Proviantprobleme

Die Nacht in der Kältekammer habe ich gut überstanden. Aber auch nur, weil ich in kompletter Wanderbekleidung und mit einem zusätzlichen Paar Socken unter drei Decken lag. Das Frischeerlebnis, als ich nach dem Weckerklingeln unter ihnen hervorkrieche, ist ein besonderes, dafür bin ich aber auch sofort hellwach. Wieder ist es die Tasse heißes Wasser, die mich über die Zeit des Packens und Frühstückens bringt. Auf der anderen Seite merke ich, dass ich erst jetzt wieder so richtig beim Pilgern angekommen bin. Der Pilger früherer Zeiten hat wahrscheinlich auch oft genug gefroren. 


Als ich die Herberge verlasse, kommt eine ungläubige Stimmung in mir auf. Was ist hier los? Draußen ist es - zu dieser morgendlichen Stunde - schon wärmer als in meinem Wohlfühl-Apartment. Und der Wind ist weg! Völlig weg! Das hatte ich auch schon lange nicht mehr. Fast zaghaft mache ich mich an die ersten Kilometer.


Mir geht es gut. Richtig gut. Ich denke heute über viele Dinge nach, die mir spontan durch den Kopf gehen. Ich versuche, diese gar nicht zu steuern, sondern nehme die Gedanken an, wie sie gerade hereinkommen. So schön und stimmungsmäßig abwechslungsreich die Tage mit Dieter auch waren, jetzt bin ich wieder drin im Alleine-unterwegs-sein. Ich werde oft gefragt, warum ich das so gern mache. Ob ich das mache, um mich selbst zu finden. Ganz abgesehen davon, dass ich gar nicht weiß, wie man das anstellt, kann ich nur sagen: Nein, man muss sich schon selbst gefunden haben, um so eine lange Strecke auch alleine durchzuhalten. Man muss gut mit sich selbst zurandekommen. Man ist sich meist selbst die einzige Gesellschaft, und wenn man sich nicht mag, wird einem schnell langweilig. Und mir ist auf meinen langen Touren noch nie langweilig geworden. Wie gut tut es, nicht ständig zu reden oder den Tag mit Floskeln und Smalltalk zuzubringen, sondern mit der Stille das Hinhören kennenzulernen. Hineinhören in die Landschaft, in die Natur, den Bächen beim Fließen und dem Wind beim Wehen zuzuhören ist eine Dimension des Lebens, die uns immer mehr abhanden kommt. Das schließt aber eine besondere Dimension des Pilgerns für mich nicht aus: Man trifft sich mit anderen Pilgern, man unterhält sich, nicht selten beschließt man, einen Teil des Weges gemeinsam zu gehen oder man verabredet sich bei dem nächsten Refugium. Das mag zunächst einfach und unspektakulär klingen, so als müsste man dafür nicht pilgern gehen, doch das ist es nicht. Im Gegenteil, einige Details machen diesen Unterschied deutlich. Zunächst natürlich hat man die Gemeinsamkeit, dass man sich auf den Weg gemacht hat, dass man sich mit sich selbst beschäftigen will, dass man sich Zeit zum Denken und Fühlen nehmen möchte und den sonstigen Alltag komplett aussperrt. Und doch existiert ein ganz wesentlicher Aspekt, der den Unterschied zur klassischen Urlaubsbekanntschaft ausmacht. Alle diese Begegnungen sind flüchtig. Durch diese Tatsache der gleichen Grundvoraussetzungen und gleichzeitigen Flüchtigkeit der Begegnungen, entstehen sehr offene Gespräche, man erfährt unglaublich viel von seinem Gegenüber und man berichtet natürlich ebenso offen von sich selbst. Es entsteht ein Austausch, der zumindest mich oft noch sehr lange begleitet und beschäftigt. Und dennoch: Alleine bin ich wohl einfach am stärksten.


Die angenehmen Temperaturen und der ungewohnte Mangel an Wind machen das Gehen heute beschwingter. Die Landschaft ist freundlich, ich höre die Vögel dank der Windstille wieder singen, der Weg hat weniger Kiesel als gestern und fährt mit mir ein wenig Achterbahn durch die Hügel. Ich singe und flöte zeitweilig laut vor mich hin und frage mich manchmal, ob das vielleicht am Alter liegt. Lautes Vor-sich-hinflöten und -singen kommt ja kurz vor dem Selbstgespräch. Aber das ist mir jetzt wurscht, und außerdem hört mich keiner.


