Gratiskost

Es gibt Herbergen, da fällt es einem schwer, sich zu verabschieden. Norrelide ist so eine. Nun wird das bestimmt auch daran gelegen haben, dass ich nicht im großen Schlafsaal der Herbergen-Abteilung des Hofes übernachtet habe, sondern in einem schnuckeligen Apartment, aber das ganze Drumherum stimmte. Die Wikingeranlage von Jelling hat mich beeindruckt, der Hof Norrelide liegt wunderschön etwas außerhalb in den Feldern, Hendryk war ein vorbildlicher Gastgeber - und im Sommer, wenn der "Pilgerbetrieb" richtig läuft und die Sonne scheint und der Schlafraum ausreichend warm ist und man schön abends mit anderen Pilgern im Hof sitzt usw., dann ist diese Herberge auch ohne Apartment bestimmt ein Volltreffer.


Die Anreise nach Kollemorten am Morgen gestaltet sich etwas umständlich. Gestern war ich auf dem umgekehrten Weg mit zwei Bussen gerade mal 35 Minuten unterwegs, heute sind es mit Zug und Bus inkl. Umsteigezeit gute 100 Minuten mehr. Macht aber nix, die Strecke heute ist wiedermal nicht lang. In Givskud, kurz vor Kollemorten, steigt Marie mit in den Bus ein, sie hat hier in der Jugendherberge übernachtet.


Jetzt muss ich mal eben Marie vorstellen. Das erste Mal sah ich sie in meiner ersten Herberge auf dänischem Boden, Lindely, wo sie auch übernachtete. Das ist nun schon mehr als eine Woche her. Sie wurde mir damals ganz freudig von der Herbergsbetreiberin vorgestellt, da sei doch auch eine Deutsche, die auch nach Norwegen wolle. Bei einem kurzen Gespräch mit Marie stellte sich heraus, dass sie ihre Wanderung am selben Tag an der Grenze begonnen hatte, in den nächsten Wochen allein auf dem Heerweg bis Hirtshals (Wegalternative) wandern will und sich dann mit einer Fährfahrt hinüber nach Norwegen und mit einem Tag Oslo belohnen möchte. 


Seit diesem kurzen Gespräch hatten wir uns nicht mehr gesehen (am nächsten Morgen war sie schon früher weg als ich), erst in Jelling lief sie mir wieder über den Weg. Ich stand gerade vor dem Dokumentationszentrum und wartete auf den Einlass, als sie an mir vorüberzog. Da mein Ziel an diesem Tag nun eigentlich die Hütten von Kollemorten waren, ich aber am Abend vorher ja von deren Schließung erfahren hatte, befürchtete ich nun, dass da eventuell ein junges Mädchen einer großen Enttäuschung entgegenläuft. Das weckte natürlich sofort den Beschützerinstinkt in mir und ich informierte sie. Ich war beruhigt, als sie mir erklärte, dass sie wohl sowieso in einem B&B in der Nähe von Kollemorten zu übernachten gedenke. Als ich am Abend desselben Tages dann gerade in Kollemorten ankomme, kommt es an der dortigen Bushaltestelle zur dritten Begegnung. Marie machte einen angefressenen Eindruck. Kein Wunder, denn angekommen am ausgewählten B&B, blieb ihr die Tür verschlossen, am Telefon keine Reaktion. 


Da es noch eine Stunde dauert, bis unser Bus kommt, bleibt Zeit, sich näher kennenzulernen. Ich weiß jetzt, dass sie 22 Jahre alt ist, aus Berlin kommt und dort im Oktober ein Studium mit Berufsziel Erzieherin beginnen möchte. Um die Zeit bis dahin sinnvoll zu nutzen und über viele Dinge nachzudenken, hat sie beschlossen, sich auf den Weg zu machen - allein. Bravo, kann ich nur sagen!


Während ich gestern noch in einen zweiten Bus umsteigen musste, war Marie in Givskud schon am Ziel. Dort hatte sie sich nämlich, alternativ zum B&B, in der Jugendherberge angemeldet. Heute steigt sie dort auch wieder in meinen Bus ein und gemeinsam fahren wir nach Kollemorten, wo wir unseren Weg von gestern fortsetzen. 


