Erster Tag in Dänemark

Dieter ist heute früh etwas von innerer Unruhe getrieben und springt eher aus dem Bett, als der Wecker es verlangt. Beim Frühstück im Speisesaal meinen wir, die Ersten zu sein, doch das Gegenteil ist der Fall. Wir seien die Letzten, klärt uns die freundliche Albanerin auf, die hier ihren Dienst tut. In unserem Hostel etwas außerhalb des Zentrums von Flensburg trifft sich nämlich nicht unbedingt die Jugend der Welt (zu der wir uns irgendwie natürlich auch zählen), sondern Arbeiter und Monteure aus aller Herren Länder und die sind schon seit einer Stunde aus dem Haus. Dementsprechend ist das Frühstücksbuffet nicht mehr allzu üppig ausgestattet, aber für uns reicht es allemal.


Satt und zufrieden geht es nochmal auf unser 8-Bett-Zimmer, das wir aber ganz alleine belegen. Alte Männer brauchen eben ihre Privatsphäre. Ich forste ein letztes Mal mein Gepäck durch und bin sehr erfreut, Dieter etwa zwei Kilo unnützen Kram (zumindest Dinge, die ich nicht mehr brauche) mit auf die Heimreise geben zu können. Mein Wheelie wird immer leichter, was aber bald kompensiert werden wird durch ein Mehr an Proviant, das ich in Zukunft mitführen werde, um den hohen Kosten in Dänemark etwas auszuweichen. 


Dann ist es soweit: Dieter schultert zum letztenmal seinen Rucksack, ein Handschlag, eine herzliche Umarmung an der Hosteltür. Mach's gut, mein Freund, es war schön mit dir! Nur beim Wetter musst du noch ein wenig widerstandsfähiger werden! Am Rand der Straße zieht er beschwingten Schrittes dem Bahnhof entgegen. Ich glaube, er freut sich sehr auf zu Hause.


Eine Stunde später verlasse auch ich das Hostel. Mein Bus Richtung Niehuus fährt vom ZOB zwar erst um 11.10 Uhr, aber in der Stadt kann ich mir die Zeit bestimmt besser vertreiben als im verlassenen Hostel. Die Touristeninformation liegt günstig am Weg und ich kann mir dort doch noch meinen Pilgerstempel abholen, was mir gestern nicht mehr gelungen war. Kirchen und Kirchenbüros waren auf unserem gestrigen Nachmittagsbummel schon geschlossen. Doch jetzt dokumentiert der Flensburger Pilgerstempel das Ende meines Weges auf der Via Jutlandica und den Beginn auf dem Heerweg, wie der Ochsenweg in Dänemark genannt wird. Das feiere ich mit einem Coffee to go und stehe damit ein paar Minuten später und einige Minuten vor der Zeit am ZOB. 


Aus den "einigen Minuten" werden keine 30 Sekunden, dann fährt der Vorläuferbus ein. Einsteigen oder auf den von mir Geplanten warten? Einsteigen! Mit Wheelie in der einen und dem Coffee to go in der anderen Hand gar nicht so einfach. Jetzt auch noch in der Hosentasche nach Kleingeld kramen und bezahlen. Ich stelle den Kaffeebecher auf den Boden ab, bezahle und der Fahrer fährt an. Im Folgenden schlängelt sich mein Kaffee, angetrieben durch die Fliehkraft durch den Bus nach hinten. Mir bleibt nur noch, den Becher in einen kleinen Mülleimer zu entsorgen und das Grinsen der anderen Fahrgäste zu erwidern. Eine tolle Nummer!


Wo inzwischen mein Kaffeerinnsal angekommen ist, nämlich dort, wo Kinderwagen, Rollatoren oder ähnlich Sperriges abgestellt werden, deponiere ich nun auch Willi und setze mich auf die nächste Bank, um ihn festzuhalten. Dass der jetzt nämlich auch noch ungehindert durch den Bus rollt, fehlt mir noch. Drei Haltestellen weiter steigt eine alte Dame ein - mit Rollator. Einträchtig stehen unsere beiden Helfer nun nebeneinander und die Dame setzt sich mir gegenüber. Sofort hat sie mein Spendenplakat im Blick. Sie liest es intensiv, zückt sofort ihre kleine graue Kunstledergeldbörse, winkt mich zu sich heran und drückt mir zehn Euro in die Hand. "Das letzte Hemd hat keine Taschen", sagt sie nur lächelnd zu mir, "und viel Erfolg!" Als ich ihr mitteile, dass ich sehr zuversichtlich bin, hebt sie den Daumen und strahlt mich an. Ich hätte sie umarmen können.


