Geht doch!

Da ist er schon wieder! Kaum mache ich die Augen auf, höre ich den Wind schon wieder ums Haus pfeifen. Als ich vom Speicherschlafsaal die Gittertreppe zum Waschraum hinuntersteige, scheint aber die Sonne - noch. Dicke Wolken treibt der Wind über mich hinweg. Dass ich im Unterhemd etwas fröstle, liegt wohl an dem Temperatursturz, der sich vollzogen hat. Das sind mindestens zehn Grad weniger als gestern! Egal, Hauptsache es regnet nicht!


Direkt hinter der Herberge Ellegard, die sich jetzt mal so langsam auf Pilger einrichten sollte, beginnt die Stursbol Plantage, eine der ersten Forste Dänemarks, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf einer Heide angelegt wurden. Doch Heide war auch nicht immer hier. Im Mittelalter gab es einen riesigen Wald, der sich der Überlieferung nach meilenweit von der einen Seite Jütlands bis zur anderen erstreckte. Über Jahrhunderte hinweg haben der Holzraubbau für den Haus- und Schiffsbau und zu Heizzwecken dann zur Entwicklung einer ebenso großen Heidefläche geführt, auf der nur kleine Waldstücke übrigblieben. Durch Aufforstungen versuchte man im 19. Jahrhundert dieser Entwicklung zu begegnen. 


Durch die heutige Stursbol Plantage ist man auf Verzweigungen des Ochsenweges bzw. Heerweges unterwegs. Da die Plantage auf einem Höhenrücken liegt, der eine Wasserscheide bildet und der Hauptstillstandslinie der letzten Eiszeit entspricht, auf der man daher nur wenige Wasserläufe überqueren muss, ist der Weg wahrscheinlich seit Jahrtausenden von Reisenden benutzt worden. 


Auf Pfaden und Radwegen durchquere ich den Forst in gehörigem Tempo, die beste Möglichkeit, den - gegenüber gestern - kräftig gesunkenen Temperaturen entgegenzuwirken. Das gelingt mir eigentlich ganz gut, nur dieser lästige Gegenwind (er kommt wieder mal aus Nord) nervt gewaltig. Doch ich sollte mich nicht beschweren. Die dicken Wolken verziehen sich immer mehr und irgendwann ist der Himmel durchgehend blau.


Kurz hinter dem großen Forst komme ich nach Jels. Proviantierung ist angesagt und netterweise liegt ein kleiner Supermarkt auf der Strecke. Es ist ja immer solch eine Sache. Ich darf nicht zu wenig einkaufen, aber auch nicht zu viel. Immer muss ich abchecken: Wo ist eventuell der nächste Laden? Hat die nächste Herberge Proviant vorrätig? Zu viel mit sich rumschleppen ist erstens blöd und zweitens eine Frage der Haltbarkeit. Also landen ein Paket Brot, ein dicker Kanten Käse, eine Prinzenrolle und eine Nuss-Schokolade im Rucksack und - nicht zu vergessen - eine kleine Packung Teebeutel. Heißes Wasser ist ja eine Variante, aber auch nicht meine erste Wahl. Hiermit komme ich erstmal zwei Tage weiter!


In Deutschland hätte ich mich jetzt fast darauf verlassen können, dass in einem Ort in der Größenordnung von Jels ein Backstuben-Café vorbeikommt. Die Dänen scheinen da anders drauf zu sein. Auf meinem Weg die Hauptstraße durch Jels entlang, finde ich keine von diesen netten Einrichtungen, noch nichtmal eine ganz normale Bäckerei, so für den kleinen (süßen) Hunger zwischendurch. Also weiter! Mit dem Grenzübertritt hat sowieso ein anderes Pilgerzeitalter begonnen, was ich übrigens - trotz allem - genieße. So komme ich schon kurz hinter Jels in einen nächsten Forst - nein, falsch, nicht in einen Forst, sondern in einen richtigen, natürlichen Wald, den Skodborg Skov. Merke: Plantage gleich Forst, Skov gleich Wald!
Wenn's auch nicht oft vorkommt, aber immer wieder treffe ich auf naturbelassenes Land. Zwischen all dem Bauernland, den Plantagen, den Dörfern und Siedlungen schmuggelt sich schon mal ein Stück Landschaft, das wohl vergessen wurde. Manchmal bin ich auf Naturpfaden in Trockenmooren unterwegs, durchwandere Wälder, die nicht nur der Weihnachtsbaumzucht dienen, überquere Bäche und Rinnsale, die nicht schon auf dem ersten Blick nur die Felder be- und entwässern. Es ist eine willkommene Abwechslung zwischen all den unendlichen Ackerwegen, "unter Schutz stehenden" Kieswegen, Radwegen und langen Zufahrten zu einsam gelegenen Höfen. Dass sich schon mal ein paar Kilometer Trampelpfad dazwischenschieben, verbuche ich als Bonus. Wenn ich dann in solch einem Wald am Rand eines solchen Trampelpfades eine dieser immer wiederkehrenden Pilgerhütten auffinde, wo ich im Rahmen einer windgeschützten, ja sogar sonnigen Rast die erste Hälfte meiner Prinzenrolle verdrücken kann, ist für mich die Welt doch in Ordnung.


