Pilger-Depot

Zweiter Versuch - nachdem der erste vor einer Woche grandios gescheitert ist: Heute ist Muttertag! Ein Hoch auf alle Mütter, seien es die schon etwas erfahreneren oder die ganz jungen! Ich hoffe, Ihr habt euch verwöhnen lassen. So, jetzt bin ich aber mal gespannt, wer alles an den Vatertag denkt...


Um sechs Uhr nach dem natürlichen Aufwachen in meiner kleinen Hütte bin ich noch zu hundert Prozent sicher, dass heute ein perfekter Ruhetag wäre. Der Dialog in meinem Körper zwischen Fuß, Ferse und Knien mit dem Kleinhirn geht langsam hin und her, bis das Kämpferherz einschreitet und sozusagen ein Machtwort spricht. Es wird gelaufen, keine Widerrede, und ab sofort freut ihr euch auch alle darauf. Gesagt, getan.


Ich glaube, meine Praxis, Wanderungen recht genau vorauszuplanen, vor allem was die Festlegung der Unterkünfte anbetrifft, hat genau an dieser Stelle seine Berechtigung. Die Dialoge in meinem Körper würden überhaupt nicht mehr aufhören, wenn ich nicht dieses Druckmittel der vorbestellten Nachtquartiere verspürte. Wie oft würde ich sagen: "Hach, Kinder, hier ist es schön, hier lasst mich ein Weilchen bleiben!" Meine Touren würden sich um Wochen verlängern, doch sind sie eigentlich schon lang genug. Dabei habe ich für mich ja nicht die Empfindung, dass ich durch die Gegend jage und keine Augen für das habe, was links und rechts am Weg liegt. Auch wenn das mancher von mir denken mag. Wenn ich nur auf Streckemachen aus wäre, würde ich mir nicht bewusst so einige Male Tagesetappen von unter 20 Kilometern aussuchen.


Nach der Morgentoilette im Bauwagen und dem inzwischen sehr geübten Verpacken meiner Habseligkeiten in den Wheelie, gehe ich raus zur Open-Air-Küche, um mir einen Morgenkaffee zu kochen. Unter einem offenen... na ja... ich nenne es: Bretterverschlag, stehen eine Spüle, eine Elektro-Heizplatte, ein Kühlschrank, dazu gibt es Ablagen für Wasserkocher und Kaffeemaschine, sowie kleinere Vorräte an Kaffee, Tee und Tütensuppen. Teller, Tassen und Gläser stehen ja in den Hütten bereit, Besteck führt jeder Wanderer oder Pilger sowieso mit sich. Alles sehr einfach, aber effektiv.


Der Kaffee schmeckt zu meinen zwei Roggenbrotscheiben mit Käse sehr gut - zwei Roggenbrotscheiben mit Käse gibt es schon seit der Grenze jeden Morgen - und ich gehe gestärkt in den neuen Tag und auf die Strecke. Mein Kleinhirn hat endgültig gesiegt! Kaum bin ich 500 m auf dem Weg, komme ich an einer... na ja... aufrecht stehenden Holzkiste vorbei, an deren Seitenwand das Heerwegs-Emblem prangt und in dem unteren Fach eine Art von Tresor steht. Ich betrachte mir dieses Möbel etwas genauer und entdecke das zusätzliche Schild "Depot". Ich öffne vorsichtig die Klapptüren - und zum Vorschein kommt auf zwei Regalbrettern ein Angebot von Suppendosen, Müsliriegeln, Gläsern mit Instant-Kaffee und Tüten mit Nüssen und Rosinen. Daneben liegt eine Preisliste sowie ein Infozettel, dass diese "Depots", die es in Mitteljütland zwischen Nörre Snede und Viborg in Abständen von ca. 10 km am Heerweg gibt, von Privatleuten unterhalten werden und schon mal unterschiedlich ausgerüstet sein können. Mich haben diese Angebote schon auf dem Jakobsweg nach Santiago und auf der Via Francigena nach Rom begeistert. Man könnte doch jetzt alles leerräumen und sich damit aus dem Staub machen. Doch so ist der Wanderer oder der Pilger eben nicht drauf. Man nimmt, was man braucht oder möchte, wirft sein Geld in den "Tresor" und zieht weiter. Obwohl ich eigentlich genug Proviant im Tagesrucksack habe inkl. Instant-Kaffee, greife ich mir einen Müsliriegel, werfe mehr Geld als verlangt in den Tresor (weil dieser nicht wechseln kann) und schließe mit einem zufriedenen Lächeln die beiden Klappen. Ein guter Beginn für heute!