Die Fahrt mit dem Bus ist - genau wie gestern - scheinbar wieder endlos. Für eine Luftlinienentfernung von maximal sechs Kilometern benötigt er ca. eine halbe Stunde, mindestens vier Mal fahren wir nach Harrislee rein und wieder raus. Dann muss noch umgestiegen werden. Auf den nächsten Bus warte ich eine geschlagene Stunde. Vom Flensburger ZOB bis nach Niehuus bin ich eindreiviertel Stunden unterwegs. In dieser Zeit schaffe ich zu Fuß mindestens acht Kilometer. Aber Jakobus hat mir die alte Dame mit den zehn Euros geschickt, es sollte so sein.


Bald darauf stehe ich da, wo ich gestern schon mal mit Dieter stand: am Törchen vor der kleinen Holzbrücke über den kleinen Grenzfluss Krusau. Bei ihm beginnt auch der "Gendarmstien", auf dem die dänischen Grenzgendarmen nach der Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark von 1920 an bis 1958 die neue Landesgrenze bewachten und zu Fuß an ihr entlangpatrouillierten. Nach 1958 wurde diese Aufgabe von der Polizei übernommen. Vielerorts geriet der Gendarmenpfad in Vergessenheit, wurde aber seit 1988 gekennzeichnet und für Wanderer zugänglich gemacht.


Ein kurzes Stück gehe ich diesen Pfad der ehemaligen Grenzer und stoße dann an einen "richtigen" Grenzübergang samt kleinem Schlagbaum, der aber hoch offensteht. Von hier an liegt in Blickrichtung Deutschland ein Stück "Krummer Weg" vor mir, der seinen Namen auf den gewundenen Verlauf durch die hügelige Landschaft zwischen dem nächsten Ort auf dänischer Seite, Bov, dem deutschen Niehuus und Flensburg zurückführt. Er war der Einfallsweg nach Flensburg hinein und gepflastert. Hier, unmittelbar an der Grenze, kann man noch ein Stück dieser alten Kopfsteinpflasterung sehen. 


An dieser Stelle erlebe ich noch eine fast schon skurrile Situation. Direkt am Schlagbaum steht ein dänisches Polizeiauto, zwei ausgesprochen hübsche Polizistinnen stehen daneben, bewegen sich mal zehn Meter weg und kommen wieder zurück. Ich ahne, was hier läuft, frage aber trotzdem nach, und bekomme von einer der Damen die erwartete Antwort. Im Rahmen der Flüchtlingskrise 2015 hatte Dänemark ja die Grenzkontrollen wieder eingeführt. Immer noch ist der Auftrag dieser beiden jungen Polizistinnen, drei bis vier Mal am Tag hier vorbeizukommen, um für jeweils etwa zehn Minuten knallhart die Grenze zu bewachen. Ich glaub es nicht...


Was mir auf den nächsten Kilometern auffällt: Die Häuser sind irgendwie kleiner als in Deutschland, viele haben noch ihre Reetdächer und bei sehr vielen flattert vor den Häusern der dänische Wimpel von einem kleinen Fahnenmast. Die Felder sind wie in Schleswig-Holstein: riesig. Der Wind, der heute wieder so richtig gut unterwegs ist, kann prima Anlauf nehmen. Er bläst aus Norden, ich gehe in den Norden - da passt irgendwas überhaupt nicht zusammen. Windschutz gibt es auch nicht viel - eigentlich nur ein Mal für etwa fünf Kilometer in der Bommerlund Plantage, einem dieser vor etwa 150 Jahren angelegten Wälder, durch die der Heerweg verläuft. Auf dem Weg treffe ich auf einige Steine , sogenannte Wegpflichtensteine aus der Zeit von etwa 1770 bis 1900, die noch heute an ihrem ursprünglichen Platz am Wegesrand stehen. Damals oblag die Unterhaltung des Weges den Bauern, und die hohen, flachen Steine gaben an, welche Wegestrecke ein bestimmter Hof zu unterhalten hatte. 


