Von Harald Blauzahn zu Bluetooth

Die Jungs, die die Fundamente für die Windräder in der Nähe bauen, sind schon weg, als ich aufstehe. Sie haben gestern Abend wohl auch noch die Berge von Geschirr gespült, das sie dreckig gemacht haben. Alle Achtung! Der Blick aus dem Fenster ist etwas ernüchternd: Es regnet. Auch wenn es heute nicht gerade eine kurze Strecke sein wird, zögere ich den Start etwas hinaus - und habe Glück. Als ich mich nun doch entschließe, mich vor meinen Wheelie spannen zu müssen, hat der Regen aufgehört. Für den Moment jedenfalls, mal sehen, ob das heute einigermaßen gutgeht.


Ich verlasse den alten Heerwegkrug, denn nichts anderes war das Gebäude der jetzigen Pilgerherberge mal, und setze mich am Straßenrand in Bewegung. Ich habe heute die Wahl: Entweder die Wanderroute durch das Tal der Vejle A oder die Radroute, die dem historischen Verlauf des Heerwegs über die Höhen folgt. Die Wanderroute würde wahrscheinlich wieder viel "geschützte" Kieswege mit sich führen und außerdem wäre früher nie ein Pilger durch die feuchten Flusstäler gezogen. Die Radroute wird wohl ziemlich durchgängig Asphalt bedeuten, aber sie ist auch fast fünf Kilometer kürzer. Damit ist die Entscheidung klar: Ich nehme die Rad-Variante. 


Und es läuft sich prima! Der Verkehr hält sich sehr in Grenzen und der Wheelie rollt. Ab und zu lugt die Sonne zwischen dicken, dunklen Wolken hindurch und will mir wohl begreiflich machen, dass sie auch heute ihr Bestes zu geben bereit ist, um Regen von mir fernzuhalten. Aber die Luft ist feucht, Wasserdampf weht mich an, vor allem dann, wenn mir ein LKW begegnet. Meinem Teint kann das aber nur guttun. Meinem Kronprinzen traue ich zu, dass er in dem Moment, wo er dies liest, schon wieder spöttisch die Mundwinkel verzieht und mir am liebsten den Kommentar schicken würde: "Meinst du, dass das in deinem Fall noch hilft?" 


Jedenfalls tue ich was für meine Gesundheit, denn ich bin überzeugt: Wandern verlängert das Leben. Die Frage ist ja nur, um wie viele Jahre? Dann hätte man eine größere Planungssicherheit und könnte auch schon mal den Verwandten sagen, welche Zeitspanne sie sich für den Leichenschmaus freihalten sollen. Ich weiß auch, dass Wandern gut für den Kreislauf, für die Gelenke und für die Freisetzung von Glückshormonen ist. Inzwischen ist mir aber auch bekannt, dass Wandern den Gleichgewichtssinn trainiert. Ich sollte mich direkt auf eine vakante Stelle als Hochseilartist bewerben.


Schneller als gedacht komme ich nach Randbol mit seiner kleinen Kirche, die umgeben ist von einem schönen Friedhof mit einer noch schöneren breiten Friedhofsmauer aus dicken Feldsteinen. Das Besondere an diesem Friedhof wiederum ist, dass innerhalb dieser Mauer, direkt neben der Kirche und mitten zwischen den Gräbern das Hünengrab von Kong (König) Rans Hoj steht, der größte Grabhügel der Umgebung. Und das will schon was heißen, denn Randbol ist eine der Gemeinden mit den meisten Grabhügeln in Dänemark. Allein auf den Feldern dicht beim Ort liegen heute noch 14 große Grabhügel, früher zählten noch 19 weitere dazu. Der Heerweg schlängelt sich noch heute zwischen den Hügeln hindurch. Der Sage nach enthält der Hügel hier die irdischen Reste des örtlichen Königs (ja, das geht auch) Ran, während seine Krieger angeblich alle auf die anderen in der Umgebung verteilt sind. 


Ich marschiere weiter auf der Straße dahin. Irgendwie bin ich heute außergewöhnlich gut drauf. Wie war das mit den Glückshormonen? Das scheint auch anzustecken. Viele Auto- und LKW-Fahrer hupen mich kurz an oder winken mir zu und ich hoffe, dass ich das richtig als Gruß interpretiere und die mich nicht von der Straße scheuchen wollen. Wie auf einer kleinen Achterbahn nimmt mich die Straße mit auf ein Auf und Ab und durch die Kurven, durch Wald, über die Felder, an Höfen vorbei. Die Kirchturmspitze von Norup taucht vor mir auf, dann rechts von mir, auf der anderen Seite des Engelsholm Sees, ein weißes Schloss. Kirche und Schloss stehen in Verbindung, das erfahre ich, als ich in der Kirche meine Pause mache. Jawohl, eine Kirche als Rastplatz. 


Als ich eintrete, geht ein leiser Pfiff zwischen meinen Zähnen hindurch. Direkt hinter der Kirchentür finde ich in einem Regal Broschüren mit der Beschreibung der Kirche, in Dänisch, Englisch und Deutsch. Naheliegenderweise greife ich mir das deutsche Exemplar. Eigentlich kostet es fünf Kronen, aber ich will doch nur mal reingucken. Ich lege es doch hinterher unzerknittert wieder zurück!


