Pilgerherberge im Sparmodus

Dabei war ich so stolz auf mich! Alle Mütter, die mir nahestehen, habe ich am Morgen einen schönen Muttertag gewünscht, mit der Aufforderung, sich heute doch mal so richtig verwöhnen zu lassen. Meine Tochter bedankt sich als erste, weist mich aber nett darauf hin, dass ich mich da wohl um eine Woche vertan habe. Ach ja, so ist das eben mit Wochentagen, Datum, Feiertagen, usw. während solch langer Touren, man kriegt kaum noch was auf die Reihe. Da lob ich mir doch Weihnachten und Neujahr, die Daten sind verlässlich, die kann selbst ich mir merken.


Als ich unter meinen drei Decken wach werde, kündigt sich draußen mit gleißendem Sonnenlicht und stahlblauem Himmel (ist Stahl eigentlich blau?) Großartiges an. Ich verdrücke schnell meine zwei Scheiben Brot und schlürfe meinen Instant-Kaffee, verstaue meine Siebensachen, bringe im großen Schlafsaal der Herberge alles wieder in die übliche Ordnung und öffne die Tür. Frühlingsluft weht mir entgegen, nein, sie weht nicht, sie umfängt mich. Ich schließe vor Wonne die Augen und atme erstmal tief durch. Jetzt, um 9 Uhr, ist es schon richtig warm, 15 °C mindestens. Kein Windhauch bewegt die Blätter der Bäume jenseits des Hofes (deshalb weht ja auch nichts) - alles ist so ganz anders, als in den letzten Wochen, an denen niedrige Temperaturen und starker Wind zur Tagesordnung gehörten. Ich nehme mir vor, dies heute mal ganz doll zu genießen, denn die Wettervorhersage kündigt schon wieder einen Rückfall an.


Kaum bin ich so richtig in Gang gekommen, liegt ein erster interessanter Ort vor mir, die Mühle Torning Molle. Das Gebäude, das jetzt dort steht, wurde 1908 gebaut und ist heute eine Museumsmühle, wo zwei Turbinen die Kraft des Wassers in elektrischen Strom umsetzen. Ihre Vorgänger, die mehrere Male abbrannten, waren Getreidemühlen und standen schon bis zu fünfhundert Jahre vorher an dieser Stelle. Sie alle waren der größten und mächtigsten Burg im südlichen Jütland, Torninghus, zugeordnet. Diese lag unmittelbar bei den Mühlen auf einer hohen Hügelhalbinsel, die sich in das Flußtal der Torning A hineinstreckt und den Verkehr im Gebiet kontrollieren konnte. Im 14. und 15. Jahrhundert spielte sie eine große Rolle in den Kämpfen zwischen den dänischen Königen und den holsteinischen Grafen. Nur noch der Burghügel ist von ihr übriggeblieben. Nördlich der Mühle gehe ich über die sog. Pionierbrücke, die 1918 von der deutschen Pionierkompanie 10 Minden als Teil der "Sicherungsstelle Nord" gebaut wurde, die quer über Nordschleswig verlief. Mit Hilfe der Schleusentore konnten weite Flächen nach Osten mit dem Wasser des aufgestauten Flusses überschwemmt werden und so das Vorrücken des Feindes verhindern.


Schon auf dem Weg von der Herberge zur Mühle und erst recht, als ich sie jetzt wieder hinter mir lasse, merke ich, dass das Flusstal der Torning A eine markante Furche durch die Landschaft zieht. Der Talboden ist infolge verschiedener Stadien beim Rückzug des Eisrandes während des Abschmelzens sehr hügelig. Das gesamte Tal ist von Wasserläufen, Seen und waldbewachsenen Hängen geprägt, von denen ich auf den nächsten zwei Kilometern einige zu erklimmen habe. Steigungen verbunden mit hohen Temperaturen führen zu Schwitzattacken und so kommt es, dass ich nach etwa vier Wochen mal wieder im Hemd gehe... und mit Hose natürlich. Als mir in einer Vorortssiedlung des kleinen Städtchens Vojens ein Däne im Wikingerformat XXL allerdings mit nacktem Oberkörper begegnet, halte ich das dann doch für ein wenig übertrieben.


Hinter der Tallandschaft mit den bewaldeten Hügeln dann wieder viel Landwirtschaft. Rapsfelder in Neongelb kommen jetzt immer mehr hinzu, nur was da jetzt vor meinen Augen liegt, ist gar kein Raps. Ein Meer von Löwenzahn breitet sich vor mir aus, Millionen kleiner Sonnen. Einfach schön! Weiter geht es durch kleine und große Dörfer. Kleine Dörfer wie Jegerup prägen Jütland, Dörfer, die sich um gedrungene weiße Kirchen mit mächtigen Kirchtürmen ducken und in denen der grobe Kies an den Straßenrändern, auf den Grundstückszufahrten und auf den Höfen sauber in lange, dicke Reihen geeggt wird. Große Dörfer wie Vojens mit ausufernden Randsiedlungen, die so geputzt, gestutzt, gradlinig, wohlgeordnet sind, dass man sich über einen Rasen freut, der dem Unkraut eine Chance lässt. Vor jedem dritten Haus weht der Danebrog, die Nationalflagge des Landes. Siedlungen, die glaubhaft machen, was mein Reiseführer behauptet: "Das Aufziehen nichtskandinavischer Nationalflaggen, z.B. an Ferienhäusern, ist verboten und wird von der Polizei verfolgt." (Dumont, Dänemark).


