An Kropperbusch vörbi!

Herr Thalmann spart am Heizöl, aber nicht am Frühstück. Was da alles auf dem Buffet liegt, kann sich sehen lassen. Außerdem: Gegen Kälte im Zimmer und im Frühstücksraum kann man sich entsprechend kleiden, gegen Hunger ist kein Kraut gewachsen. Man kann sich sogar warmessen, merke ich. Als alles, was ich mir am Buffet auf den Teller geladen habe, verputzt ist, friere ich nicht mehr.


Draußen ist es jetzt auch nicht mehr biestig kalt... , aber das ist meine Empfindung, nicht Dieters. Kalt war auch lange Zeit die Beziehung zwischen Deutschland (das damals eigentlich noch gar nicht so hieß) und Dänemark. Zwar einigten sich Franken und Dänen bereits im Jahr 811 einmal auf der Eiderinsel im heutigen Rendsburg auf die Eider als Grenze, doch immer wieder kam es zu Scharmützeln und Mitte des 19. Jahrhunderts sogar zu zwei Kriegen, bis die Grenze dort festgelegt war, wo sie jetzt verläuft, nämlich etwa 100 km weiter nördlich, auf der Höhe von Flensburg.


Die Eider, den längsten Fluss Schleswig-Holsteins, überqueren wir noch auf Rendsburger Stadtgebiet über eine Fußgängerbrücke, bevor es dann wieder ländlich wird, sehr ländlich. Typische Merkmale von Ländlichkeit treten kurz darauf in Klint wiedermal besonders hervor: viel Acker, viel Weide, "Ferien auf dem Bauernhof" und ein gepflegter, großer Pferdehof, dazu noch zwei, drei andere Landhäuser - die richtige Location für "Hanni und Nanni"-Verfilmungen. Kurz danach kommen wir an den Uferweg des Fockbeker Sees und umrunden den See auf ihm zu etwa einem Drittel. Auch der See würde gut zu "Hanni und Nanni" passen. Etwa für die Serienfolge, wenn die inzwischen flügge gewordenen Mädels sich mit zwei Jungen aus Fockbek am lauschigen Ufer zum Baden treffen und dabei mal für einen Tag die Pferdepflege auf dem Reiterhof vergessen und dafür fürchterlich von der neidischen Reitlehrerin eins auf die Kappe kriegen.


Fockbek ist wahrscheinlich eine der ältesten Ansiedlungen im nördlichen Eidergebiet; die ältesten Beweise menschlicher Anwesenheit stammen aus der mittleren Steinzeit, also 8000 - 3000 v. Chr.. Für Dieter und mich ist es aber im Moment wichtiger, dass wir ohne lange zu suchen, im Zentrum direkt eines unserer geliebten Backstuben-Cafés finden. Während wir drinnen unsere Kaffees schlürfen, schaue ich rüber zu dem kleinen "Aalversuper"-Denkmal, das eine nette Geschichte bereithält. 


Es ist eine etwas bösartige Geschichte, die wahrscheinlich von Rendsburgern in die Welt gesetzt wurde, um die angebliche Dummheit der Fockbeker zu beweisen: Die Fockbeker wollten Heringe züchten und kauften zu diesem Zweck in Rendsburg auf dem Fischmarkt einige Fässer mit Salzheringen. Diese schütteten sie in den Fockbeker See und harrten der Dinge, die dort kommen mögen. Im nächsten Jahr wurde das Wasser abgelassen - aber siehe da, statt der erhofften Fülle an Heringen fand sich im Schlick nur ein dicker, fetter Aal. Es war naheliegend, dass die Fockbeker glaubten, dieser Aal hätte all die Salzheringe aufgefressen. Die versammelten Dorfbewohner berieten lange über eine möglichst grausame Strafe und entschieden schließlich, den Aal zu ertränken (versupen). Als der See wieder gefüllt war, wurde der Aal mit dem Kahn zur tiefsten Stelle gebracht und dort über Bord geworfen. Als dieser sich im Wasser wand, riefen die Fockbeker laut: "Seht, wie er sich quält!" und "He versupt! He versupt!" (Er ertrinkt! Er ertrinkt!) Um sich schließlich noch die Stelle zu merken, an der der Aal ertränkt wurde, kerbten sie eine Markierung in die Bootswand.


