Ruhetag! - Ruhetag??? Pfff...

Ruhetag! Ganz lange schlafen! Frühstück! Nochmal schlafen! Zum Hafen schlendern und ein Fischbrötchen essen! Kleiner Bummel durch die Altstadt mit einer Mordstrumm von Eisbecher und einem Becher Kaffee zur Belohnung! Nachmittagsnickerchen! Telefonate mit den Lieben daheim! Abendessen! Vorbereitung auf den nächsten Tag mit zwei Flaschen Bier! Schlafen! - So könnte ein Ruhetag aussehen. Nicht so meiner!


Der Handywecker klingelt wie an allen normalen Tagen, denn allzu lange in den Morgen hinein gibt es in der Jugendherberge gar kein Frühstück. Dann rumgammeln bis die Fähre um 11 Uhr nach Haddeby rüberfährt? Auch blöd! Dann lieber direkt losgehen und die Zeit bis zum Leinenlösen anders nutzen. Ich nehme Kurs auf die Altstadt. Dieter und ich gehen heute getrennte Wege. Ihm steht der Sinn nicht nach Haithabu, dafür eher nach einer Schiffstour die Schlei entlang. Diese beginnt aber erst um 14 Uhr. 


Einen Wanderschritt brauche ich nicht hinzulegen, deshalb benötige ich durch die Einkaufszone, die nicht zu den Highlights der Stadt gehört, fast eine halbe Stunde. Doch dann werden allmählich die Straßen zu Gassen, die Geschäftshäuser und Ladenzeilen zu Häuserfassaden unterschiedlicher Zeitalter, das romanische Graukloster steht neben dem klassizistischen Rathaus und der Rathausmarkt versprüht genauso seinen Charme wie der Kornmarkt. Menschen sind um diese Zeit, es ist 9.30 Uhr am Sonntag, kaum unterwegs, die Touristen kommen später und die Einheimischen sitzen vielleicht noch beim Frühstück zu Hause.


Hinweisschilder lenken mich immer mehr Richtung Holm, einer ehemaligen Fischersiedlung. Einst war sie eine Insel und Schleswig vorgelagert. 1939 wurden die Kanäle zugeschüttet und der Holm somit dem Ort angegliedert. An ihrer zusammenhängenden Bauweise kann man noch gut erkennen, dass sie mal eigenständig war, was besonders durch den im Zentrum liegenden Friedhof mit seiner kleinen Kapelle zum Ausdruck kommt. Ringsherum führt eine schmale Kopfsteinpflasterstraße, die auf der dem Friedhof gegenüberliegenden Seite von kleinen, bunten ehemaligen Fischerhäusern umgeben ist. Farbige Fensterläden und Türen, Blumenschmuck auf den äußeren Fensterbänken oder Rosenstöcke, die an den Wänden hochwachsen, liebevolle kleine Dekos überall. Nach Süden hin zweigen von diesem zentralen Sträßchen kleinste Gassen ans Schleiufer ab, vielleicht gerade breit genug, dass früher hier hindurch Fischerboote höher an Land gezogen werden konnten. Ganz Holm ist wunderschön - und doch: Es wirkt auf mich wie ein Museumsdörfchen, wo auch richtige, leibhaftige Menschen wohnen. Doch wo sind sie? Alle Türen und Fenster bleiben geschlossen, alle Gardinen sind zugezogen, nur ab und zu kann ich Stimmen dahinter vernehmen. Ist es für die Menschen, die hier leben, wirklich eine Idylle? Während zwei Drittel des Jahres, erst recht bei schönem Wetter und zu Ferienzeiten, wälzen sich hier die Touristen durch die Gassen. Es ist schließlich das Vorzeigeviertel von Schleswig. Zugezogene Gardinen, um sich nicht zu fühlen wie Tiere im Zoo? Das Gefühl, nicht mehr unter sich zu sein, sondern Staffage in einem Touristenziel?


Noch jenseits der Fischersiedlung liegt eine weitere Idylle, das St.-Johannis-Kloster mit seinen Nebengebäuden, gelegen in einer kleinen, parkähnlichen Anlage. Um 1200 als Benediktinerabtei gegründet, wurde es später in ein Damenstift für die Witwen des schleswig-holsteinischen Adels umgewandelt und gilt heute als eines der besterhaltenen Klosteranlagen des Landes. Doch auch hier kommen oft Busladungen an Touristen vorbei, adelige Witwen sehe ich keine.