Zudem liegen wieder kleine Juwelen am Wegesrand. Zum Beispiel recht bald schon einer der kulturgeschichtlichen Leuchttürme am nordschleswigschen Teil des Heerweges, der Haerulfstein. Es handelt sich um einen Runenstein von etwa 900 n. Chr. mit einer Runeninschrift, die nur aus einem einzigen Namen besteht: "Haerulfr". Niemand weiß, wer dieser Haerulfr war, aber sein Nachruhm ist gesichert. Viele Reisende haben ihn im Laufe der Zeit in ihren Reiseberichten vom Heerweg beschrieben und ich tue es im Moment ja auch wieder. Das illustriert sehr gut seine Bedeutung als Wegzeichen am Heerweg. Der Haerulf-Stein steht an seinem ursprünglichen Platz, was jedoch nicht immer der Fall war. Nach der Niederlage der Dänen 1864 wurde der Runenstein als Kriegsbeute nach Berlin gebracht und im Jagdschloss in Dreilinden aufgestellt. Erst durch beharrliche Diplomatie kam er 1951 an seinen ursprünglichen Platz am Heerweg zurück. Aber was bedeuten schon 87 Jahre im Leben eines Runensteins?


In Sichtweite 200 m über einen Acker hinweg liegt der bronzezeitliche Hügel Strangelshoj. Auf halber Höhe des Hügels steht eine Art Hinkelstein, wie wir ihn von Asterix und Co. kennen. Wie so viele andere ist auch er von Geschichten umgeben: Angeblich dreht sich der zwei Meter hohe Stein, wenn er frisch gebackenes Brot riecht. 1923 wollten örtliche Bewohner den Stein zum Gedenken der Gefallenen des 1. Weltkriegs auf den Friedhof in Oster Logum versetzen, wovon das Nationalmuseum jedoch stark abriet. Die Begründung ist mir nicht bekannt, aber vielleicht lag es am Brot. Der Friedhof liegt mitten im Dorf, direkt bei der Kirche und gegenüber meiner letzten Herberge. Hätten viele Frauen des Dorfes am gleichen Tag in ihren Häusern Brot gebacken, wäre der arme Hinkelstein ja gar nicht mehr aus dem Rotieren herausgekommen.


Der weitere Weg führt mich am Rand von Abkaer Mose entlang, einem der schönsten Hochmoore Dänemarks und auch eines der letzten. Bohrungen acht Meter zum Grund haben bewiesen, dass es seit ca. 6500 Jahren v. Chr. existiert. Wegen des unwegsamen Moorgebiets war der Verkehr im Mittelalter gezwungen, das Autal des kleinen Immervad-Baches an einer alten Furt zu passieren. 1422 hat eine Schlacht an dieser Furt stattgefunden, von der man sagt, sie sei so heftig gewesen, dass angeblich das Wasser des Baches rot von Blut war. Ganz schön schaurig! 


Die Brücke, die die Furt ersetzte, ist die älteste des Heerweges, bereits 1786 wurde sie erbaut. Im Gegensatz zu den Brücken der vergangenen zwei Tage mit gewölbten Durchlässen ist die Brücke von Immervad nach dem Vorbild älterer hölzerner Brücken erbaut. Sie wurde aus waagerechten, über vier Meter langen Steinblöcken errichtet - und am bemerkenswertesten ist, dass alle Steinblöcke wahrscheinlich aus demselben Granitstein ausgehauen wurden.


Wenige Meter hinter der Brücke treffe ich auf den Hof Immervad, der früher ein Heerweg-Krug mit zahlreichen Gästen in der Schankstube war. Vier Ulmen, die an der Ulmenkrankheit eingingen, haben neues Leben erhalten. Die Baumstümpfe wurden zu Skulpturen umgebildet, die anschaulich die Geschichte der vorbeikommenden Viehtreiber, Handwerksgesellen, Soldaten und Pilger zeigen. Der alte Pferdestall ist als Pilgerherberge eingerichtet. Ich möchte zwar nicht hier übernachten, aber vielleicht könnte man mir andersweitig hier behilflich sein. Ich habe mir nämlich selbst ein kleines Problem bereitet. Meine Lebensmittel gehen bedenklich zur Neige und auf dem Weg zu meiner Unterkunft entdecke ich auf meiner Karte kein Zeichen für einen Laden. Zwar komme ich morgen durch einen größeren Ort zur eventuellen Proviantierung, aber morgen ist Sonntag. Erst am Montag könnte es wieder mit einem Einkauf klappen. Aber ein kleines Faltblatt über die Heerwegs-Herbergen erzählt mir, dass man bei den meisten von ihnen eine kleine Auswahl an Lebensmitteln erwerben kann. 


