Ja, diese Wanderführer

36 km stehen auf meìner Streckenaufzeichnung. Stolze Leistung, oder? Nix "stolze Leistung", davon sind 16 km abzuziehen, die ich mit dem Bus gefahren bin. (Schäääm!) Der Herbergsbetreiber von Kongean hat es mir aber gestern Abend schon dringend empfohlen. "Du hast noch einen weiten Ritt vor dir. Schone deine Energien! Fahre von Vejen bis Baekke mit dem Bus, sonst läufst du die ganze Zeit durch wenig interessante Gegend an einer viel befahrenen Straße entlang. Außerdem soll es heute Nachmittag einige heftige Schauer geben." Die geplante Strecke wäre 30 km lang gewesen, davon 16 an einer Straße entlang? Bei Regen? Eventuell vollgespritzt von vorbeifahrenden Autos? Durchnässte Schuhe am Abend, die vielleicht bis morgen nicht trocken werden? Dicke Waden und Oberschenkel durch die immer gleichen schnellen Schritte auf Asphalt? Ich rate mir, jetzt mal kein schlechtes Gewissen zu haben und akzeptiere diese kleine Schummelei. Wie gesagt, die Pilger damals haben auch mal einen Ochsenkarren genutzt, wenn er ihnen angeboten wurde. Außerdem bleiben immer noch 20 km auf eigenen Füßen.


In wachen Minuten in der Nacht sehe ich einen dicken Vollmond durch mein Fenster scheinen. Es ist eine sternenklare Nacht und ich vermute, die Temperaturen gehen wieder ganz schön in den Keller. Ich merke das auch schon unter meinen zwei dünnen Decken und ziehe mir schnell meine Klamotten an. 


In der Tat ist der große Raum der Herberge am Morgen recht ausgekühlt, da lobe ich mir dann meinen heißen Kaffee. Fast etwas wehmütig verlasse ich um kurz vor 9 Uhr die Herberge, war sie doch die erste mit einem rundum Wohlfühlcharakter, was Raumklima und Sauberkeit anbetrifft. Mal sehen, was noch kommt. 


Noch scheint die Sonne, aber aus Nordwesten ziehen dicke Wolkenbänke heran. Eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann es regnen wird. Am besten wären doch die 20 Minuten, während ich im Bus sitze. Aber bis zur Busstation in Vejen sind es noch neun Kilometer. Einen von diesen habe ich gerade hinter mich gebracht, da taucht vor mir schon die "Freiheitsbrücke" über die Kongea auf, nahe dem kleinen Dorf Kobenhoved. Von 1864 bis 1929 lag Kobenhoved auf deutschem Hoheitsgebiet und der Fluss bildete zu dieser Zeit die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Damals führte eine Holzbrücke über den Fluss. An der Südseite hatten die deutschen Gendarmen ihr kleines Schilderhaus. Der Landwirt Kloppenborg aus Kobenhoved, dessen Herz kräftig für Dänemark, das Land seiner Väter, schlug, besaß auch Land jenseits des Flusses und konnte zu dessen Bewirtschaftung immer problemlos auf die andere Seite. Da er es aber nie lassen konnte, die deutsche Obrigkeit zu provozieren, fürchtete er irgendwann Repressalien und baute sich deshalb gleich nördlich des Flusses ein kleines solides Steinhaus, das er "Friheden" (Freiheit) nannte. Er konnte dann immer über die Brücke in die "Freiheit" gehen und dort den Danebrog hissen - sehr zum Ärger der deutschen Gendarmen. Die Brücke erhielt nach dieser Geschichte den Namen "Freiheitsbrücke" und ist in den rot-weißen Farben des Danebrogs gestrichen. Viele Nordschleswiger waren sowieso sehr kreativ darin, ihre Verbundenheit mit Dänemark zum Ausdruck zu bringen. Häuser mit weißem Kalkputz und roten Dachpfannen oder rot-weißer Blumenschmuck in den Gärten gehörte damals noch mehr zur Normalität als heute. Viele Nordschleswiger (oder Südjütländer) flohen während dieser Zeit hinüber nach Dänemark und andere kämpften inbrünstig für ihre nationalen Rechte und Identität.


Vielen dieser Persönlichkeiten ist nicht weit von der Freiheitsbrücke ein Denkmal gesetzt worden. In einem alten Eichengehölz am steilen Talhang der Kongea liegt der heutige Gedenkpark Skibelund Krat, der an den jahrelangen Einsatz für die Wiedervereinigung Nordschleswigs mit dem dänischen Reich erinnert. Von hier aus konnte man über die Kongea in das "verlorene Land" schauen. 152 Jahre ist es jetzt her, dass hier die erste Rede zum Verfassungstag gehalten wurde. 1865 als Versammlungs- und Festplatz nach dem Verlust Nordschleswigs angelegt, ist dieser Ort heute von Denkmälern für dänische Persönlichkeiten umgeben, die in Wort und Tat für die Wiedervereinigung gekämpft haben, darunter an der Seite ihres Mannes auch eine Charlotte Wagner. Verwandtschaftliche Beziehungen sind mir aber nicht bekannt.


