Wikinger und Eieruhr

Als der Handywecker klingelt, höre ich mit einem Ohr und sehe mit einem Auge, dass kräftiger Regen auf das Dachschrägenfenster unseres JH-Zimmers trommelt. Wie herrlich! Jawohl, wie herrlich, denn alles was jetzt runterkommt, geht nicht mehr über uns nieder, wenn wir die Jugendherberge heute verlassen. Das wird erst um kurz vor 11 Uhr der Fall sein, denn früher - es sei denn schon kurz nach 7 Uhr - fährt wegen des heutigen Samstags kein Bus nach Kropp. Also gaaaanz langsam aufstehen, in aaaaller Ruhe frühstücken, nochmal ins Bett gehen und die Rente durchrechnen und dann gaaaanz langsam wieder aufstehen und sich fertigmachen. Fertigmachen bedeutet heute mal nicht den Wheelie packen, denn der bleibt in der Jugendherberge. Willi soll sich jetzt auch mal zwei Tage ausruhen, denn schließlich ist er bisher nicht nur über 700 km mit mir durch die Gegend gerollt, er hat auch noch acht Kilo Gewicht mit sich herumzuschleppen. Da tut eine Pause mal ganz gut.


Der Regen hat mittlerweile aufgehört, aber dunkle Wolken ziehen nach wie vor über Schleswig hinweg. Sollen wir die Schirme mitnehmen oder nicht? Für Dieter steht schnell fest, sein Schirm bleibt in der Jugendherberge. "Ich schlepp den doch nicht den ganzen Tag mit mir rum, und dann vielleicht auch noch umsonst!" Aha, da hört die ängstliche Vorsorge für den Körper also auf. Das Risiko, einen klatschnassen Balg abzukriegen, geht er problemlos ein. Kunststück, mein Willi hat seinen Schirm ja auch seit Münster hinter ihm hergerollt, aber selbst tragen... um Himmels Willen! Ich entschließe mich im letzten Moment für meinen Schirm, kann ihn ja zwischen Tagesrucksack und Rücken klemmen, dann habe ich die Hände frei. Nur meine "Spurbreite" ist eben größer, aber was soll's!?


Der Bus fährt eine halbe Stunde nach Kropp zurück, am Kropperbusch steigen wir aus und sind somit sofort wieder auf der Strecke. Der historische Ochsenweg setzt sich nicht weiter fort. Es sind wieder kleine Landstraßen, die uns in Schlangenlinien durch die Landschaft tragen. Wiedermal bekommen wir sehr anschaulich vor Augen geführt, dass Schleswig-Holstein ein Agrarland ist. Gepflügte, geeggte oder bereits mit jungem Getreide bewachsene Äcker bestimmen das Bild, Weiden mit grasenden Kühen oder Pferden sind die Ausnahmen, selbst kleine Wälder sind kaum auszumachen.


Nach etwas mehr als einer Stunde Wegzeit stoße ich bei dem Örtchen Lottorf auf die Markierung des Europäischen Fernwanderweges 1. Besondere Erinnerungen werden in mir wach. Genau vor 39 Jahren, im April 1978, habe ich mit einem damaligen Freund in Flensburg begonnen, den E 1 in Etappen zu erwandern, vier Jahre später war ich in Genua. Ich erinnere mich nicht mehr an Lottorf, aber an einige andere Orte, die in den nächsten Tagen bis zur dänischen Grenze noch vor mir liegen. Heute z.B. das Selker und Haddebyer Noor, Haithabu, Schleswig. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, vor so langer Zeit schon einmal mit Wanderschuhen und Rucksack hier unterwegs gewesen zu sein, nur in umgekehrter Richtung. Aber das Schlimme ist, ich bin auch 39 Jahre älter... , das Schöne... es sieht mir keiner an...


Wir gehen am Mühlenteich der alten Selker Mühle entlang, heute ist er wohl eher ein Angelteich, denn einige Stege ragen in ihn hinein. Mitten auf dem See kabbelt sich ein Schwan mit zwei Enten, als wolle er ihnen den Platz neben sich nicht gönnen. Dann schlägt er plötzlich mit den Flügeln, taucht halb unter, schüttelt Hals und Kopf, klatscht wieder aufs Wasser, dass es nur so spritzt. Aaah, verstehe, heute ist Samstag, Badetag, und die Enten lagen wohl in seiner Wanne. Bei der Mühle selbst gibt es eine kleine Besonderheit, die bei Wanderern und Pilgern wohl schon öfter zu Erstaunen geführt hat. Der Pilgerweg führt einen nämlich vom Angelsee durch eine Tür in einen Gebäudeteil und von dort auf den Mühlenvorplatz. Man findet es nicht so oft vor, dass mitten auf einem Wanderweg eine Tür geöffnet werden muss.