Jetzt aber zum Stadthafen, "Hein", die Fähre hinüber nach Haddeby, wartet. Außer mir sind es nur wenige, die hinüber wollen. Vielleicht warten viele noch auf etwas höhere Temperaturen für einen schönen Sonntagsausflug. Die Sonne scheint ja, aber der Wind ist kräftig und von den gestern noch vorhergesagten 20 °C sind wir einiges entfernt. Die Schlei schlägt während der Überfahrt einige Wellen, aber wir kommen wohlbehalten auf der anderen Seite am Landungssteg von Haddeby an.


Gestern, zum Ende unserer Wanderung, sind Dieter und ich schnell dran vorbeigegangen, weil uns der Kaffee lockte, jetzt aber nehme ich mir für die kleine St.-Andreas-Kirche Zeit. Der heilige Ansgar hat 849 eine Holzkirche als Vorgängerkirche von St.-Andreas in der unmittelbaren Nähe bauen lassen und ist von hier zu seinen Missionsreisen durch Dänemark und Schweden gestartet. In ihrem Inneren finde ich auf dem schönen Altar mit den handgeschnitzten Darstellungen der zwölf Apostel auch einen ausgesprochen hübschen heiligen Jakobus mit einer Jakobsmuschel am Pilgerhut. Leider ist ihm im Laufe der Geschichte sein Pilgerstab abhanden gekommen.


Von St.-Andreas geht es zügig weiter nach Haithabu. Von einer Stelle des hohen, halbkreisförmigen Umfassungswalls, der seinerzeit unter Herrscher Harald Blauzahn (der hieß tatsächlich so!) den wichtigen Handelsplatz der Wikinger gegen feindliche Angriffe schützte, überblicke ich das Gelände, welches dicht mit Häusern bebaut war. Das Stadtzentrum lag vermutlich dort, wo jetzt die rekonstruierten Gebäude stehen. Entlang des Ufers verlief ein Holzbohlensteg, von dem Pfade in Richtung Wasser abzweigten. Sie führten zu den Landungsbrücken des Hafens, von denen heute auch eine rekonstruiert ist und ins Haddebyer Noor hinausragt. Diese Landungsbrücken dienten gleichzeitig als Marktplatz, auf dem alle Waren direkt umgeschlagen wurden. Im Nordwesten der Siedlung befanden sich zahlreiche Werkstätten verschiedener Handwerker. Im Südwesten des Areals, aber auch außerhalb des Umfassungswalls lagen große Gräberfelder.


Jenseits des Kassenhäuschens schaue ich mir zusammen mit einigen anderen Touristen (ja, jetzt bin ich einer, für einen Tag!) alles an, streiche mit den Händen über den Lehmputz, bewundere die Holzkonstruktionen und die Reetdächer, die Lehmöfen im Inneren und die breiten, mit Fellen belegten Betten, usw.. Auf dem Weg zum überbreiten Landungssteg liegen geborgene und restaurierte Langboote und an alten Zeltständen verkaufen junge Leute im Wikinger-Look allerhand Nettes, was an die bärtigen Gesellen aus dem Norden erinnert und wo ich wirklich kein "Made in China" drauf entdecken kann.


Ohne zu hetzen bummle ich etwa eine Stunde durch dieses Freiluftmuseum, muss mich dann aber sputen, um noch rechtzeitig auf die Fähre zu springen, die mich um 13.30 Uhr nach Schleswig zurückbringt.


Nach einem Matjesbrötchen und einem Kaffee im Stadthafen jetzt zum St.-Petri-Dom. Ein Stempel im Pilgerpass ist überfällig, ein bewundernder Blick auf den berühmten Bordesholmer Altaraufsatz Pflicht - und der Aufstieg auf den hohen Westturm eine nicht zu unterschätzende Mühe. 243 Stufen geht es spiralförmig in die Höhe, doch netterweise muss ich nicht meinem Tick folgen und die Stufen zählen. Die hat glücklicherweise irgendein Jemand mit Kreide an jede fünfte Stufe geschrieben. Die Aussicht von oben ist beeindruckend und dank der dicken Glasscheiben auf dem Aussichtsumgang auch nicht windumtost.


So endet der wesentliche Teil meines "Ruhetages" um fast 16 Uhr - viel später waren wir eigentlich nie in der Unterkunft. Jetzt aber ganz schnell ein Nickerchen, schließlich muss ich noch ruhen...


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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Dienstag, 02 Mai 2017 09:29)

    Hach, diese Wikingerhütten... in der Heimat sieht es jetzt durch den Lehmputz nicht sooo großartig anders aus...
    Und wie wir ja schon auf dem Jakobsweg festgestellt haben, ist übertrieben viel Ruhe am Ruhetag auch gar nicht so gut!