Die Herbergsmutter, die ich herausklingle, macht mir aber freundlich klar, dass dies erst mit dem offiziellen Beginn der Pilgersaison, also erst ab Anfang Juni, möglich sei. Sie empfiehlt mir aber einen kleinen Laden in Vedsted, einem Örtchen, das ich nur tangiert hätte. "Sie müssen sich aber etwas beeilen! Vedsted ist von hier ungefähr noch acht Kilometer entfernt und der Laden schließt heute am Samstag um 12 Uhr", erklärt sie mir mit einem etwas mitleidigen Lächeln. Ein Blick auf die Uhr: 10.15 Uhr. Jetzt aber hurtig!


Ich ziehe das Tempo an, bin mir aber sicher, dass ich es schaffen werde. Und so ist es dann auch. Um viertel vor zwölf, pünktlich zu einem gemütlichen kleinen Einkauf, stehe ich im Laden. Brot, Salami, Philadelphia als Butterersatz und eine Tafel Schokolade sind schnell gekauft, die Schokolade bei der anschließenden Rast an einer Sitzgruppe vor dem Laden auch sofort verdrückt, und ich mache mich zufrieden an die letzten Kilometer für heute.


Mein Ziel ist die nächste Pilgerherberge am Heerweg. Auf dem Hof Torninggard wurde im ehemaligen Kuhstall vor einigen Jahren diese Herberge eingerichtet. Heute stehen 15 Doppelstockbetten dort, wo früher die Kühe standen. Die Ringe, um sie anzubinden, hängen heute noch an den Wänden und auf Maulhöhe (der Kühe) sehe ich die Futtertröge. Eine Küchenzeile ist vorhanden, einige Esstische und Sitzgruppen - nur eine Heizung sehe ich nicht, und es ist wieder mal besch... kalt! Ich drohe unwirsch zu werden, doch da naht der Bauer und bringt mir einen kleinen Heizlüfter - für eine Fläche von ungefähr 25x8 m. Wie nett! Doch dann gehe ich auf Entdeckungstour. Auf der Behindertentoilette finde ich tatsächlich einen zweiten Heizlüfter, bei einer Sitzgruppe eine kleine Tischlampe und Kerzen in Gläsern (bringen nicht nur Licht, sondern auch Wärme!), auf einem Bett liegen zwei dicke Decken (zusammen mit meinem dünnen Schlafsack müsste das wieder reichen) und neben der Spüle steht ein Wasserkocher für mein neues Lieblingsgetränk: heißer Grog ohne Rum. Zwischen zwei Stockbetten steht ein Tisch an der Wand, ich drappiere die Stehlampe und einen der beiden Heizlüfter drauf, den zweiten stelle ich auf einen Hocker in meinem Rücken. 


Während ich schreibe, werde ich von den Heizlüftern im Gesicht und Rücken angeblasen, die Kerzen flackern vor mir auf dem Tisch, das Lämpchen spendet heimeliges Licht, das heiße Wasser steht vor mir - eigentlich ist es richtig gemütlich hier. Ich darf mich nur keine zwei Meter von meinem Platz entfernen, dann wird es wieder etwas garstig. 


Nach zwei Stunden Arbeit tue ich das aber doch nochmal. Ich habe gerade im Kühlschrank, den ich leer wähnte, drei Flaschen Bier entdeckt. Eine davon gönne ich mir jetzt - Prost! -, und wenn mir davon wieder kalt wird, schlüpfe ich unter die drei Schichten Decken und schlafe die Kälte einfach weg. 




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Kommentare: 5
  • #1

    Lore (Sonntag, 07 Mai 2017 09:19)

    Lieber Reinhard,
    es ist mal wieder ein besonderer Genuss, Dein heutiges "Tagebuch" zu lesen.
    Liebe Grüße
    Lore

  • #2

    Michael Volkmar (Sonntag, 07 Mai 2017 16:14)

    Ich freue mich jeden Tag auf ein neues Kapitel. Schöne grüsse aus der Heimat

  • #3

    Renate Z. (Sonntag, 07 Mai 2017 19:48)

    Lieber Reinhard,
    Heute sehr nachdenklich - aber auch sehr erfinderisch....
    Hoffentlich sind immer genug Decken in deinen Herbergen....
    LG
    Renate

  • #4

    Die Pilgertochter (Montag, 08 Mai 2017 05:59)

    Haaaach, wie romantisch!!!

  • #5

    Der Kronprinz (Dienstag, 09 Mai 2017 09:57)

    Ist das geil!!! Heißes Wasser und Kerzen als Wärmespender! ���