Hinter der Selker Mühle schwenkt der Weg zum Selker und Haddebyer Noor ein, zwei gar nicht mal so kleine Seen, die sich an einer Engstelle direkt berühren. Sie haben die Form einer Eieruhr, und genau dort, wo bei der Eieruhr der Sand durchläuft, war hier zu früherer Zeit mal eine Furt, die jetzt durch eine kleine Holzbrücke ersetzt ist. Schilfgras umgibt weite Teile der Seen und eine Anzahl von Enten, Blesshühnern und Haubentauchern tummelt sich im Wasser oder flüchtet sich vor uns in das Schilf. Teilweise führt unser Weg über Bohlenstege, die es uns ermöglichen, auch sumpfiges Gelände überwinden zu können. Von der Brücke aus sehen wir auf der gegenüberliegenden Seite des Haddebyer Noors den Turm des Schleswiger Doms.


Kurz hinter der Brücke dann ein Runenstein. Es ist die Nachbildung eines Steins aus dem 10. Jahrhundert, der als Original im nahegelegenen Wikingermuseum zu sehen ist. Königin Asfrid hat ihn seinerzeit für ihren Sohn Sigtrygg setzen lassen. Immer verweisen Runensteine auf Männer, die etwas besonderes geleistet haben, vielleicht auch nur aus dem Blickwinkel ihrer Mütter. Was Sigtrygg geleistet hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber Asfrid hat es wohl gefallen.


Unmittelbar danach betreten Dieter und ich durch einen nachträglich geschaffenen Durchbruch einen heute noch gut erhaltenen Halbkreiswall mit dem 26 ha großen ehemaligen Wikinger-Siedlungsgebiet Haithabu. Wahrscheinlich wurde Haithabu in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts gegründet, spätestens 770. Es entwickelte sich schnell zum bedeutendsten Handelsplatz der Dänen. Im 10. Jahrhundert erreichte die erste echte mittelalterliche Stadt in Nordeuropa ihren Höhepunkt und hatte mindestens 1500 Einwohner. 1050 wurde die Stadt zerstört und 1066 von den Slawen geplündert. Daraufhin verlegten die Einwohner die Siedlung an das andere Ufer der Schlei. Heute ist dies Schleswig. Haithabu wurde nicht wieder aufgebaut. Bisher sind nur 5 % des Siedlungsareals innerhalb des gut erkennbaren Walls und etwa 1 % der Hafenanlagen archäologisch untersucht worden. Man hat nun begonnen, einige Wikingerhäuser originalgetreu mit Original-Baustoffen und einfachen Werkzeugen wieder aufzubauen.


Bereits fertige Häuser und Ausgrabungsstätten kann man besichtigen. Auch ich möchte das - aber nicht mehr nach fast 20 Kilometern Wanderung. Ich verschiebe es auf morgen, auf unseren Ruhetag, denn irgendwas Sinnvolles muss man an einem Ruhetag doch tun. Jetzt erstmal nach Haddeby ans Ufer der Schlei, gegenüber der "Skyline" von Schleswig, wo es in einem Café einen Rieseneisbecher gibt. 


Und jetzt muss ich mal wieder etwas aufklären: Pilger sind auch im Mittelalter nicht nur zu Fuß gegangen, sie haben auch mal die Mitnahmemöglichkeit durch einen Ochsenkarren genutzt - oder haben die günstige Gelegenheit eines Bootes genutzt. Allein um dieses Gefühl auch mal zu erleben... und nur darum... sind wir nun auch von Haddeby bis nach Schleswig mit dem kleinen Boot von Hein (der eigentlich Sven Greve heißt) über die Schlei getuckert, anstatt auch noch den letzten Zipfel dieses Ostsee-Fjords für weitere fünf Kilometer zu umrunden, und das zum größten Teil auch noch entlang vielbefahrener Straßen. Während der Überfahrt ein schöner Blick auf den kleinen Yachthafen von Haddeby, hinaus auf die Schlei und hinüber nach Schloss Gottorf, bis uns Hein im Schleswiger Stadthafen absetzt. 


Kurz vor dem Abendessen sind wir wieder in der Jugendherberge. Es war ein schöner Tag, nicht nur was die Strecke anbetrifft. Den Regenschirm habe ich umsonst mitgeschleppt, sehr zur (Schaden-)Freude von Dieter.


 

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