Heide, Sand und Dünen

Ich suche den Frühstücksraum. Da Solveig und Kjeld außer Pilgern in der Herberge auch noch andere Gäste in Zimmern haben, bieten sie auch Frühstück an. Daran will ich teilnehmen und Marie dabei Gesellschaft leisten - auch wenn mein Camembert im Rucksack mittlerweile seinen Höchstgrad an Reife erreicht haben dürfte. Aber ich finde den Frühstücksraum nicht. Alles ist noch ruhig, keinen kann ich fragen. Also gehe ich zurück in die Herberge, um mir mein eigenes Frühstück zu machen. Ich will mir gerade u.a. meinen Camembert aus dem Kühlschrank holen, als mir dort eine kleine blaue Frischhaltebox auffällt, die gestern, als ich meinen leicht verderblichen Proviant dort einlagerte, noch nicht drinlag. Ich werfe einen Blick hinein - und siehe da: Ich erblicke Toast, Brot, Butter, Marmelade und Käse. Also so funktioniert das hier. Zumindest die Herbergsnutzer bekommen ihr Frühstück auf diese Weise verabreicht. Ist ja auch in Ordnung so. Kaffee oder Tee steht sowieso bereit. Und hier schmeckt es genauso wie im Frühstücksraum (wenn es den überhaupt gibt).


Das erste Mal auf meiner Tour wird auf Norhoved ganz auf Vertrauen gesetzt. Ich kenne das von meinen Wanderungen in Norwegisch-Lappland. In einem "Tresor", oder besser: einer stabilen Holzbox mit Schlitz und Schloss, landet mein Briefumschlag mit dem kompletten Geld für meinen Aufenthalt. "Das funktioniert immer", hatte mir Solveig gestern noch gesagt. Hoffentlich wird sie nicht mal enttäuscht. 


Als ich mich aufmache, ist von Marie nichts zu sehen. Entweder sie ist schon weg oder sie geht erst später los, da auch für sie heute die Strecke wiedermal nicht so lang ist. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns bis Viborg irgendwo nochmal wieder. Danach allerdings wohl kaum mehr, denn von dort wählt sie die Wegevariante nach Hirtshals, während ich auf Frederikshavn zusteuern werde. Ich wünsche ihr jetzt schon, dass sie ihre erste große Wanderung erfolgreich zu Ende bringt. 


Sobald ich aus der Herbergstür heraus bin, stehe ich auch schon wieder auf dem Heerweg. Die Sonne begrüßt mich und fordert mich nahezu dazu auf, mindestens die ersten Schritte mit einem Lächeln zu gehen. Doch das Lächeln wird den ganzen Tag über in meinem Gesicht bleiben. Es wird ein schöner Tag. Doch was gehört alles zu einem "schönen Tag"? Zunächst natürlich das Wetter. Seit Tagen schon fällt es für mich immer günstiger aus, als der Wetterbericht es voraussagt. Heute wird es den ganzen Tag über sonnig und nahezu warm bleiben. Dann die körperliche Befindlichkeit. Wie schon bei meinen früheren langen Touren in den letzten Jahren kann ich nur sagen: Je länger ich unterwegs bin, desto besser geht es mir. Die Blasen nach der ersten Woche gehören schon lange der Vergangenheit an und mit meinem Fußballenproblem, das mich vor Beginn der Tour etwas am Erfolg der Unternehmung zweifeln ließ, kann ich umgehen. Immer nach etwa sechs Kilometern fängt es an zu zwiebeln und ich muss kurz einhalten. Entweder ich mache dann - weil es sich anbietet - sowieso eine Rast oder ich bleibe für etwa 30 Sekunden stehen, entlaste den Fuß, und dann kann es auch schon wieder weitergehen als wäre nichts gewesen. Bis er sich dann wieder beschwert... 


Zu einem "guten Tag" gehört auch eine gute Wegmarkierung. Und die ist, seitdem ich auf dem Heerweg unterwegs bin, vorbildlich. Nie kommt Zweifel auf, immer stehen die Pfosten mit dem "kleinen Männlein" an der richtigen Stelle, heute fand ich unter ihm sogar einmal die Jakobsmuschel. Es ist aber nicht nur die Markierung. Immer wieder tauchen am Wegesrand Infotafeln auf, die - auch auf Deutsch - viele Informationen über Geschichte, Natur und Kultur des Heerwegs an den Wanderer und Pilger weitergeben. Die dazugehörige Wanderkarte mit Wegbeschreibung ist absolut korrekt und informativ. Man fühlt sich auf diesem Weg... wie soll ich sagen... einfach gut aufgehoben.