Auf den ersten Kilometern nach diesem kleinen "Pilgershop" gehen mir immer wieder kleine Erfahrungen von meinen ehemaligen Pilgerwanderungen durch den Kopf. Vor allem solche, die sich mit Pilgern und ihrer Einstellung zur Geldausgabe, zur Nahrungsbeschaffung oder zu "Mitpilgern" beschäftigen. Der Durchschnittspilger verbringt seine Zeit damit, möglichst wenig zu bezahlen (deshalb bin ich im Moment ja auch in recht spartanischen Herbergen unterwegs, die wenig Geld kosten). Oft hätten sie das gar nicht nötig, es ist eher ein Sport, ein Zeichen der Zugehörigkeit zum Klub. Ich habe betuchte Wanderer erlebt, die hin und her rechneten, ob sie in einer Bar ein Sandwich bestellen sollten oder lieber noch drei Kilometer weiterlaufen, um es in einer hypothetischen Bäckerei zu erwerben. Der Pilger auf einem Jakobsweg ist nicht immer arm - ganz im Gegenteil -, aber er benimmt sich manchmal so. Man kann dieses Verhalten mit einem jener drei Gelübde in Verbindung bringen, die seit dem Mittelalter den Eintritt ins geistliche Leben kennzeichnen: Keuschheit, Gehorsam, Armut. Man kann es aber auch schlicht und einfach Knauserigkeit nennen.


Ich bin auch schon einer Anzahl von Leuten begegnet, die sich eine Komfort-Pilgerreise zurechgeschnitten haben - von Hotel zu Hotel, vom Luxusreisebus zum stets dienstbereiten Taxi. Unter Jakobspilgern ist es üblich, scheinheilig zu behaupten: "Jeder geht den Weg so, wie er möchte." Doch begreift man sehr rasch, dass sich hinter dieser Bekundung von Toleranz eine handfeste Verachtung des "wahren" Pilgers für den "falschen" verbirgt. Den wahren erkennt man daran, dass er so wenig Geld wie möglich ausgibt. Ohne Frage kann es auch einem wahren Pilger widerfahren, dass er im Falle einer Erkrankung oder ausgebuchter Herberge keine andere Wahl hat als auch mal in einem Hotel abzusteigen - wenn möglich in einem bescheidenen -, Seite an Seite mit den Luxusreisenden. Aber auch dann kann man sich darauf verlassen, dass er seine Andersartigkeit bekunden wird, indem er beispielsweise alle Bonbons aufisst, die man an der Rezeption unvorsichtigerweise in einer Untertasse ausgelegt hat. Was einem nicht alles wieder so einfällt...


Wie Erinnerungen immer wieder kommen, so passieren auch gewisse Dinge unterwegs immer wieder. Grund dafür ist oft Willi, mein Wheelie. Bei vielen Menschen fördert er offensichtlich immer wieder Fragezeichen hervor. Wenn sie mich fragen, was das sei, mir der Schalk im Nacken sitzt und ich antworte, dass ich darin mein Verpflegungsbier transportiere oder meine Golfschläger, stutzen viele im ersten Moment bevor sie lachen und sich die Wahrheit sagen lassen. Bei Pferden oder Hunden allerdings provoziert dieses "gelbe Ungeheuer" zunächst erstmal Panik - dann Neugier. So auch bald nach dem "Pilger-Versorgungsstand", als ich um eine Buschhecke biege und auf einmal vor einer Weide mit sechs Pferden stehe. In Panik stürzen sie auseinander, dass der Boden unter ihnen bebt. Ich bleibe sofort stehen, damit sie sich beruhigen. Nach einer Minute tun sie das auch so langsam, stehen aber wie angewurzelt, schauen mich mit weit aufgerissenen Augen und aufgestellten Ohren an und blähen die Nüstern. Ich versuche, ruhig mit ihnen zu reden, und obwohl sie kein Deutsch verstehen, löst sich bei einem Tier nach dem anderen die ängstliche Verkrampfung, und vorsichtig nähert sich mir - inzwischen doch von Neugierde getrieben - die ganze Herde bis an den Zaun. Nicht ein einziges Pferd kümmert sich auch nur im geringsten um mich, alle Augen sind gebannt auf Willi gerichtet. Nach einer Weile setze ich mich langsam in Bewegung, die ganze Herde verfolgt mich bis zum Rand ihrer Weide und geht erst dann so langsam wieder zum Grasen über.