Und irgendwie ergibt es sich, dass wir ihn für heute gemeinsam fortsetzen. Es ist eben so, wie es oft auf Pilgerwegen ist. Man/frau trifft sich, geht - ohne sich abgesprochen zu haben - für ein paar Minuten, für ein paar Kilometer, für einen ganzen Tag oder auch mehr eine Strecke gemeinsam und trennt sich wieder - um sich nach einigen Tagen (vielleicht) wiederzusehen. Wenn man/frau für eine gewisse Zeit Gesellschaft haben möchte und der/die andere akzeptiert die vorübergehende Gemeinschaft, dann gut. Möchte der/die andere alleine bleiben, wird und muss das auch respektiert werden. Jeder geht SEINEN Weg! 


Damit ist meine Single-Wanderung der letzten Tage erstmal beendet, obwohl sie schon morgen wieder fortgesetzt werden könnte. "Single-Wanderung" ist ja sowieso ein etwas beknackter Begriff. Darf ein Verheirateter eigentlich gar nicht an einer solchen teilnehmen? Das wäre doch ein Fall für den Wandergleichstellungsbeauftragten des Bundes. Hat Angie diese Stabsstelle überhaupt schon eingerichtet? Wenn nicht, wäre es dringend an der Zeit. Genauso beknackt ist m.E. der Begriff "Kräuterwanderung". Dass Kröten wandern, ist mir bekannt, aber seit wann wandern Kräuter? Oder habe ich das falsch verstanden...?


So laufen Marie und ich nun im selben Lauftempo nebeneinander her, reden zusammen oder schweigen zusammen. Jeder erfährt noch etwas mehr vom anderen, die Zeit vergeht. Irgendwann wird Marie mal sagen: "Wir sind ja schon bald da!" und liegt damit gar nicht so falsch.


Heute ist der Wind wieder da - kräftig sogar. Doch die Sonne bietet Paroli, nicht dass sie besonders wärmt, aber sie malt ein helles Licht auf die Landschaft. Hügel gibt es heute wieder, von den Hügeln weite Blicke, auf einem dieser Hügel die weiße Kirche Oster Nykirke. Als ein deutliches Wegzeichen liegt sie 127 m.ü.M. als eine der höchst gelegenen Kirchen Dänemarks. Ihr Turm soll sogar mal ca. 12 m höher gewesen sein, das käme ja bald einem Leuchturm an der schottischen Nordseeküste gleich. Die Kirche wurde vor über 800 Jahren als Wallfahrtskirche an der heiligen St. Peters-Quelle gebaut, an der man sich Heilung erhoffte. An der Quelle, die heute von der Kopie eines mittelalterlichen Brunnens umgeben ist, hat man Keramikscherben gefunden, bei denen es sich wahrscheinlich um Opfergaben handelt. Heutzutage ist das Wasser ohne Bewegung und daher nicht sonderlich einladend und für eine Trinkkur erst recht nicht.


Keine zwei Kilometer weiter die nächste Besonderheit, die uns beiden aber kaum aufgefallen wäre, wenn nicht eine Hinweistafel uns mit der Nase drauf gestoßen hätte. Was auf den flüchtigen Blick aussieht wie ein Bach oder bestenfalls wie ein Entwässerungsgraben, ist der Margrethe-Wall bzw. der mit Wasser vollgelaufene ehemalige Wallgraben. Wie eine Sperre liegt er quer zum Heerweg zu beiden Seiten in den Wiesen. Heute ist er kein Hindernis mehr, aber ursprünglich hatte der Graben eine Tiefe von etwa 2 m und der Wall eine entsprechende Höhe, also ein Höhenunterschied von der Grabensohle bis zur Wallkuppe von an die 4 m. Man weiß aber weder wann der Wall erbaut wurde noch welche Margrethe Pate stand. König Frederik VII. ließ den Wall 1861 unter Denkmalschutz stellen und war dabei, als der Stein dazu aufgestellt wurde. In der Gegend erinnert man sich noch immer an den Bauern Per Limkaster, der den König anraunzte: "Zum Teufel nochmal, tritt nicht meinen Hafer nieder!" Das nenne ich doch mal die richtige Einstellung zu einem Blaublütigen. 


