb Stunden geöffnet mit uns herumgetragen, das ist doch wohl eine verdammt trockene Ausbeute. Immer schön positiv denken...! Die Fleecejacke ist jedenfalls bereits wieder im Wheelie verstaut, an die 10 °C sollen es im Laufe des Tages werden, also bitte! 


Wenn meine Zahlen stimmen, werde ich heute mit gelaufenen 680 Kilometern genau ein Drittel meiner Tour hinter mir haben. Meine Herren, wie schnell ist das schon wieder vergangen! Bei den reinen Wandertagen sieht es genauso aus, auch da habe ich ein Drittel hinter mir. Das Kontingent an Ruhetagen kommt erst noch: In drei Tagen wird in Schleswig mein erster sein, im nördlichen Dänemark folgt ein zweiter und relativ kurz vor meinem Ziel Trondheim ein dritter. Hinzu kommen der Tag auf der Fähre nach Oslo und zwei Besichtigungstage in Oslo und Trondheim. Aber so weit bin ich noch lange nicht...!


Heute geht es erstmal hoch an den Nord-Ostsee-Kanal bei Rendsburg. Der Jakobsweg führt uns zunächst wieder durch weite landwirtschaftliche Flächen, in denen die Ausbringung der Gülle immer noch nicht beendet scheint. Dieter bringt dann immer den Spruch: "Landwirtschaftliche Aromen in Gülle und Fülle!". Leider hat er Recht. Hinter Jevenstedt biegen wir vom eigentlichen Jakobsweg ab. Dieser würde uns zu lange durch Rendsburger Vororte leiten und nur ganz kurz Bekanntschaft mit dem Kanal machen lassen. Ich suche einen kaum weiteren Weg aus, der uns schneller zum Kanal bringt und anschließend eine Weile daran entlangführt. 


Kurz hinter Schülp haben wir ihn dann auch erreicht, direkt gegenüber einer alten Lotsenstation. Ein älterer Herr mit Hund, den wir treffen und ansprechen, erklärt uns die dicken Poller, die auf einer Strecke von etwa 200 m in 10 m Abstand zum Ufer im Wasser stehen. Eine Weiche sei das hier. Wenn zwei richtig "dicke Pötte" sich begegnen, bekommt einer von ihnen die Anweisung, in die Weiche zu fahren, d.h. er muss an den Pollern zur Sicherheit festmachen, um den anderen Pott vorbeifahren zu lassen. "Dicke Pötte" und sogar Kreuzfahrtschiffe sind oft hier unterwegs, handelt es sich doch bei dem Nord-Ostsee-Kanal um die meist befahrene künstliche Wasserstraße der Welt.


Noch etwas mehr Bildung gefällig? Der Kanal ist fast 99 km lang, auf Wasserhöhe zwischen 102,5 m und 162 m breit und hat eine Tiefe von 15 m. Bei Brunsbüttel nahe der Elbemündung und bei Kiel an der Ostsee wird er durch große Schleusen gegen die Gezeiten abgeschottet. Bismarck gab 1864 zu Beginn des deutsch-dänischen Krieges eine Untersuchung in Auftrag. Er wollte einen Kanal, um nicht unter dänischen Kanonen mit der Flotte durch den Skagerrak zu müssen. Bismarck konnte damit Kaiser Wilhelm I. von der Notwendigkeit des Kanalprojekts überzeugen. 1887 erfolgte die Grundsteinlegung, nach acht Jahren Bauzeit konnte er feierlich eröffnet werden. Nette Randnotiz: Noch heute zahlen wir die Sektsteuer, die seinerzeit eingeführt wurde, um den Kanalbau zu finanzieren.


Etwa vier Kilometer lang gehen wir am Kanal entlang, aber kein "Dicker Pott" und erst recht kein Kreuzfahrtschiff kommen vorbei, nur ein Motorboot und ein Lastkahn, eine etwas magere Ausbeute. Vor uns taucht die Eisenbahnhochbrücke auf, das eigentliche Wahrzeichen von Rendsburg, trotz Historischem Rathaus oder St. Marienkirche. 1913 wurde die Brücke gebaut, zu ihrer Entstehungszeit das größte und technisch spektakulärste Stahlbauwerk in Europa. In beachtlicher Höhe führt sie über den Kanal, die Erklärung dafür ist einfach: auch die größten Schiffe müssen drunter durch passen.


Rendsburg selbst liegt auf der nördlichen Seite des Kanals, wir müssen also rüber. Eine Hochbrücke brauchen wir dazu nicht, es gibt einen Fußgängertunnel, sogar einen besonderen. Eine 55 m lange Rolltreppe, die längste Westeuropas, bringt uns zum fast 22 m tiefen Tunnel, der uns auf einer Länge von 130 m unter den Kanal hindurchführt. Auf der anderen Seite geht es dann die gleichen 55 m mit der zweiten Rolltreppe wieder hoch.


Fünf Minuten später sind wir an unserer Unterkunft. Herr Thalmann öffnet uns, ein Norddeutscher, wie man ihn sich vorstellt, groß, breite Schultern, tiefe Stimme mit plattdeutschem Dialekt, humorvoll, ohne die Mundwinkel zu verziehen. Stolz zeigt er uns - noch vor unserem Zimmer - einen Zettel, auf dem er Sätze zusammengefasst hat, die seinesgleichen und seine norddeutsche Heimat charakterisieren. Hier ein kleiner Auszug:


- Der norddeutsche Gruß lautet "Moin!", denn "Moin-Moin" ist schon Gesabbel.

- Montags reicht als Antwort auf "Moin" mitunter auch ein einfaches "Fresse!".

- Regen ist erst, wenn die Heringe auf Augenhöhe vorbeischwimmen.

- Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben.


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Kommentare: 1
  • #1

    Tina (Donnerstag, 27 April 2017 23:50)

    Moin, und schon sind Sie in der Seelenheimat von uns.
    Und 1,5 Stunden Regenschirm ist doch nix.... ich wünsche euch, das es so bleibt!