Letztlich gehört zu einem "guten Tag" selbstverständlich und fast hauptsächlich eine interessante, abwechslungsreiche Strecke durch eine schöne Landschaft. Und dies ist heute so, wie an kaum einem anderen Tag zuvor. Mit dieser Meinung bin ich übrigens nicht allein. Zwei Wanderer, die ich unterwegs treffe, sind auch der Meinung, dass es auf dem gesamten Heerweg keinen schöneren Abschnitt gibt als zwischen Norre Snede und Viborg. Die beiden sind auf Wochenendtour. Sie haben sich von ihren Frauen gestern irgendwo in der Nähe aus den Autos werfen lassen, marschieren drei Tage, schlafen in festen Unterkünften umd morgen sammeln die Frauen sie wieder ein. Für diese "Ausdauerleistung" sind sie ausgerüstet wie zu einer Nordkap-Expedition (auch wenn sie dazu aus der falschen Richtung kommen). Die XXL-Rucksäcke sind voll bepackt, die Bergschuhe sind mindestens fjelltauglich und der Rest der Kleidung würde jedem Globetrottermitarbeiter Tränen der Rührung in die Augen treiben. Als sie sich nach meiner Tour erkundigen und ich ihnen bereitwillig antworte, klappen sich ihre Kiefer nach unten, sie schauen sich an und es ist nur noch ein "Wow!" zu hören. 


Zunächst sind es die Wälder, durch die Wege und Pfade sich schlängeln. Wirklich Wälder sind es und nicht Plantagen! Ein wenig verwunschen sehen sie aus. Überall auf dem Waldboden und über den Baumstümpfen wächst dickes Moos und manchmal, wenn ich genau hinsehe, meine ich, Trolle zu erkennen. Es gibt sie hier in Dänemark, später in Norwegen erst recht! Und dann komme ich in die Heide von Vrads Sande. Das Gebiet ist von Binnendünen geprägt, die durch ein für uns heute unvorstellbares Sandtreiben entstanden sind, das vom 16. bis 19. Jh. in weiten Teilen Dänemarks herrschte. Heute noch stoße ich auf Flächen mit Strandhafer, mit dem die Bauern damals verzweifelt versuchten, den Flugsand zu stoppen. Ein Großteil des Gebiets wurde 1968 unter Naturschutz gestellt. Er bildet eine große, muldenartige Senke - bewachsen mit Heidekraut, Wacholder und Ginster -, die zu einem kleinen Heidesee hinabführt. Am oberen Rand der Senke lasse ich mich zu einer Rast nieder und schaue zu diesem See hinab, in dem gerade zwei Schwäne ihre Bahnen ziehen. Wenig später dann die Sanddünen- und Heidelandschaft von Sepstrup Sande. Diesmal gehe ich auf schmalen, sandigen Pfaden durch enge Tunneltäler, links und rechts ebenfalls bewachsen mit Heidekraut, Wacholderbüschen und jungen Kiefern. Unten auf den Pfaden ist es richtig warm, hier stauen sich die Temperaturen. Vor gar nicht so langer Zeit bin ich in der Lüneburger Heide gewandert. Die Heidelandschaft, die ich heute durchquere, kann jedem Vergleich standhalten.


Letztendlich gehört zu einem "schönen Tag" eine schöne Unterkunft. Ich hätte natürlich schon in dem Shelter übernachten können, der kurz hinter Vrads Sande am Weg lag. Ich habe auch schon mal probegelegen und dabei den Blick auf ein Stück Heide genossen. Ich glaube sogar, die Temperaturen für eine Übernachtung hier (mit Plumpsklonutzung) wären erträglich gewesen, aber ich bin ja bei den Hütten in Sepstrup angemeldet. Sie gehören mit zu dem System an Unterkünften, die Pilgern auf dem Heerweg für wenig Geld zur Verfügung gestellt werden. Die Hütten in Kollemorten waren ja für mich ein Reinfall, aber die in Sepstrup sind zu meiner vollsten Zufriedenheit. Sicherlich gibt es neuere, luxuriösere Exemplare, aber ich habe hier alles, was ich brauche: eine kleine Heizung (die ich heute aber gar nicht benötige), ein Bett, Wasserkocher, Kaffee und Teebeutel im Angebot. Toiletten, Waschgelegenheiten und Duschen gibt es in einem benachbarten umgebauten Bauwagen - also alles da!


Fast hätte ich es vergessen bzw. übersehen: Zu einem "schönen Tag" gehört - wenn eben möglich - auch noch ein besonderes Erfolgserlebnis. Meine Streckenaufzeichnungs-App signalisiert mir, dass ich heute meine 1000-Kilometer-Marke geknackt habe. Um es exakt zu melden: In 203:49 Stunden bin ich bisher 1005 Kilometer gegangen und habe dabei 10.510 Höhenmeter absolviert. Nicht schlecht!




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Kommentare: 3
  • #1

    Die Pilgertochter (Sonntag, 14 Mai 2017 08:24)

    Niedliches kleines Büdchen! Das kriegt der Florian dir in Helpenstell bestimmt auch noch hingezimmert!

  • #2

    Helmut (Sonntag, 14 Mai 2017 10:00)

    Hallo Reinhard, heute ist die beste Gelegenheit, allen Müttern zum Muttertag zu gratulieren (weil Du ja schon mal die beweglichen Festtage vergisst/ verwechselst).

  • #3

    Der Kronprinz (Mittwoch, 17 Mai 2017 18:42)

    Glückwunsch!!!