Kiesweg "unter Schutz"


In der Pilgerherberge Bruhnsgard von Oster Logum ist es so kalt, dass meine Finger ganz steif sind. Ich versuche es jetzt mal mit dem Schreiben, wenn der Text aber abrupt aufhört, bin ich in dem Moment wahrscheinlich zum Eiszapfen erstarrt. 


Die Nacht in der letzten Pilgerherberge habe ich ganz gut überstanden. Es war zwar auch kalt, aber ich nehme das jetzt mal als Akklimatisationstraining für all das, was noch kommt. Das eigentliche Pilgerwesen fängt in Dänemark ja erst in etwa einem Monat an und die Pilgerherbergen öffnen offiziell erst Anfang Juni. Vielleicht wird ab dann auch erst geheizt. Also so richtige Gemütlichkeit ist gestern Abend bei mir nicht aufgekommen und danach sieht es auch heute Abend nicht aus. Ganz im Gegenteil!


So richtig lockt mich aber heute Morgen auch nichts nach draußen. Der Himmel ist ziemlich grau und der Wind rappelt immer noch an den Fensterladen. Aber der Durst kommt bekanntlich beim Trinken - so jedenfalls die bewährte Helpensteller Maibaumweisheit -, also nicht rummemmen, sondern Wheelie anschnallen und los!


Mich erwartet eine richtige Strecke zum Warmlaufen. Kilometerlang sprinte ich auf einem langen Stück unter Schutz gestelltem ehemaligen Ochsen- bzw. Heerweg. Er hat aber einen Haken: Über die gesamte Distanz verläuft er über den von mir so sehr geschätzten Kiesbelag. Ich hasse dieses Zeug wie die Pest! Man rollt auf ihm mehr als man geht, auch wenn die Schuhsohlen noch ganz in Ordnung sind, spüre ich bald jeden (größeren) Stein und Willi rumpelt und stöhnt hinter mir. Das Hässlichste aber ist, dass der Weg zwar "unter Schutz steht", für den Autoverkehr aber frei ist. Da kommt es eben immer wieder vor, dass Autos und schwere Traktoren an mir vorbeirauschen und mich mit dem Staub des Weges panieren.


Die Landschaft hier unterscheidet sich kaum von der gestrigen. Südjütland ist an der Nord- und Ostseeküste Urlaubsland - Badeland - Touristenland. Das kennen viele, auch ich bin dort in Jugendjahren schon als Radtourist unterwegs gewesen. Das Landesinnere kennt aber kaum jemand, das hier ist Bauernland. Weite, wellige, abgezogene Felder, auf denen bei einigen schon das Sommergetreide sprießt. Große Wiesen, in denen sich die Kühe verlieren. Hohe alte Windschutzhecken, die dem hier vermutlich immer wehenden Wind die Ackerkrume streitig machen. Große Bauernhöfe, deren meist weiße oder rote Mauern unter einem fast immer schwarzen Dach Schutz suchen - gelegentlich sogar unter einem Reetdach. Natürlich fehlen die Weihnachtsbaumplantagen nicht. Ab November tragen die meisten Bäumchen wohl einen farbigen Zettel an ihrer Spitze, die zur Weihnachtszeit einem Rauschgoldengel Halt geben soll.


Wieder kommt dieses Gefühl in mir auf: Die schiere Länge meines Weges macht bescheiden. Jetzt gehe ich schon wieder so lange, und es sind immer noch weit über tausend Kilometer. Da kann man nichts tun, als demütig weiterhin einen Schritt vor den anderen zu setzen. Doch Abwechslungen tun gut. Wo der Weg das kleine Flüsschen Bjerndrup Mollea überquert, mache ich Halt, um die Granitbrücke, die ich soeben passiere, genauer zu betrachten. Diese heutige Brücke wurde 1844 anstelle einer früheren Holzbrücke errichtet. Der elegante Brückenbogen ist eine selbsttragende Konstruktion aus leicht keilförmig zugehauenen Granitsteinen. Es ist die gleiche Bogenkonstruktion wie gestern an der Brücke über die Gejla, nur ist Povls Brücke ist völlig ohne Mörtel errichtet. Stattdessen wird der Brückenbogen von Moos zwischen den Steinen und einer Tondeckschicht stabilisiert. Povls Brücke hat ihren Namen übrigens nach dem Wirt des Heerweg-Krogs, der in unmittelbarer Nähe stand.