Genauso wohlstrukturiert und verlässlich zeigt sich meine Wegmarkierung des "Haervejen". Das kleine weiße Männchen auf blauem Grund habe ich schon fast liebgewonnen, wie es mir so penibel exakt und ohne jeglichen Zweifel aufkommen lassend, den Weg weist. Doch es ist nicht nur für mich alleine da, zumindest Mons hat ihn auch fest im Blick. Mons kommt mir kurz hinter Jegerup entgegen und wir lachen uns schon auf 20 m Entfernung an. Mons hat einen Pilgerstab in der Hand - und zieht ebenfalls einen Wheelie hinter sich her. Wie sich herausstellt, hat der 66-jährige Däne vor wenigen Tagen seinen Weg begonnen und will nach Rom. Auch er will - wie ich vor drei Jahren - einen Teil seines Weges auf der Via Francigena gehen, über Lausanne, am Genfer See entlang, über den St.-Bernhard-Pass, durchs Aostatal, über die Poebene, durch die Toskana. Ich schwärme ihm vor, was ihn erwartet und seine Augen strahlen. Er inspiziert ganz genau meinen Wheelie, fotografiert ihn, mit seiner einrädrigen Variante ist er nicht sehr zufrieden. Wir erzählen von unseren weiteren Plänen und Träumen ("Wir sind doch noch nicht alt!"), sprechen über das Alleinwandern und einiges andere mehr und merken kaum, wie die Zeit vergeht. Erst nach gut einer halben Stunde geben wir uns die Hand, wünschen uns ein "Bon Camino" und jeder zieht in seine Richtung weiter.


Etwa zwei Stunden später bin ich an der Pilgerherberge Ellegard. "Café Ellegard" steht auf einem Schild am Giebel des alten Stallgebäudes. Hinter dem Namen verbirgt sich eine lange Geschichte dieser Stätte als Gasthaus. Bekannt unter dem Namen Stursbol Kro fanden hier früher die Viehtreiber für die Nacht Unterkunft für sich und ihre Viehherden, Jahrhunderte lang, bis der Viehtrieb in den 1870er Jahren aufhörte. Heute ist der alte Heerweg-Krug von neuem Leben erfüllt. Seit mehr als 20 Jahren dient er als Musik-Café mit wöchentlichen Musikveranstaltungen während des Sommers - und als Heerweg-Herberge.


Doch auch hier gilt: Die Pilgersaison und damit auch die Herbergssaison beginnt erst im Juni. Auf mich ist man noch gar nicht so richtig vorbereitet, obwohl ich angemeldet bin. Zwar ist der Dachboden, auf dem die Herbergsbetten (ohne Decken! ) stehen, nicht kalt, dafür konnte die Sonne ihn heute schön aufheizen, aber sonst... Jede Menge toter Fliegen liegen auf den Matratzen, Mäuse müssen auch schon mal - mit Zwischenstopp - drübergehuscht sein, die sanitären Anlagen sind noch in der Verfassung, wie man sie beim letzten Saisonende belassen hat, die "Küche" in einem überdachten, aber ansonsten offenen Nebengebäude ist noch mit Herbstlaub und Spinnweben übersät und aus den Duschen kommt wegen eines früheren Frostschadens kein Tropfen Wasser. Von selbst versteht sich da, dass auch das Café heute (an einem sonnigen Sonntag!) nicht geöffnet hat. WAS IST DAS HIER FÜR EINE SCH...!!!




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Kommentare: 4
  • #1

    Die Pilgertochter (Montag, 08 Mai 2017 06:09)

    Eieiei... ich wünsche, wohl geruht zu haben!

  • #2

    Lore (Montag, 08 Mai 2017 08:57)

    Mons, if you read this, I, too, wish you: "Buen Camino"!
    Lore, Germany

  • #3

    Renate Z. (Montag, 08 Mai 2017 19:04)

    Ohje.
    Das klingt nicht gut....
    Hoffentlich hast du dir nicht den Popo abgefroren und
    Pickel gekriegt vom Ekel.
    LG
    Renate

  • #4

    Der Kronprinz (Dienstag, 09 Mai 2017 13:11)

    Auweia!! Ich hoffe, du hast für diese "Unterkunft" nix bezahlt...!?