Dänische Grenze - Touch down!

Für Dieter ist heute der letzte Tag der Tour. Von Münster an hat er mich begleitet, an der dänischen Grenze endet sein Weg. Für mich ist es der letzte Tag in Deutschland, morgen geht es nach Dänemark hinein. Mein kleiner Taschencomputer wird mir am Ende des Tages sagen, dass ich bisher 168:28 Stunden wandernd in Bewegung war, dabei 785 km zurückgelegt und exakt 8.800 hm erklommen habe, das entspricht fast der Höhe des Mt. Everest. Und das immerhin hauptsächlich durchs "Norddeutsche Flachland". Ich kann stolz auf mich sein!


Wir haben die Ferienwohnung von Herrn Asmussen kaum verlassen, nähern wir uns wieder der Autobahn und damit ihrer typischen Geräuschkulisse. Doch heute nehmen wir das nicht so deutlich wahr, vielleicht denken wir zu sehr an unser heutiges Ziel, die deutsch-dänische Grenze. Für uns beide entweder End- oder Zwischenstation. Für den einen der Beginn der Heimkehr, für den anderen bald der Beginn, ein Fremder, ein Ausländer zu sein.


Der letzte Tag für mich in Deutschland hält wieder sonniges Wetter bereit. Immer noch ein ordentlicher Nordostwind, immer noch einstellige Temperaturen, aber mit dem, was ich so aus den heimatlichen Gefilden höre, möchte ich keinesfalls tauschen. Kann man als Wanderer oder Pilger etwas Besseres haben als Sonnenschein und frische Luft? Gut, Frostbeulen sagen vielleicht "sibirische Kälte verbunden mit arktischen Stürmen dazu", aber für jeden, der schon öfter und länger unterwegs war, kann es doch kein besseres Wetter geben. Das muss man sich doch mal auf der Zunge zergehen lassen: Seit dem Start vor fünfeinhalb Wochen hatte ich vielleicht insgesamt eineinhalb Stunden lang meinen Schirm in der Hand, höchstens! Und die Sonnenstunden lagen mindestens bei 70 %. Meinetwegen kann das gerne genau so bleiben, bis hoch nach Norwegen.


Jenseits der Autobahn kommen Dieter und ich in eine etwas unerwartete Landschaft. Sie trägt den ein wenig sperrigen Namen "Naturerlebnisraum Stiftungsland Schäferhaus". 1992 wurde der ehemalige Truppenübungsplatz Schäferhaus der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein übertragen und entwickelt sich seitdem zu einem der interessantesten Naturschutzgebiete im Norden. Durch die Ansiedlung von rund 100 Galloway-Rindern und ursprünglich fünf Koniks (verwilderte polnische Hauspferde) wird in einem Gebiet von fast 300 ha der Bewuchs niedrig gehalten und so eine halboffene Wiesenlandschaft (Savanne) erhalten, die hier bereits nach der letzten Eiszeit bestand. Auf die nächsten haushohen Waldelefanten, die vor 100.000 Jahren hier noch lebten, wird man aber wohl noch etwas warten müssen. 


Warum wir die Koniks in einem stählernen Paddock antreffen, verstehe ich nicht, aber die Leute, die für dieses Naturschutzprojekt verantwortlich sind, werden (hoffentlich) wissen, was sie tun. Wildpferde in einem Käfig sind jedenfalls ein trauriger Anblick. Da sehen die Galloways mit ihren Jungtieren schon wesentlich zufriedener aus, wie sie da die Flächen beweiden oder einfach nur in der Sonne liegen und wiederkäuen.


Ruhe herrscht ringsherum, von der Autobahn ist nichts mehr zu hören und der Wind kann nicht in die Bäume greifen, weil kaum Bäume da sind. Savanne halt! Da kommt die nächste Pilgerhütte zur Rast genau im richtigen Moment. Seit Rendsburg begegnen uns diese robusten Holzhütten im immer gleichen Baustil entlang der Strecke mindestens ein Mal am Tag, immer an nett ausgewählter Stelle, mit wind- und regengeschützten Sitzbänken und Tischen, aber auch Außensitzplätzen für eine Rast in der Sonne. Während Dieter sich - natürlich - in den windgeschützten Bereich zurückzieht, lege ich mich auf die halbrunde Bank draußen, lasse die Sonne auf mich scheinen und genieße für eine Viertelstunde mein Leben. Dann machen wir uns auf zu unserem... na, sagen wir mal... Endspurt!


Wir streifen Harrislee an seinem westlichen Rand und sehen bald darauf erstmalig ein Hinweisschild, das das baldige Erreichen von Niehuus in Aussicht stellt, jenes kleine Dorf am reizvollen Niehuussee, wo wir wenige hundert Meter hinter der Dorfmitte auf die Grenze stoßen werden. Wir könnten auch die offizielle Grenzübergangsstelle Padborg/Harrislee nehmen, aber der Jakobsweg nimmt eine andere Route. Er wählt praktisch einen "grünen Grenzübergang" nördlich von Niehuus. Hier gab es eine Furt über den kleinen Grenzfluss Krusau, die jetzt durch eine kleine Holzbrücke ersetzt ist. Durch diese Furt führte früher die Route der Händler und Pilger, die im nahen dänischen Bov vom historischen Ochsenweg abbogen, um nach Flensburg und damit in den Bereich der Ostsee zu gelangen. Diese Brücke ist unser Ziel für heute, Dieters angestrebtes Ziel für seine diesjährige Wanderung mit mir und meine erste große Zwischenstation auf dem Weg in den hohen Norden.


Um 12.30 Uhr stehen wir an dieser kleinen Brücke über der Krusau, oder besser: wir stehen vor einem Holztörchen, welches man erst öffnen muss, um die Brücke zu betreten und damit in unser nördliches Nachbarland zu kommen. Im vorigen Jahr standen Dieter und ich an der schottisch-englischen Grenze bei Burwick-upon-Tweed nach unserer Schottland-Wanderung ebenfalls an einem Törchen und haben uns Einlass verschafft. Manche Dinge wiederholen sich.


Mit dem Bus fahren Dieter und ich nach Flensburg hinein, von dort geht es für Dieter morgen früh mit dem Zug nach Hause. Ein Hostel in Bahnhofsnähe ist unser letztes gemeinsames Quartier für diesmal. Noch ein Bummel durch die Altstadt und an der Förde mit ihren Hafenanlagen entlang, ein letztes gemeinsames Abendessen, zu dem Dieter mich einlädt. Wäre ja nun wirklich nicht nötig gewesen, aber ich habe ihn ja schließlich sicher und gesund durch Sibirien... äh... nein, durchs Norddeutsche Flachland und durch eine Saukälte geführt... und das war nicht immer einfach!


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Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 04 Mai 2017 04:41)

    Wo ist denn das Bild vom Törchen-Durchschreiten??? Herzlichen Glückwunsch zu eurem gemeinsamen geschaffen Stück. Den Rest schaffst du auch noch, einsamer Wolf!

  • #2

    Der Kronprinz (Donnerstag, 04 Mai 2017 18:37)

    Krass! Schon Dänemark. Wahnsinn!!!