Nach einer weiteren Stunde Gerumpel auf dem "geschützten" Heerweg-Kies noch eine kleine Abwechslung. Bei einem kleinen Wäldchen komme ich nach Urnehoved, einer Örtlichkeit, die bis 1523 das Landsthing für Nordschleswig war - der Ort, wo freie, waffenfähige Männer die Gesetze beschlossen und Urteile sprachen. Heute ist diese alte Thingstätte zu einem Gedenkpark mit einigen Gedenksteinen umgestaltet, die sich auf historische Ereignisse in Nordschleswig beziehen, u. a. auf Erik Emune, der auf dem Thing 1137 hier getötet wurde. Nach der Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark hat Urnehoved einen neuen Zweck bekommen. Heute dient der Ort für Volksversammlungen, z.B. am Tag des Grundgesetzes - und für mich heute für eine kurze Rast.


Der einzige größere Ort heute ist Rodekro. Ich kann mich erinnern, dass ich auf meiner Dänemark-Radtour 1967 ebenfalls durch Rodekro gekommen bin. Damals habe ich in dem alten, reetgedeckten "Roten Krug", auch einem dieser alten Heerweg/Ochsenweg-Krüge, gerastet. Was sich heute mir im Zentrum des Ortes als "Hotel-Restaurant Rode Kro" vorstellt, hat mit dem alten nur noch die Farbe gemein. Was ist mit dem alten passiert? Abgebrannt, aufgegeben, abgebrochen? Eine Art Backstuben-Café wie in Deutschland kann ich in Rodekro nicht auftreiben. Gibt es so etwas in Dänemark überhaupt? Die nächsten Tage werden es zeigen. Ich knabbere beim Gehen an meiner Ritter-Sport-Vollmilch-Nuss- fast so gut wie ein Kaffee - und habe damit genug Power, um mich, mal wieder hart am Wind, nach Oster Logum zu schleppen.


Wie gestern so auch heute sieht der ehemalige Bauernhof von außen recht nett und gemütlich aus, auch von innen ist alles vorhanden, was man von einer Pilgerherberge erwarten darf, aber muss es denn so kalt sein? Wenn schon die Eingangstür einen zwei Finger dicken Spalt offen lässt und eine Heizmöglichkeit noch nichtmal vorhanden ist, braucht man sich bei den Temperaturen, die im Moment draußen herrschen, nicht über die Temperaturen drinnen wundern. Wenn es denn auch in der Dusche nur kaltes Wasser gibt, muss der Pilger schon mal tief durchatmen, damit kein böser Fluch über seine Lippen kommt. Aber jammern hilft nicht, dicke Decken helfen. Davon liegen auf den Betten ein paar rum, und da ich allein in der Herberge bin, kann ich mich bedienen. Mein Körper verlangt nun nach wohligem Ausruhen und mein Magen wünscht sich etwas Warmes, Deftiges zum Verarbeiten. Ich zelebriere meine letzte Banane und dazu gibt es eine heiße Tasse - Wasser. Nescafé habe ich leider nicht im Gepäck, war bisher ja auch nicht nötig. Ich werde einkaufen müssen. Doch morgen gibt es wieder nichts als viel Gegend und übermorgen ist Sonntag. Aber alles wird sich fügen...

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Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Montag, 08 Mai 2017 05:49)

    Jawoll! Endlich beginnt er, der Pilgeralltag voller Entbehrungen! Höchste Zeit nach deinem Völlereiwandern mit BackstubenCafés etc. Jetzt wird mal wieder ein bisschen Demut gelehrt!

  • #2

    Der kronprinz (Montag, 08 Mai 2017 14:55)

    Aha!! Endlich wird gepilgert...!