Gegen Ende der Bommerlund Plantage komme ich an die Stelle, wo früher der alte Heerweg-Krug "Bommerlund Kro" stand. Die Spuren des Krugs sind längst verschwunden, der Bommerlund-Stein steht an seinem Platz. Es wird berichtet, dass ein französischer Kavallerieoffizier 1759 - krank, verletzt und müde - an die Krugtür klopfte und um Logis für sich und sein Pferd bat. Der Wirt erbarmte sich und gab ihnen die denkbar beste Verpflegung. Es kam zu einem längeren Aufenthalt, und schließlich sollten Kost und Logis abgerechnet werden. Der Offizier war aber nicht in der Lage, komplett zu bezahlen. Es endete damit, dass er seine Schulden beglich, indem er dem Wirt das Rezept für einen milden, wohlschmeckenden Aquavit überließ, der mit Anis, Kümmel und verschiedenen anderen Kräutern gewürzt war. Der Wirt wusste wohl kaum, was für einen guten Handel er hier gemacht hatte. Er probierte das Rezept aus und war von dem Ergebnis begeistert. Mit einem königlichen Privileg für das Branntweinbrennen begann er sofort mit der Produktion, und der Schnaps erhielt den Namen Bommerlunder. Naaa? Wieder was gelernt!


Kaum habe ich die Bommerlund Plantage verlassen, komme ich zum munter fließenden Bach Gejla mit seiner Doppelbögenbrücke. Sie wurde als selbsttragende Konstruktion aus leicht keilförmigen Granitsteinen errichtet. Der Bauherr hatte für sein Werk - für die damalige Zeit - gutes Geld bekommen, aber dafür gab er auch 10 Jahre (!) Garantie. Das war immerhin im Jahr 1818. Der Mann sollte sich mal von ganz oben die Leverkusener Brücke ansehen... Ich setze mich zu meiner ersten und einzigen Rast für heute an den Rand der Brücke, schaue dem Bach beim Murmeln zu und esse mein Brot aus der Proviantdose. Es wird Zeit, geschmiert hatte ich es mir vor drei Tagen. Ein Ei vom Frühstücksbuffet von vorgestern schiebe ich hinterher und bin damit fit für die letzten Kilometer.


Etwas Fitness brauche ich für sie auch, denn der Wind wird im Lauf des Nachmittags immer stärker und stemmt sich wie eine Gummiwand gegen mich. Auch der Himmel trübt sich mehr und mehr ein und lässt die folgende Landschaft der weiten Felder ein wenig traurig erscheinen. Doch auch das geht vorbei und gegen 17 Uhr stehe ich im Hof der ersten offiziellen Pilgerherberge meines Weges, Lindely. 


Ich bekomme ein Zimmer für mich allein, obwohl acht Betten im Raum stehen. Aber wer sollte auch mit mir das Zimmer teilen? Pilger sind (noch) keine unterwegs. Dann braucht man auch nicht zu heizen, denkt sich wohl die Herbergsmutter, denn im Zimmer ist es saukalt. Das ändert sich auch nur geringfügig, als ich die Heizung hochschalte. Am entscheidenden Hebel sitzt da wohl die Chefin selbst. Auch im Aufenthaltsraum fühlt sich das nicht viel besser an und vom großen Waschraum will ich gar nicht reden. Draußen könnte ich schön sitzen, aber mehr als 5° C sind es dort im Moment nicht. Aber warum stehen mir bei acht Betten auch acht Decken zur Verfügung? Damit ich sie nutze! Also wickle ich mich bis unter die Arme ein wie in einen Teppich und lege mir zwei weitere um die Schultern - und zack! - hält wohlige Wärme langsam Einzug in meinen Körper. Dieter, du würdest dich hier auch wohlfühlen!


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Kommentare: 3
  • #1

    Der Kronprinz (Freitag, 05 Mai 2017 14:33)

    Drei Tage altes Büttergen, zwei Tage altes Ei und dazu Bommelunder. Prost Mahlzeit! ���

  • #2

    niels (Sonntag, 07 Mai 2017 21:42)

    So nen ähnlichen Gedanken hatte ich auch gerade...

  • #3

    Die Pilgertochter (Montag, 08 Mai 2017 05:37)

    Hach ja, mindeste einmal auf jeder Wanderschaft gehört so eine Kältekammer ja dazu... Gott sei Dank konntest du dich vorher noch gut und lecker stärken!