Wir sehen sie nicht, aber Schilder weisen uns darauf hin. Etwa einen Kilometer östlich vom Heerweg befindet sich die Große Wasserscheide, so wird sie in Dänemark bezeichnet. Hier verteilen die Regentropfen sich und fließen entweder nach Osten oder Westen und bilden die beiden größten Wasserläufe des Landes: Gudena und Skjern A. Beide entspringen im selben Tal wenige hundert Meter voneinander und laufen jeweils in ihrer Richtung ins Meer. Der Skjern A läuft Richtung Westen und wird zum wasserreichsten Fluss Dänemarks, Gudena läuft zunächst Richtung Osten, um später nach Norden abzudrehen. Das Wasser seiner Quelle hat dann 160 km im längsten Wasserlauf Dänemarks zurückgelegt. Genau zwischen den Quellen verläuft eine der verzweigten Spuren des Heerweges - mitten auf der Wasserscheide. Einige Grabhügel aus der jüngeren Steinzeit liegen auf dem Talboden mitten zwischen den beiden Quellen und scheinen zu markieren, dass der Verkehr auch vor 4.000 Jahren schon hier vorbeiführte. 


Kaum zu glauben, wie Dinge fast vollkommen in Vergessenheit geraten und plötzlich wieder daraus auftauchen können. Genau am Punkt der Wasserscheide, als ich den Namen Gudena lese, fällt mir ein, dass ich vor etwa 30 Jahren mit meinem Freund und damaligen Lehrerkollegen Hajo eine Dänemark-Tour unternommen habe. Erst wandernd von der dänischen Grenze bis ungefähr zu dem Punkt, wo der Gudena seine Richtungsänderung nach Norden vollzieht. Dort haben wir uns - als absolute Kanu-Greenhorns - ein Kanu geliehen und sind eine Woche lang diesen Fluss hinuntergeschippert. Ich weiß noch, wie wir anfangs bei diesem noch recht engen Fluss in die Uferböschungen hineingerammt sind, bis wir irgendwann mal unseren Kahn sicher manövrieren konnten. Hajo ist inzwischen seit einigen Jahren tot. Mein Freund, wenn du mich jetzt hier unten in Dänemark rummarschieren siehst, pass ein wenig auf mich auf - oder gib diesen Wunsch an die höhere Stelle weiter. 


Nach zwei Kilometern Heidelandschaft werden wir am Ortseingang von Norre Snede bei einer der regelmäßig auftauchenden Tafeln mit Wegerläuterungen auf ein rotes Schild aufmerksam, das der Tafel angehängt ist. Der Lebensmittel-Discounter Brugsen, der in jeder größeren Stadt Dänemarks mindestens ein Mal vertreten ist, verspricht jedem Vorbeikommenden, der dieses Schild fotografiert, ein Stück Obst und eine Flasche Wasser gratis. Natürlich macht jeder von uns beiden ein Foto. Sowas muss man doch mitnehmen! Und wir fühlen uns damit noch nichtmal geködert, denn wir hatten sowieso vor, im Ort unsere Lebensmittelvorräte aufzufrischen. Das Wochenende steht vor der Tür! Und tatsächlich: Nach unserem Einkauf verschwindet unsere Gratis-Kost (je eine Banane und eine Flasche Wasser) in unseren Rucksäcken.


Eine Stunde ist es dann noch etwa bis zu unserer Pilgerherberge, d.h. bis zu meiner Pilgerherberge, denn ich werde in diesem typischen Ambiente mein Haupt betten, Marie nimmt sich ein Zimmer im Nebengebäude, dass aber mit zu der Ferieneinrichtung gehört. Wenn noch ein Zimmer frei gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht auch überreden lassen. Aber glücklicherweise ist dem nicht so. Der große Schlafraum ist beheizt, sauber und ich bin wiedermal dort alleine. Beim Aufenthaltsraum gibt es eine Küchenzeile, ich kann mich mit Kaffee und Tee bedienen und eine Nudelsuppe mit Hühnchen steht auch bereit. Ich weiß noch nichtmal, ob Marie in ihrem Zimmer das auch hat.




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Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 12 Mai 2017 23:11)

    Ja, mach keinen Quatsch! Du wirst doch nicht etwa jetzt schon deine gute alte Wasserflasche durch eine neue ersetzen! Da fehlt doch die Patina! Und die gemeinsame Geschichte!

  • #2

    Lore (Samstag, 13 Mai 2017 17:36)

    Krötenwanderung - Kräuterwanderung .... Kräuter wandern nicht
    Autobahn - Straßenbahn .... Straßen fahren nicht
    Schweineschnitzel - Zigeunerschnitzel .... Zigeuner isst man nicht
    Blumenvase - Porzellanvase .... in letzterer ist kein Porzellan drin
    Silberlöffel - Suppenlöffel, Eierlöffel ....
    Gartenzaun - Jägerzaun .....

    Alles nicht so einfach.
    Lieben Gruß
    Lore, nach einer Schönwetterwanderung mit anderen, die Du kennst, Reinhard