Kein Hüttenzauber!

Ich habe ja manchmal so einen gewissen Riecher. Manchmal nur - nicht immer - rufe ich am Abend zuvor oder am selben Morgen bei meiner nächsten Unterkunft an, ob sie mich nach meiner lang zurückliegenden Anmeldung noch auf dem Schirm haben. Bei den Hütten in Kollemorten ging es mir eigentlich hauptsächlich darum, ob man in meiner Hütte nicht am frühen Nachmittag schon mal den Heizer anwerfen kann, damit mich bei meiner Ankunft direkt heimelige Wärme umfängt. Ich rufe also an. Nach zehnmaligem Läuten meldet sich eine sehr müde oder auch vom Alkohol vernebelte Stimme. Ich werde meine Frage los... Schweigen! - Halloooo? Ich frage nochmal. Die Stimme sagt etwas von "... no longer in business...", wiederholt das auf meine Nachfrage drei Mal - und legt auf. Peng! Ich habe für die kommende Nacht keine Unterkunft! 


Jetzt immer ruhig bleiben! Ähnliches hatte ich schon öfter, alles wird sich fügen. Kollemorten, mein Ziel für heute, liegt ganz günstig an einer Straße, die den kleinen Ort mit Jelling verbindet, also müssen auch Busse fahren. Bevor ich das kläre, muss ich Hendryk fragen, ob ich noch eine weitere Nacht hierbleiben kann. Gesagt, getan! Eine weitere Nacht hier ist kein Problem und er sucht mir auch an seinem PC die Busverbindungen raus. Innerhalb einer Viertelstunde weiß ich, wann und wie ich heute Nachmittag von Kollemorten wieder zurück nach Jelling und morgen früh auch wieder hin nach Kollemorten komme. Ist doch alles ganz einfach. D.h., mein Wheelie hat heute mal wieder einen Ruhetag, tut ihm auch gut.


Ich kann in aller Ruhe frühstücken. Da ich gestern dazu nicht mehr die rechte Lust hatte, möchte ich mir heute Morgen nochmal das Gelände des UNESCO-Weltkulturerbes ansehen, inkl. der Kirche und des großen Dokumentationszentrums "Kongernes Jelling", wo ich noch mehr über die Wikinger im Allgemeinen und Harald Blauzahn im Speziellen erfahren werde. Auch wenn ich erst um die Mittagszeit aus Jelling wegkomme, kein Problem, die geplanten 17 km bis Kollemorten habe ich in gut drei Stunden "abgerissen" und um 16.02 Uhr fährt von dort erst mein Bus zurück. Ich könnte also sogar trödeln.


Die Geschichte von König Gorm und Harald Blauzahn, dem Paten der Bluetooth-Technologie, habe ich gestern bereits erzählt, und doch bin ich beeindruckt, als ich mich gemächlichen Schrittes durch die Anlage bewege. Die Ausmaße innerhalb des ehemaligen Palisadenareals, jetzt durch die weißen Betonpfosten nachempfunden, sind gewaltig. Die Kirche, an der Stelle des ehemaligen Königsaals Haralds und errichtet über der wahrscheinlichen Grabkammer König Gorms, wirkt nahezu eingezwängt zwischen den beiden mächtigen Grabhügeln. Am Rand zweier ehemaliger Palisadenwände blickt man auf zwei weiße Steinplattenflächen, jede von der Größe mindestens dreier Tennisplätze. Hier standen die sog. Trelleborghäuser, in denen Harald seine Krieger einquartiert hatte. Im Schutz der Palisaden waren sie zum einen nicht so leicht anzugreifen und bei einem Angriff von außen waren die Krieger sofort an der richtigen Stelle. Auch der durch Platten markierte Umriss der Steinsetzung ist mehr als beeindruckend. Aber bisher ist immer noch unklar, warum Harald diese Riesenanlage in Jelling baute. Geschah dies nur zur Demonstration seiner Macht oder gab es andere Gründe, Gorm und die pompöse Begräbnisstätte so hervorzuheben? War Jelling der Ort, an dem sich die mächtigsten Fürsten des Landes trafen oder wo die Königsmacht auf Gorm und Harald übertragen wurde? Noch weiß man nicht alles über Jelling zur Wikingerzeit und die Beweggründe zu seiner Entstehung, aber es ist die größte Anlage, die aus der Blütezeit des Wikingerzeitalters im Land bekannt ist.