Viel mehr passiert nicht an diesem Tag. Warum sollte auch immer etwas Besonderes passieren? Den größten Teil des Tages gehe ich heute auf der Radstrecke, da die Wanderstrecke des Heerwegs nicht an meiner nächsten Unterkunft vorbeiführt. Doch ich verpasse nichts, höchstens wiedermal ein Stück "geschützten" Kiesweg - und den brauche ich gar nicht so unbedingt. So rolle ich für Kilometer mit meinem heute schon so gefürchteten und bewunderten Wheelie auf kleinen Landstraßen dahin, lasse mich von der Sonne bescheinen und komme ins Schwitzen, wenn die Straße sich ab und zu mal von einer Hochfläche in ein Bach -oder Flusstal hinabsenkt, um dann wieder auf der anderen Seite gehörig emporzusteigen. Hasen hoppeln oder sprinten über Äcker und Rehe stolzieren in aller Ruhe, als könne ihnen hier nichts passieren, über die Straße. Vögel singen so laut, wie ich sie selten vernommen habe. Vielleicht genießen sie auch gerade die Windstille und ansteigenden Temperaturen.


In Kragelund liegt meine Pilgerherberge unmittelbar neben der kleinen, alten Kirche. Mit zu dem Gebäudekomplex eines alten Hofes gehört außer der Herberge auch das Kirchenbüro, aus dem gerade, als ich durch die Hofeinfahrt gehe, der Herr Pastor im schwarzen Anzug herauskommt. Mit strahlenden Augen und zum Gruß ausgestreckter Hand kommt er auf mich zu und führt mich direkt in die Herberge. Sie gehört jetzt mal wieder zu der Kategorie "Kühlschrank". Über 300 Jahre alt ist der zur Herberge ausgebaute Stall, mit Wänden aus dicken Feldsteinen gemauert. Eine Heizung ist nicht nachträglich eingebaut worden und wo soll bei Außentemperaturen, die gerade heute mal wieder die 16 °C überschritten haben, die Wärme herkommen. Aber alles ist sauber, die Pilgersaison kann hier beginnen. Auf jedem dritten der 36 Betten liegt aber eine Decke, sodass ich nicht den Kältetod sterben werde. So weit, so gut. 


Der Herr im schwarzen Anzug öffnet routinemäßig den Kühlschrank und ist wohl selbst überrascht, dort drei Flaschen Bier und eine zwar angebrochene, aber noch zu Dreiviertel gefüllte Flasche Rotwein vorzufinden. "Gestern hat eine Radgruppe von 20 Leuten hier übernachtet, da ist das wohl übriggeblieben. Suchen Sie sich was aus und lassen Sie es sich schmecken!", sagt er lächelnd zu mir. Na, wenn das so ist...


Nach Körperhygiene, Klamottenwaschen und ausgiebigem Relaxen stehe ich zum Abendessen (drei Scheiben Roggenbrot mit Käse) vor der Wahl: zwei Flaschen Bier oder Rotwein. Nehme ich doch erstmal den Rotwein!




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Kommentare: 1
  • #1

    Peter (Montag, 15 Mai 2017 20:28)

    bin ich aber mal gespannt, wer alles an den Vatertag denkt.......

    tja,vielleicht ist das ja auch ein Thema für die Theatergruppe Windeck um sich
    mal ernsthaft mit der Problem auseinanderzusetzen.
    Gruß Peter