Petersen und Co.

Während der Nacht ist der Wind kräftig um die Jugendherberge gezogen, doch am Morgen lacht die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Während des Tages zeigen uns die beiden Wetterelemente, dass sie auch zusammen einiges können. Während die Sonne weiterhin ihr Bestes gibt, legt der Wind immer kräftiger zu und am Nachmittag ist er sogar recht stürmisch. Für Dieter natürlich wieder Grund genug, erheblich zu klagen. Dabei kommt der Wind wirklich nicht nur von vorne, sondern erwischt uns sogar eins ums andere Mal auch von der Seite oder gar von hinten. Aber ich glaube, nicht der Wind ändert seine Richtung, sondern wir. In einem andauernden Zickzack-Kurs bewegen wir uns durchs Gelände.


Es geht aber nicht nur nach links und rechts, sondern wir entdecken für uns auch mal wieder die 3. Dimension. Die eiszeitliche Moränenlandschaft verlangt vermehrt ein wiederholtes Auf und Ab von uns, richtig ungewohnt nach den vielen flachen Etappen, bei denen die Bordsteinkanten oft die einzigen Erhebungen waren. Dieter brummt zwar etwas von "Und sowas nennt sich jetzt Norddeutsches Flachland...", aber ich glaube... oder... ich hoffe, dass er schon weiß, dass wir dieses bereits seit einigen Tagen hinter uns haben.


So trotten wir nun dahin, einmal vom Wind angeschoben, nach rechts oder links gedrückt oder uns gegen ihn stemmend. Immer wieder höre ich von Dieter, dass er seine letzten Kilometer mit mir abspult. Mit heute sind es noch drei Wandertage, dann ist für ihn die Zeit wieder um. Dann ist der Selbstüberprüfung erst mal wieder Genüge getan ("Ich will wissen, ob ich das noch kann!") und er hat alles ohne größere Probleme geschafft. Bis auf diesen Winter, der hier oben seiner Meinung nach immer noch andauert. 

Den ganzen Tag über verläuft unser Jakobsweg, die Via Jutlandica, gemeinsam mit dem Ochsenweg und dem Europäischen Fernwanderweg 1, dessen pralle Andreaskreuz-Markierung (x) uns immer wieder unmissverständlich entgegenleuchtet. Da hat die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund noch etwas Nachholbedarf. Der Jakobspilger sollte sich nicht ohne gutes Kartenmaterial auf den Weg machen, beim E1-Wanderer könnte es da schon eher klappen.


Im ersten Teil des Tages sind es angenehme Waldabschnitte, dann wieder die kleinen Straßen, die uns voranbringen. Oft führen sie die typisch schleswig-holsteinischen Knicks, diese von Menschenhand auf einem kleinen Wall mit immer wieder zurückgeschnittenen Buchen bepflanzten Windschutzhecken, auf einer Seite. Doch nicht immer gibt der Wind ihnen die Chance, uns wirklich zu schützen. Bei Idstedt berühren wir an seinem östlichen Rand ein Gelände, in dem an zwei Tagen im Juli 1850 eine fürchterliche Schlacht zwischen freiheitlich orientierten Schleswigern und dänischer Obrigkeit tobte. Fast 27.000 Schleswig-Holsteiner und 37.000 Dänen trafen aufeinander. In dieser blutigsten Auseinandersetzung nördlich der Elbe starben fast 1.500 Soldaten in kurzer Zeit auf dem Schlachtfeld. Es beschleicht mich immer ein komisches Gefühl, wenn ich mich durch oder in der Nähe solcher Gebiete bewege und den Tag genieße. 


Schöner ist es, sich an solch einer kleinen Feldsteinkirche mit Holzturm zu erfreuen, wie der in Sieverstedt, sechs Kilometer weiter. Vor über 800 Jahren wurde sie hier auf einer kleinen Anhöhe etwas außerhalb des Dorfes, aber genau dort, wo drei Handelswege sich kreuzten, errichtet. Einer von ihnen war der Ochsenweg. Somit ist die Sieverstedter St. Petrikirche eine der ältesten Sakralbauten im Lande. Ein schöner Friedhof umgibt ihn, und während einer kurzen Rast auf einer Bank merken wir, dass wir uns in einem Teil Deutschlands bewegen, der viele Jahre lang zum Königreich Dänemark gehörte. Die Petersens, Clausens, Thomsens und Hansens z.B. sind unter den Toten auf dem Friedhof klar in der Mehrheit.


Bis zu unserem Tagesziel Süderschmedeby ist es dann noch eine Dreiviertelstunde. Ortsnamen mit der Endung -by sind dänischen oder schwedischen Ursprungs und stammen wahrscheinlich von den Wikingern. Der Name lässt sich als "Schmiededorf" deuten. Öfen zur Eisenerzschmelze sind hier schon für die Zeitenwende nachgewiesen. Doch heute rauchen in dem kleinen Örtchen nur noch die Schornsteine.


Einer von ihnen gehört zum Haus von Frau Hansen. Ihr Freund öffnet uns die Tür, weil sie selbst im Rollstuhl sitzt. Nach einer schwerwiegenden Hüftoperation ist sie noch nicht wieder sehr beweglich, was ihrer Gastfreundschaft aber keinen Abbruch tut. Sofort bittet sie uns in ihr Wohnzimmer, bietet uns zur Ankunft ein Bier an (was wir gerne annehmen) und bespricht mit uns alles, was man für so einen Aufenthalt wissen muss: Abendessen, WLAN, Kühlschrank mit Getränken, Frühstückszeit und - für Dieter zusätzlich noch wichtig - die Fernsehbenutzung. Im Obergeschoss sind die zu vermietenden Zimmer, ehemals die ihrer Kinder, nebst Bad. Sie tragen keine Nummern, sondern nette Bezeichnungen. Bei dem einen "schlafen und schmusen" (huch!), das andere "nachdenken und lesen" (gut, kann man da auch machen; wir jedenfalls schlafen hier!). An der Badezimmertür steht "duschen, pieschen, wursteln" (dann wissen wir dahingehend auch Bescheid).


Zum Abendessen macht uns die pensionierte Hauptschullehrerin Frau Hansen leckere Frikadellen mit Bratkartoffeln und Rote Beete, bleibt, während wir essen, zu einem Quätschchen mit am Tisch sitzen und macht sich dann auf Krücken zu ihrem Auto, um über Nacht zu ihrem Freund ins sechs Kilometer entfernte Oeversee zu entschwinden. "Bewegen Sie sich im Haus, wie Sie wollen. Wir sehen uns morgen beim Frühstück!" Vertrauen ehrt...!


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Dienstag, 02 Mai 2017 09:37)

    Ha!!! "Duschen, pieschen, wursteln"! Köstlich! Das brauchen wir in Helpenstell auch!

  • #2

    Der kronprinz (Dienstag, 02 Mai 2017 17:38)

    Und in Imbach auch...! ☝