Exakt zum Ende meines Rundgangs auf dem Außengelände öffnet um 10 Uhr das Dokumentationszentrum "Kongernes Jelling". Die Öffnungszeit kannten wahrscheinlich auch die Pädagogen, die genau um diese Zeit mit ihren zwei Schulklassen im letzten Grundschulalter um die Ecke biegen. Sagen wir mal so: Ich war ja selbst lange genug in diesem Geschäft tätig und habe keine Probleme, zusammen mit einer Horde von Kindern eine Art von Museum zu besuchen. Während andere Erwachsene, die im Laufe der Zeit ebenfalls dazukamen, manchmal - gelinde gesagt - etwas pikiert um sich blicken, macht mir die Begeisterungsfähigkeit der Kleinen richtig Freude. Die meisten Mädchen füllen pflichtbewusst und fleißig die vom Pädagogen ausgearbeiteten Aufgabenzettel aus und die Jungen wissen bei der erlebten Reizüberflutung - schließlich handelt hier ja alles von ihren kampferprobten Vorfahren - überhaupt nicht wohin mit ihrer Energie. In der meisten Zeit ihres Aufenthaltes sind sie Wikinger, die rennen, fechten und schreien. Genau etwas ansehen und aufschreiben, vielleicht sogar mal etwas länger, ist Frauensache!


Zwischen all dem kann ich noch alles aufnehmen: Darstellungen zur Historie, zum Alltagsleben der Wikinger, zur Mythologie, zum Weg nach Walhalla, zur Archäologie am Ort Jelling. Ich bin ein Stück schlauer geworden - und das ohne Eintritt!


Am Jelling Kro vorbei verlasse ich Jelling. Natürlich besitzt auch Jelling seit Alters her einen Heerweg-Krug. Acht Kilometer später, wieder direkt am Heerweg, der Harreso Kro. So viele gab es schon vorher und viele sind es, die noch kommen. 1283 bereits befahl König Erik Glipping, an den Königsstraßen - und eine solche war der Heerweg natürlich auch - und Fährüberfahrten Gasthöfe anzulegen, die die Könige bei ihren Reisen benutzen konnten. Paradoxerweise wurde er in einer Scheune ermordet, in der er übernachten musste, weil kein Gasthof in der Nähe war. Gute hundert Jahre später bestimmte Königin Margrethe, dass an den wichtigen Straßen alle 4 Meilen (ca. 30 km) ein Gasthof anzulegen sei. 1522, als der Viehtrieb immer größere Ausmaße annahm, wurde dies auf 2 Meilen geändert. Entlang dem Heerweg scheinen die Vorschriften eingehalten worden zu sein - wohl, weil die Kundengrundlage hier besonders groß war. Der Lohn des Krügers für die Aufnahme der Reisenden war zunächst die Erlaubnis zum Branntweinbrennen, Bierbrauen und Brotbacken - um es im Haus oder außer Hauses zu verkaufen. Außerdem war er von gewissen Verpflichtungen befreit, darunter auch die Einquartierung von Soldaten. Inzwischen gibt es viele der alten Kros nicht mehr, manche dienen aber immer noch demselben Zweck. Nur Könige kommen selten mehr vorbei...


Am Harreso Kro mache ich eine Rast. Der Kro selbst ist noch geschlossen, aber eine Bank steht hinter dem Haus. Mindestens einer der früheren Viehtreiber musste wohl auch immer die Ochsen in ihren Pferchen bewachen, wenn die Kollegen abends nach einer langen Tagestrift dem Branntwein zusprachen. Vielleicht hat er hier ganz in der Nähe gesessen. Ich versuche, mir das auszumalen.