Achtung, jetzt kommt wieder der Wanderführer zum Vorschein! Auf den ersten Blick ist die Kirche von Norup eine normale romanische Kirche - allerdings mit Zwiebelturm. Von innen aber - und deshalb mein Pfiff - hat sie die am besten erhaltene Barockausstattung des Landes. Von 1586 bis 1935 gehörte sie zum naheliegenden Schloss Engelsholm und dessen adelige Besitzer haben in den Jahrhunderten der Kirche immer wieder ihren Stempel aufgedrückt. Vor allem in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts kam der Wandel zum Barock, wie der damalige Eigentümer von Engelsholm es wollte. Das rechteckige Schloss mit seinen vier Ecktürmen selbst wurde 1592 erbaut, ein Schloss in Burgund stand Pate. Seit der Umgestaltung von der Romanik ins Barock haben Kirche und Schloss die gleichen Zwiebeltürme. Adel findet man im Schloss nicht mehr, ganz im Gegenteil, heute ist es eine HeimVOLKShochschule.


Der Aufenthalt in der Kirche war genau zum richtigen Zeitpunkt. Als ich die Kirche wieder verlassen will (die Broschüre habe ich wieder zurückgelegt), regnet es draußen kräftig. Zehn Minuten stehe ich noch in der Kirchentür und schaue dem Friedhofsgärtner beim Wegrechen zu, dann kann ich mich wieder ohne Schirmaufspannen auf den Weg machen. Die nächsten Kilometer sind geprägt vom Rückwärtsschauen. Dicke dunkle Wolkenberge bauen sich immer wieder auf und treiben heran, ziehen dann aber an mir vorbei oder geben nur so wenig Regen frei, dass ich meinen Schirm nicht aufspannen muss. Dabei sprach gestern die Wettervorhersage von einem heutigen Dauerregen. Wieder mal Glück gehabt!


Ich komme nach Jelling. Zunächst nichts Besonderes: Kleinstadt, wenig Verkehr, Supermarkt, kleiner Bahnhof. Dann aber einer der Höhepunkte des Heerweges und UNESCO-Weltkulturerbe. Wir schreiben das Jahr 965 - der Wikingerkönig Harald Blauzahn entsagt den nordischen Göttern und bekennt sich zum christlichen Glauben. Dies lässt er in einen großen Runenstein meißeln, unweit des Steins, den sein Vater, Gorm der Alte, wenige Jahre zuvor aufgestellt hatte. König Gorm war der erste in einer ununterbrochenen Reihe von Regenten aus derselben Familie bis hin zu Königin Margrethe II. heute - ein Jahrtausend und 53 Regenten später. Auf dem Stein prahlt Harald damit, dass er Dänemark und Norwegen erobert und die Dänen christianisiert habe. "König Harald errichtet dieses Grabmal für Gorm, seinen Vater, und Thyra, seine Mutter; Harald, der ganz Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen zu Christen machte." Der Runenstein gilt als Taufschein Dänemarks. Ein etwas kleinerer Runenstein, den Gorm der Alte für Königin Thyra errichtet hatte, trägt die Inschrift: "König Gorm errichtete dieses Totenmal für seine Gattin Thyra, Dänemarks Zierde." Dies ist das älteste Zeugnis des Ländernamens und wird auch als "Geburtsurkunde Dänemarks" bezeichnet. Beide Runensteine sowie die Kirche liegen unmittelbar zwischen zwei Grabhügeln, die 10 m hoch sind und einen Durchmesser von 70 m haben. Im nördlichen Hügel befand sich eine hölzerne Grabkammer, die vermutlich von Harald Blauzahn für seinen Vater errichtet wurde und später in die christliche Kirche verlegt wurde. Die heutige Kirche ist ein romanischer Steinbau von ca. 1100, der über der Holzkirche Harald Blauzahns aus dem 10. Jh. gebaut wurde. Mit zu der Anlage gehörte eine enorme Schiffssetzung aus großen Steinen, bis zu 350 m lang. Umfasst wurde alles von einer Palisadenwand mit einer Seitenlänge von 360 x 360 m, deren Standort heute durch unzählige weiße Betonpfähle markiert ist. Ich bin beeindruckt! Wir stoßen übrigens täglich (zumindest die Jüngeren unter uns) auf die Geschichte der Jelling-Könige - wahrscheinlich ohne darüber nachzudenken. Die moderne Bluetooth-Technologie ist wirklich nach Harald Blauzahn benannt. Das Bluetooth-Logo ist aus den Runenzeichen für H und B, den Initialen des Wikingerkönigs, zusammengesetzt.


Meine Unterkunft, die Pilgerherberge Norrelide, liegt fast in Sichtweite. Hendryk begrüßt mich überaus freundlich. Schelmisch macht er mich mit beiden Unterkunftsmöglichkeiten bekannt: der eigentlichen Pilgerherberge (groß und kalt) und einer Apartment-Wohnung (nur doppelt so teuer, aber warm und gemütlich). Wie habe ich mich wohl entschieden?


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Kommentare: 3
  • #1

    Der kronprinz (Donnerstag, 11 Mai 2017 13:30)

    Meinst du, dass Wasserdampf in deinem Fall noch hilft?

  • #2

    Lore (Donnerstag, 11 Mai 2017 20:39)

    Du hast Dich für das Appartment entschieden!


  • #3

    Peter (Donnerstag, 11 Mai 2017 20:54)

    Dieter hätte sich mit Recht für die geheizte Stube entschieden,bei Dir bin ich mir
    nicht ganz sicher,da Du Dich ja noch einige Tage in Dänemark mit den Preisen rumschlagen musst.Aber ob es danach besser wird? Wir werden es sicher erfahren.
    Danke für die Berichte, Infos und Bilder.
    Peter