Erinnerungen an 1978

Frau Hansen hat auf dem Rückweg von ihrem Freund Brötchen zum Frühstück mitgebracht und alles für uns in ihrem Wohnzimmer vorbereitet. Jetzt sitzt sie wieder bei uns und erzählt von vielen ihrer Gäste, die bei ihr die Nacht verbracht haben. Die meisten von ihnen waren Wanderer auf dem E 1 oder Pilger auf dem Jakobsweg. Einige von ihnen müssen etwas eigenartige Individuen gewesen sein, z.B. diejenige, die mehr oder weniger verlangte, dass Frau Hansen ihre Blasen versorgte, oder die, die sich darüber beschwerte, dass sie die Nacht über alleine im Haus war, während Frau Hansen bei ihrem Freund in Oeversee weilte. Ich glaube aber, mit uns ist sie ganz einverstanden.


Beim Abmarsch fotografieren wir noch ganz schnell Frau Hansens kleines Häuschen, das bald ganz hinter einer großen Tanne versteckt ist, und haben dann sehr bald wieder den hohen Gang eingelegt, der uns im zügigen Tempo aus dem Ort bringt. Wieder ist es einer dieser Sonnentage, von dem man aber noch nicht von einem milden, geschweige denn einem warmen Tag sprechen kann. Immer noch bläst ein kräftiger Nordostwind - und Dieter bläst dagegen. Die Hälfte davon ist innige Empörung und Ausdruck absoluter Verständnislosigkeit darüber, dass Anfang Mai nicht zumindest schon sowas wie Frühsommer eingekehrt ist. Um ihn etwas zu schonen, erspare ich ihm die Überquerung des immerhin ca. 40 m ü.NN. hohen Moränenhügels des Fröruper Holzes, denn auf diese Höhenmeter wäre er "nicht eingerichtet". 


So ziehen wir am Rand des Fröruper Moores, eines weiten Feuchtgebietes, dahin, überschreiten bei dem kleinen Ort Frörup selbst die Treene - und laufen an einem Backstuben-Café vorbei. Oh, welch ein Fehler! Es ist doch Pausenzeit! Frörup ist ein angegliederter Ortsteil von Oeversee, und wenn es in dem kleinen Frörup ein Backstuben-Café gibt, dann im größeren Oeversee doch bestimmt auch - denke ich, und lotse Dieter daran vorbei. Der insistiert auch nicht. Erst als wir in Oeversee nachfragen, wo es das nächste Backstuben-Café gäbe, ist die Antwort: "In Frörup"! Dieter ist "not amused" und hat den Rest des Tages ein diebisches Vergnügen daran, mir diese Fehleinschätzung wiederholt unter die Nase zu reiben. 


Den Abzweig zum "Historischen Krug" in Oeversee schenken wir uns. Er war einer dieser Krüge entlang des Ochsenweges, die in mittelalterlichen Zeiten eine besondere Rolle für Pilger, Händler und Viehtreiber spielten. Heute, nachdem der wirklich historische Bau vor einigen Jahren komplett abgebrannt ist, wurde aus dem Nachbau ein Luxushotel, in dem so durchziehende Gestalten wie wir nicht unbedingt freundlich empfangen würden, so meinte Frau Hansen. So bewahre ich mir lieber das Bild einer urigen Kneipe, in der ich vor ziemlich genau 39 Jahren auf meiner E 1 - Wanderung übernachtet und einen schönen Abend im Gastraum verlebt habe, im Gedächtnis. An der Wand war ein großes Bild gemalt, an dessen Einzelheiten ich mich nicht mehr erinnern kann, aber ich weiß, dass es eine Art "Wimmelbild" war, mit vielen bunten Soldaten, Kampfgetümmel und Verletzten. Ich denke daher, dass es das abbildete, was sich hier am 6. Februar 1864 ereignete.

An diesem Tag kam es nämlich im deutsch-dänischen Krieg von 1864 bei Oeversee zu einem Gefecht zwischen den mit Preußen verbündeten Österreichern und den Dänen. Die Österreicher siegten über die im Rückzug befindlichen Dänen. In den Abend- und Nachtstunden kamen Bewohner aus dem 10 km entfernt liegenden Flensburg und schafften die Verwundeten in den am Ochsenweg liegenden Krug, um sie dort zu versorgen. Viele hätten die Nacht auf dem Schlachtfeld wahrscheinlich nicht überlebt. 


Ich weiß auch noch, wie es während dieser Übernachtung damals am Abend anfing zu schneien und die ganze Nacht nicht aufhörte. Am nächsten Morgen empfing uns draußen ein tiefblauer Himmel und eine knöcheltiefe, glitzernde Schneedecke. Es war damals recht mühsam, durch diesen Schnee zu stapfen, aber ein wunderbares Naturerlebnis war es dennoch. Der Schnee schluckte damals fast alle mich umgebenden Geräusche. 


Aus dem Jahr 1978, dem Startjahr meiner E 1 - Wanderung, gibt es auch noch das Foto von der Oeverseer St.-Georg-Kirche, der alten romanischen Feldsteinkirche mit ihrem dicken, runden Turm und dessen Schießscharten an seiner Nordseite, die darauf hindeuten, dass sie früher Teil eines Befestigungssystems war. Wir haben die Gelegenheit, kurz einen Blick ins Innere zu werfen und mich beeindrucken die Gewölbemalereien, das große Triumphkreuz und die aus Holz geschnitzte Renaissance-Kanzel.


Nach einer Bankpause ziehen wir weiter, sehen den in der letzten Eiszeit entstandenen Sankelmarker See zu unserer Rechten und kommen immer näher an die Geräuschkulisse der nach Norden führenden Autobahn A 7 heran. Zusammen mit dem Wind rauscht es nun ohne Unterlass. Je näher wir der Autobahn kommen, desto lauter wird es, und es wird natürlich auch nicht besser, als die Streckenführung von uns fordert, der Autobahn für die nächsten etwa sechs Kilometer in Schlagdistanz zu folgen. Selbst mit dem Eintritt in den Handewitter Forst, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet weit und breit, wird dieses Rauschen nicht weniger, im Gegenteil. Das Rauschen der Autobahn verbündet sich mit dem Rauschen der vom immer noch kräftigen Wind bewegten Bäume.


Der Grund dafür, dass der Handewitter Forst mit seiner Größe hier ein gewisses Alleinstellungsmerkmal besitzt, ist im Mittelalter zu suchen. Während in der näheren und weiteren Umgebung die Wälder dem Haus-und Schiffsbau zum Opfer fielen, kam der Handewitter Forst in königlichen Besitz, um dort die Jagdgelüste zu befriedigen. Eingestellte Hegereiter hatten darauf zu achten, dass das gemeine Volk sich nicht aus dem Wald versorgte. Holzsammeln oder Fallenstellen war bei Strafe verboten.


Wir durchqueren den Forst einmal komplett diagonal und noch am nördlichen Waldrand steht das Haus von Herrn Asmussen. In seiner Ferienwohnung (mit Terrasse) bekommen wir für heute Quartier. Es wird wohl vorläufig meine letzte Unterkunft mit einem gewissen Komfort sein. Morgen ist es ein Hostel in Flensburg, danach, in Dänemark, werden es hauptsächlich Pilgerherbergen mit Mehrbettzimmern sein. Es wird also rustikaler - aber auch irgendwie typischer für eine Pilgerwanderung. Ich freue mich jedenfalls darauf...


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