Immer wenn ich solche Abschnitte über den geschichtlichen Hintergrund meiner Streckenabschnitte niederschreibe, frage ich mich manchmal: Wer will das überhaupt wissen? Zunächst für mich die klare Antwort: Ich! Ich bin daran interessiert, in welchem Kontext ich mich bewege. Wer daran kein Interesse hat, kann ja schnell darüber hinweglesen. Keiner glaube, ich wäre die wandelnde Enzyklopädie auf zwei Beinen. Alles was ich hier an geschichtlichen Informationen zum Besten gebe, entspringt nur zum geringsten Teil einem bereits bestehenden Wissen. Während meiner Vorbereitungen zu Hause und auf vielen sehr informativen Info-Tafeln am Weg habe ich diese Kenntnisse gesammelt und versuche sie einigermaßen verständlich für mich und andere niederzuschreiben.


Ein wenig erinnert mich das auch an meine Tätigkeit als Wanderführer meiner kleinen Wandergruppe zu Hause, die sich mir nun schon seit über 30 Jahren immer wieder anvertraut. Überhaupt ist es ja schon erstaunlich, dass es in Deutschland noch Wander-FÜHRER gibt, denn der Begriff des FÜHRERS ist ja in Deutschland schon seit über 70 Jahren sprachlich erheblich kontaminiert. Konsequenterweise nennt man daher in den neuen Bundesländern den Menschen, der eine Wandertruppe anführt: Wanderleiter. 


Nun gibt es unterschiedliche Arten von Wanderführern (und Wanderleitern): Die anstrengendsten sind die extrem Mitteilungsbedürftigen. Man hat oft den Eindruck, dass diese Wanderführer eigentlich gar nicht wandern wollen, sondern die ganze Unternehmung als Volkshochschul-Kurs im Freien begreifen. Alle 200 m bleiben sie stehen und erzählen spannende historische Einzelheiten vom spanischen Erbfolgekrieg bis zu Horst dem Halslosen. Auch über Flora und Fauna wissen diese Burschen einiges zu erzählen. Und sollte der lila-grün gestreifte Froschsalamander sich gerade verstecken, haben diese Wanderführer mit Sicherheit eine laminierte Fotografie des kleinen Schleichers in ihrem Rucksack. Manchmal kann man sie gut ertragen, wenn sie bemüht sind, die Truppe bei guter Laune zu halten, weil sie süffige Wanderanekdoten zu erzählen haben. Hauptsache, sie bleiben nicht so oft stehen und verteilen ihre heißen Infos über Wegekreuze, Waldkäuze und den stinkenden Nieswurz in homöopathischen Dosierungen. Vielleicht braucht man auch bald gar keine Wanderführer mehr, denn Premium- und Qualitätswege machen jeden Wanderer durch unverlaufbare Markierungen und Info-Tafeln autonomer. Ich merke das hier in Dänemark jeden Tag mehr.


Meine Geschwindigkeitseinschätzung ist perfekt: Zehn Minuten, bevor die Linie 138 abfährt, bin ich am Busbahnhof. Der Bus selbst fährt jetzt nicht genau die Strecke, die ich an der Straße entlanggelaufen wäre, sondern bedient auch noch zwei abseits liegende kleinere Dörfer, aber ich merke schon, dass ich nicht viel verpasse. Nur der erwartete Regen fällt in dieser Zeit auch nicht. 


Doch während sich bis Baekke das Wetter bisher ganz gut gehalten hat, wird es nun immer dunkler. Um mich herum gehen bereits deutlich sichtbar Schauer runter und ich warte nur darauf, dass es mich trifft. Die Strecke führt mich weiter nach Klebaek Hoje, eines der interessantesten vorzeitlichen Denkmäler. Vor etwa 3000 Jahren (jetzt fange ich schon wieder mit der Historie an!) wurden hier während der Bronzezeit zwei aus Torf gebaute Grabhügel errichtet, die später während der Wikingerzeit mit einer 45 m langen Schiffssetzung aus großen Steinen erweitert wurde. Ein örtlicher Adeliger hatte das Monument zum Gedenken an seine verstorbene Mutter Vibrog errichten lassen. Der Inschrift auf dem Runenstein am Steven der Schiffssetzung zufolge hieß er Ravnunge-Tue. Wäre doch auch mal ein Name für einen meiner noch zukünftigen Enkelsöhne.


Einige hundert Meter nach dem historischen Monument überholt mich eine Gruppe von älteren Radlern. Während alle anderen weiterfahren, halten zwei von ihnen - genau wie ich - an einem immensen Findlingsstein, der neben dem Weg liegt. 50 Tonnen soll der Hamborggardstein schwer sein, von den schwedischen Alandinseln stammen und vor 15.000 Jahren mit dem Eis hergekommen sein. Gewaltig! Der Sage nach war König Harald Blauzahn dabei, den Stein nach Jelling zu schleppen, als ihm mitgeteilt wurde, dass sein Sohn Svend Tveskaeg Aufruhr gegen ihn machte und er ihn deshalb hier hat liegen lassen, um sich schnell pädagogischen Maßnahmen zu widmen. 