Schon bald hinter Fockbek beginnt für mich einer der Höhepunkte auf dem Jakobsweg-Abschnitt durch Schleswig-Holstein. Für einige Kilometer gehen wir nun auf dem wirklich historischen Ochsenweg, sozusagen dem Original. Bisher lehnten sich alle Wege, die auch schon zum "Ochsenweg" gehörten, an die alte Streckenführung an, verliefen in unmittelbarer Nähe zum historischen Weg, aber nie war es der alte Weg selbst. Von kurz hinter Fockbek an folgen wir nun tatsächlich diesem uralten Verlauf. Die Nutzung durch Spaziergänger, Wanderer, Reiter, landwirtschaftliche Gerätschaften und Kraftfahrzeuge erhält den Weg, indem sie den Bewuchs niedrig hält. Mich erinnert dies ungeheuer an meine Wanderung auf dem Grünen Band Deutschland, dem ehemaligen Todesstreifen entlang der deutsch-deutschen Grenze 2015. Auch dort gab es diese schnurgeraden langen Schneisen durch Wälder oder landwirtschaftlich geprägte Gegenden, auf denen Heidekraut oder Wiese wuchs. Es wuchs aber nur, weil die Natur sich dort zurückgeholt hat, was einmal ihr gehörte und Menschen dabei inzwischen hilfreich eingreifen. Andere Menschen hatten die Natur dort vollkommen mit Pestiziden und versprühtem Diesel ausgerottet, um ein besseres Sicht- und Schussfeld zu haben. 


Hier auf dem Ochsenweg hat die breite Schneise durch den Wald oder entlang der Felder einen anderen Grund: Ochsenherden wurden hier getrieben, Herden von 50 bis an die 1000 Tiere. Dazu kamen die Treiber, jeweils einer von ihnen hatte sich um vier Ochsen zu kümmern. Es war voll auf dem Weg. Und die Tiere liefen nicht brav hintereinander, ein breiter Weg war nötig. Doch hier in der Geestlandschaft ist der Boden sandig, der Weg wurde von den Tieren zertrampelt und aufgewühlt, bei Nässe gab es kaum ein Vorankommen. Und gerade dieser Weg war aber auch ein Handelsweg, auf dem Händler und Handwerker mit ihren Karren, meist auch von Ochsen gezogen, unterwegs waren. Der Volksmund will wissen, dass auf dem Abschnitt entlang des Kropperbuschs allerhand dunkles Gesindel und Wegelagerer ihr Unwesen getrieben haben. Tatsächlich aber wird seit Beginn der Aufzeichnungen nur einmal von einem Überfall auf Reisende berichtet. Die Warnung "Du büst an Kropperbusch noch ni vörbi!" ist deshalb wohl eher an die Kutscher der Fuhrwerke gerichtet gewesen. Der Abschnitt des Ochsenweges dort ist heute noch besonders sandig und wird so manchem Gespann und Fuhrwerk böse mitgespielt haben. Gegen gutes Geld haben die Wirte der Krüge am Weg die Fuhrwerke wieder aus dem Sand gezogen. Ein einträgliches Geschäft, haben sich doch hier am Ochsenweg zwischen Fockbek und Kropp vier Krüge niedergelassen.


Kropp ist unser Ziel für heute - aber Kropp hält keine Betten für uns bereit. Zwischen Kropp und Schleswig fährt aber ein Bus, und die passende Haltestelle dafür ist direkt am Kropperbusch. Bereits zu Hause hatte ich per Internet die Abfahrtzeiten recherchiert. Eine dieser Zeiten ist 14.51 Uhr. Als wir nach unserer letzten Rast mitten auf dem Ochsenweg mal auf die Uhr sehen, ist es 14.21 Uhr - und wir haben noch etwa zweieinhalb Kilometer vor uns. Der nächste Bus fährt erst eineinhalb Stunden später. Jetzt aber Gas! 


An der Bushaltestelle Kropperbusch angekommen ist es exakt 14.49 Uhr. Noch jede Menge Zeit! Na ja, sagen wir mal: Punktlandung! Aber wir hätten uns Zeit lassen können, der Bus hat vier Minuten Verspätung. Zwanzig Minuten später spuckt uns der Bus in Schleswig aus, nach weiteren 15 Minuten sind wir in der Jugendherberge. Einen Gang durch Schleswig schenken wir uns heute, dafür wird an den nächsten beiden Tagen noch Zeit sein.


Für alle, die jetzt denken, wir überbrücken Entfernungen mit dem Bus! Das haben wir heute in der Tat getan, aber nur, um an ein Nachtquartier zu kommen. Morgen früh geht es mit dem Bus wieder nach Kropp zurück, um dann auch die Strecke von dort bis Schleswig schön zu Fuß zu absolvieren. Und dann... ja dann kommt der Ruhetag!


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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Samstag, 29 April 2017 21:53)

    Ja, Mannometer! Da bin ich ja stolz auf dich! Fünf Söhne, aber mehr Wissen über "Hanni & Nanni" als seine einzige Tochter...