Auf dem weiteren Weg treffe ich immer wieder auf mehr oder weniger große Grabhügel, mitten in umgepflügten Feldern oder auf Kuhweiden stehend. Und dabei ist das nur noch ein Bruchteil von denen, die es ursprünglich mal gegeben hat. Wer hat diese alle eingeebnet und warum? Zum Abbau der verwendeten Torfschichten und Feldsteine, die man zum Bau eigener fester Gebäude nutzen konnte? Hoffnung auf Grabfunde, die man zu Geld machen konnte? Waren sie dem Bauern einfach nur im Weg und wurden "untergepflügt"? Oder einfach nur Missachtung dieser heidnischen Kultur, der man christliche Begräbnisrituale vorhalten wollte?


Ein paar Kilometer vor dem Tagesziel habe ich dann Kontakt zu einer Übernachtungsmöglichkeit, die ich bisher noch nicht ausprobiert habe. Auf einer kleinen Wiese stehen zwei neu gebaute kleine Shelter aus Holz, niedrige Schutzhütten, in denen man nicht stehen kann, sondern nur liegen, bestenfalls sitzen. Wer preiswert, sprich: umsonst, übernachten möchte, kann das hier tun. Matratze auf dem breiten Holzboden ausrollen, Schlafsack drauf, reinschlüpfen, pennen. Am Busen der Natur und trotzdem vor Regen und Wind geschützt. Sogar noch mit Blick auf das verglimmende Lagerfeuer mit dem Grillrost und den verkohlten Würstchen ein paar Meter vom Shelter entfernt. Und wer dann noch sein Pferd mitgebracht hat, kann es in dem direkt dabei stehenden Offenstall festmachen. In zehn Tagen oder so werde ich mal in so einem Bauwerk schlafen müssen. Was heißt "müssen"? Wenn die Temperaturen nicht allzu garstig sind, werde ich das sogar mit Vergnügen tun - nur: ich habe keine Matratze dabei und mein Schlafsack ist ganz schön dünn. Mal sehen, vielleicht erwische ich ja eine von diesen lauen Vorsommernächten und lege mir als Matratze mein Handtuch drunter...


Die kleinen Hütten mitten im Örtchen Kollemorten, von denen eine eigentlich meine Bleibe heute sein sollte, stehen etwas verloren auf der Wiese rum. Nebenan werden neue, größere Hütten gerade gezimmert. Die Sache ist klar: Der alte Betreiber hat den Campingplatz mit den Hütten heruntergewirtschaftet und musste ihn aufgeben. Ein neuer Betreiber hat übernommen, investiert neu und wird bald neu eröffnen. Nur für mich kommt das leider zu spät. Inzwischen kann ich aber sehr gut damit leben. Ein Bus fährt mich nach einer kurzen Wartezeit zurück nach Jelling, auf mich warten eine geräumige, warme Unterkunft auf einem schönen ehemaligen Bauernhof und im Kühlschrank eine Pizza.


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Kommentare: 3
  • #1

    Karl Heinz Hundhausen aus Leuscheid (Freitag, 12 Mai 2017 09:08)

    Hallo Herr Wagner,
    mit Begeisterung lese ich jeden Morgen Ihren Bericht über die Tagestour.
    So etwas hätte ich auch gerne mal gemacht. Aber leider lässt das mein
    Alter jetzt nicht mehr zu. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf dem Weg nach
    Trondheim.

  • #2

    Der Kronprinz (Freitag, 12 Mai 2017 09:29)

    Sorry wenn ich dich korrigiere, aber vier Meilen sind 6,43738 km und nicht 30 km ☝�☺️

  • #3

    Helmut (Freitag, 12 Mai 2017 13:03)

    Sorry, wenn ich den Kronprinzen korrigiere. Aber zur damaligen Zeit entsprach nach alt-kulmischem Maß eine Meile noch 27.000 Fuß oder 7.779,24 Meter.