Genau wie ich sind Vigo und Uwe, die beiden Radler, schwer beeindruckt von diesem Monstrum. Nach dem bekannten Woher und Wohin zückt Uwe seinen Fotoapparat - und will nicht etwa den Findling ablichten, sondern mich. Nach ihrem Ruhestand vor 15 Jahren unternähmen er und seine Freunde jedes Jahr eine einwöchige Radtour, und keiner würde bisher aus dem Kreis fehlen. Keiner von der Truppe ist unter 75 Jahre alt, Vigo hat sogar zwei Gehhilfen an seiner rechten Satteltasche festgebunden. "Vielleicht treffen wir uns nächstes Jahr am Nordkap", meint Uwe lachend, "das machen wir aber nicht mit den Rädern, sondern mit vier Autos." Sprachs, schwang sich auf seinen Sattel umd radelte mit Vigo davon.


Zwei Kilometer vor der Unterkunft dann der Regen, nein, ein Regenschauer, aber ein kräftiger. Und welch ein Glück... , war wiedermal Jakobus im Spiel? Oder ist das hier schon der Zuständigkeitsbereich vom Hl. Olav? Oder war es gar Michelles Delfin-Talismananhänger an meinem Rucksack? Wie dem auch sei, genau in dem Moment, als es losgeht, komme ich an einem kleinen Haus mit großem Carport vorbei, der mich zum Unterstellen nahezu einlädt. Während der Regen keine drei Meter von mir auf den Asphalt prasselt, stehe ich im Trockenen und brauche nur auf das absehbare Ende zu warten.


Tatsächlich ist nach fünfzehn Minuten alles vorbei und die letzten 500 m bis zur Herberge laufe ich mit der Sonne im Rücken. In der Olgard Herberge ist niemand, wie gestern in Kongean auch. Doch die Tür ist auf und ich kann hinein. Scannen: Ja, es ist warm. Ja, es ist sauber. Ja, es ist gemütlich. Treffer! Im Aufenthaltsbereich gibt es sogar dicke Ledersofas, einen Billardtisch und einen Kicker. Aber: Die Kühlschränke sind voll mit Lebensmitteln, d.h. hier wohnt schon jemand. Den Flur entlang treffe ich auf Zimmertüren. Ich klopfe an ihnen der Reihe nach. Alle sind verschlossen - bis auf eine. Dahinter ein Doppelbett mit komplettem Bettzeug, Kommode und ein kleiner Fernseher. Ich bin wieder mal baff. Offenbar habe ich eine Glückssträhne. Ich dusche, mache mich für eine Weile im weichen Bett lang - dann Stimmen im Flur, Männer, die sich laut und fröhlich unterhalten. Deutsche Stimmen! Ich gehe raus, die Männer wundern sich, wer da aus dem noch freien Zimmer kommt. Arbeiter sind es, die in der Nähe Fundamente für Windräder bauen. Jetzt haben sie Feierabend, noch was Deftiges zu essen kochen, eine Runde Billard spielen, Glotze an, dann ins Bett. Um 22 Uhr ist alles ruhig. Morgen früh ist wahrscheinlich auch für mich um sechs Uhr die Nacht rum.



Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Mittwoch, 10 Mai 2017 08:46)

    Wir, zwei von der "kleinen Wandergruppe", nennen unseren Wanderführer den "Wander-Reinhard". Unter dieser Bezeichnung ist er in unserem Bekanntenkreis ein Begriff.

    Hi Reinhard,
    auch ich hab diese Nacht in den Vollmond geguckt, vielleicht zur gleichen Zeit wie Du?
    Liebe Grüße
    Lore

  • #2

    Helmut (Mittwoch, 10 Mai 2017 11:29)

    Hallo Reinhard, schön dass es Dir gut geht - so soll es bleiben. Auch wenn Du für deinen nächsten Enkelsohn einen fast unaussprechlichen Namen vorschlägst. Sollte ich wieder "der andere Opa" sein, werde ich mich mit allen mir verfügbaren Mitteln dagegen stemmen! Außerdem ist Dein Tagesbericht heute sehr spät ins Netz gestellt worden, so dass die Pilgertochter sich die Nacht anders als mit einem Kommentar beschäftigen musste. Hoffentlich ist ihr da etwas eingefallen. Bitte zukünftig etwas mehr Rücksicht auf die Kinder nehmen! Viele Grüße von Helmut

  • #3

    Niels (Donnerstag, 11 Mai 2017 07:25)

    "... Der Landwirt Kloppenborg aus Kobenhoved..." Warum muss ich da an Loriot denken?! :-D