Urdörfer

Na, das sieht doch schon wieder etwas anders aus! Als ich die roten Vorhänge unseres Zimmerfensters zur Seite ziehe, gucke ich in einen vom gestrigen Regen reingewaschenen blauen Himmel, der aber auch dicken weißen Wolken eine Chance gibt. Hitze wird zwar noch nicht ausgebrochen sein, aber wer will die schon. Wir schauen also gelassen in den Tag, denn viel wird er uns nicht abverlangen. Wieder ist die Strecke nicht lang, wieder geht sie durch eine abwechslungsreiche Landschaft und das Wetter scheint sich angenehm zu entwickeln. Packen wir es also an!


Wir durchqueren das Zentrum von Hohenwestedt, kommen am Ochsentreiber-Denkmal und an der Peter-Pauls-Kirche vorbei, die uns aber keine Gelegenheit gibt, in ihr Inneres zu schauen, geschweige denn, uns einen Pilgerstempel zu verschaffen. Neben dem Kirchenportal hängt ein kleines Schild: "Dies ist eine offene Kirche". Daneben ein Hinweis mit den Öffnungszeiten. Um 9 Uhr soll aufgeschlossen werden. Wir haben 9.02 Uhr! Wie steht es hier mit der Pünktlichkeit!? Ich erinnere mich an die Adresse des Kirchenbüros in meinem Pilgerführer: Lindenstraße 42. Wir befinden uns auf der Lindenstraße. Fünf Minuten später stehe ich vor dem Kirchenbüro. Hinter der Glasscheibe der Eingangstür der Zettel mit den Öffnungszeiten, u.a. Montag bis Donnerstag: 9.00 - 13.00 Uhr. Wir haben Mittwoch, 9.07 Uhr. Die Tür ist geschlossen! Ich muss mal mit dem zuständigen Bischof reden.


Die Strecke heute entschädigt für katholische Unpünktlichkeit. Nett schlängelt sie sich durch die Feldflur und an kleinen Waldrändern entlang und führt mich vorbei an den typischen holsteinischen "Knicks", jenen von Menschenhand gepflanzten endlosen Windschutzhecken, die die Äcker vor Winderosion schützen sollen und hinter die ich mich zu meinen Bundeswehrzeiten hier in dieser Gegend immer werfen musste, um Schutz vor dem imaginären russischen oder DDR-Soldaten zu finden, und die mir doch so gut Deckung boten.


Kleine Dörfer liegen am Weg, alle zusammen holsteinische Urdörfer. Zu ihnen gehörten schon das gestern durchquerte Jahrsdorf und heute Hohenweststedt, Tappendorf, Nindorf, Stafstedt. Vorläufer der heutigen Dörfer bestanden schon vor Jahrtausenden. Steinzeitliche Siedlungsspuren (z.B. Hünengräber) und Bodenfunde bestätigen das. Bewohner dieser frühen Ansiedlungen trieben Handel untereinander und bewegten sich dafür auf den immer gleichen Wegen. Hieraus entstanden feste Verbindungswege als Vorgänger von späteren Handels-, Pilger- und Heerstraßen. Dieter und ich bewegen uns unmerklich durch die Zentren holsteinischer Siedlungsgeschichte. Zusätzlich sehen wir große Findlinge am Weg liegen, aus dem fernen Skandinavien von mächtigen Gletschern in diese Landschaft transportiert, vor einiger Zeit von Menschen gesammelt und auf einen Haufen geworfen.


Fast überrascht sind wir, als wir in einem dieser Dörfer, Stafstedt, sogar einen Lebensmittelladen vorfinden. Wir kommen gerade noch rechtzeitig, in einer Viertelstunde beginnt die Mittagspause. In der kleinen Backabteilung kann jeder von uns noch ein Stück Butterkuchen ergattern, einen Coffee to go verschafft uns der Ladenbesitzer, möglicherweise aus der eigenen Küche. Mit Kaffee und Kuchen setzen wir uns draußen auf eine Bank vor dem Domizil der Freiwilligen Feuerwehr und nutzen dabei die Zeit darüber nachzudenken, ob heute Abend der Besuch bei dem Nachtclub in relativer Nachbarschaft zu unserer Unterkunft nicht eine mögliche Abwechslung und Art der Abendgestaltung sein könnte. Wir entscheiden uns - nach reiflicher Überlegung - dagegen.


Wieder ist es noch keine 14 Uhr, als wir auf Spannan - heute ein Hotel und Restaurant - zulaufen. Der Name kommt nicht von ungefähr, er hat seinen Ursprung in einer Jahrhunderte alten Tradition - Spannan liegt nämlich an jenem legendären "Ochsenweg", der, im nördlichen Dänemark bei Aalborg beginnend, sich durch die schleswig-holsteinische Landschaft schlängelte. Bis zu zehn Kilometer pro Tag schaffte eine Ochsenherde, die meist aus 40 bis 50 Tieren bestand und von zwei, drei Treibern begleitet wurde. Dem Tross voraus fuhr der sogenannte Futterschaffer, der Tieren und Treibern Quartier für die Tage der Rast zu besorgen hatte. 


Die Treiber wurden auf den Viehmärkten an der Elbe oder in Niedersachsen ausgezahlt und reinvestierten einen Teil ihres Lohnes in Waren, die sie zu Hause wieder verkauften. Das restliche Geld wurde auf dem Rückweg in einem der zahlreichen Krüge für Übernachtungen und Verköstigung verbraucht. Die Ochsentriften, wie sie auch genannt wurden, mieden natürlich Dörfer und Städte, und weil Männer und Tiere auf ihrem wochenlangen Treck versorgt werden mussten, entstanden entlang des Ochsenweges Rastplätze und Krüge mit Futter, Tränken und Unterkünften. Die meisten Krüge, wie auch hier das Historische Landhaus und Restaurant Spannan, die noch heute an der größten Nord-Süd-Verbindung durch Dänemark und Schleswig-Holsteins zu finden sind, entstanden in jener Zeit.


Heute riecht es im Landhaus Spannan nicht mehr nach Ochsen, Heu und Stroh, nach deftiger Verköstigung und verschwitzten Treibern. Heute gibt es gute Hausmanns- und thailändische Kost und schöne Zimmer. Und dennoch erlebe ich bei meiner Ankunft wieder einen dieser Momente, bei dem ich mir wünsche, mich - und sei es nur für eine Stunde - in die Zeit jener Ochsentrifte zurückbeamen zu können, um etwas von den Mühen und der Atmosphäre dieser Zeit erfahren zu können. Die Ochsentreiber früherer Zeiten saßen abends vielleicht beim Branntwein zusammen, Dieter und ich gucken gleich Fußball: DFB-Pokal-Halbfinale Bayern München gegen Borussia Dortmund.


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Kommentare: 1
  • #1

    Renate Z. (Donnerstag, 27 April 2017 14:13)

    Brav!!
    Habt euch gegen den Nachtclub entschieden.Ihr seid ja schließlich Pilger.... :)

    LG
    Renate