Skodborg lasse ich im wahrsten Sinne des Wortes links liegen, denn mit einem Backstuben-Café ist ja doch nicht zu rechnen. So strebe ich zügig der Kongea (Königsau) zu. Dieser Fluss war in früheren Zeiten ein ernsthaftes Hindernis, hatte sich doch der Flusslauf mitten im 2-3 km breiten Tal mitten in den Talboden eingegraben und war für Händler, Pilger und Kriegstruppen nur schwer zu überqueren. Jahrhunderte lang bildete die Kongea zudem die sichtbare Grenze zwischen dem Königreich Dänemark und dem Herzogtum Schleswig-Holstein. Seitdem haben Zoll- und Landesgrenzen in verschiedenen historischen Epochen die Passage weiter erschwert. 


Auf den gemächlich dahinfließenden Fluss, der der Nordsee zustrebt, stoße ich an der Knagmolle, einer der pittoresken Wassermühlen an der Kongea. Ihr Name stammt wahrscheinlich von dem alten dänischen Wort für Knochen und deutet darauf hin, dass die Mühle von 1830 bis 1856 eine Knochenmühle war, also eine Stampfmühle, die die Knochen toter Tiere zermahlte, so dass sie als Futter für Schweine und Hühner dienen konnten. Auch so eine Art von Recycling...


Von der Knochenmühle an vollführe ich nun einen ordentlichen Schwenk von nord- in südwestliche Richtung immer am Rand der Flusssenke entlang. Schön ist es hier: Schilfrohr wächst an den Uferrändern, Enten tummeln sich und Kühe steigen schon mal mit den Vorderhufen ins Wasser, um zu saufen. Kaum vorstellbar, dass dies hier mal ein streng bewachter Grenzfluss war, an dem der Schmuggel Hochkonjunktur hatte.
Ich habe nur noch wenige Meter bis zu meiner nächsten Pilgerherberge Kongean und ich schicke ein paar Stoßgebete gen Himmel, dass ich es diesmal etwas besser antreffe als die letzten Male. Der erste Eindruck ist positiv. Das ehemalige Stallgebäude neben dem kleineren Wohnhaus ist kleiner als bei den letzten Herbergen. Also kann der Schlafsaal auch nicht so groß sein. Auf der kleinen Wiese vor dem Eingang blüht der Löwenzahn und unter einer Pergola stehen zwei hölzerne Sitzgruppen. Sieht ansprechend aus. Als sich mir am Wohnhaus auf mein Klingeln hin nicht die Tür öffnet, gehe ich ohne Einweisung durch die zu öffnende Herbergstür. Blitzschnell scanne ich das, was ich im ersten Moment sehe, und mein Herz macht einen kleinen Freudensprung. Zunächst mal empfinde ich - Wärme! Dann hervorragende Sauberkeit! Überall! Zunächst im Küchenbereich: Kaffeemaschine, Wasserkocher mit Kaffeepulver und Teebeuteln, Kühlschrank mit einem gewissen Kaltgetränkevorrat, Tiefkühltruhe mit diverser Tiefkühlkost nebst Mikrowelle, ein kleines Radio und in der Sitzecke eine verpackte Gitarre. Im Schlafraum abgetrennte Bereiche mit jeweils zwei Stockbetten, teilweise mit Vorhängen noch für die "Intimsphäre" abtrennbar, an jedem Stockbett eine Bettlampe, die Matratzen absolut sauber, fast wie neu, Decken liegen zusätzlich bereit. Der Sanitärbereich ebenfalls hygienisch absolut rein. Pilger, was willst du mehr?
Ich schwelge nun für die nächsten Stunden in meinem schönen Pilgerleben, koche mir zwei Mal Kaffee, aale mich unter dem heißen Strahl der Dusche, mache ein kleines Nickerchen, koche mir noch einen Kaffee, wasche meine inzwischen etwas streng riechenden Wanderklamotten und hänge sie draußen auf eine Wäschespinne in die Sonne, beginne zu schreiben, bereite mir in der Mikrowelle ein köstliches Mahl (zu der mir der inzwischen nach Hause gekommene Betreiber der Herberge einen bunten Strauß Tulpen in einer kleinen Vase auf den Tisch stellt) und trinke mir ein Bier dazu, schreibe weiter und trinke mir einen Tee dazu und singe zum Tagesabschluss vor einem unsichtbaren Publikum mit gekonnter Gitarrenbegleitung das schöne Lied von Hannes Wader "Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort, hab mich niemals deswegen beklagt..." - Noch Fragen?




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Kommentare: 4
  • #1

    Die Pilgertochter (Dienstag, 09 Mai 2017 03:30)

    Na, so lässt es sich doch leben! Hoffentlich hast du noch öfter so ein Glück!

  • #2

    Renate Z. (Dienstag, 09 Mai 2017 12:49)

    lalalalala....
    Ich wünsche dir noch viel mehr solcher Herbergen !!
    Liebe Grüße

  • #3

    Der Kronprinz (Dienstag, 09 Mai 2017 17:25)

    Na also, geht doch!

  • #4

    Niels (Dienstag, 09 Mai 2017 21:56)

    :-)