Von Schlachten und Bergvölkern

Der Rotwein, von dem vielleicht ein Schnapspinnchen Inhalt fehlte, war gestern Abend recht vollmundig. Ich glaube, nach Leerung der Flasche habe ich zwischen den Stockbetten ein wenig getanzt - natürlich nur, um mich warm zu halten. An diesem Morgen mag ich gar nicht so gerne aus dem kuschelig warmen Schlafsack steigen, wenn da nicht ein dringendes menschliches Bedürfnis wäre, welches sich spätestens jeden Morgen nach dem Ausschlafen ankündigt.


Auf dem Pastoratshof ist es schon angenehm warm, als ich mir meinen Wheelie anklemme. Der Pastor kommt gerade aus seinem Büro - im Arbeitsoverall. "Die Büroarbeit muss warten. Ich muss jetzt erstmal den Rasen hinter dem Haus mähen", erklärt er mir lachend und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: "Und... hat der Rotwein geschmeckt?" Ich kann das nur bestätigen und mit einem erhobenen Daumen schwingt er sich auf einen kleinen Sitzmäher und kurvt damit tuckernd hinters Haus. "God tur!", höre ich so gerade noch und er winkt, ohne sich nochmal nach mir umzudrehen.


Kaum hundert Meter gegangen, schnalle ich auch schon wieder ab. Ich schau nochmal eben bei "Brugsen" rein, dem dänischen Discounter, der siebenmal die Woche von 8 bis 20 Uhr geöffnet hat. Ich könnte mal wieder einen gepflegten Camembert vertragen, in den Herbergen bin ich ja sowieso allein. Außer mir ist zu dieser frühen Zeit nur eine Angestellte im Laden, die gerade einige Regale mit frischer Ware befüllt. Ich eile durch die Gänge (warum überhaupt?) auf der Suche nach dem Camembert, drehe mich suchend um die eigene Achse - da passiert's! Ich weiß nicht wie, aber wahrscheinlich mit der Schnalle meines Tagesrucksacks bleibe ich an dem Gestänge eines Angebotsständers mit Ananasdosen hängen. Selten hat sich von mir etwas so mitreißen lassen wie dieser Angebotsständer. Jedenfalls kippt er erfolgreich um und befördert mindestens zehn Ananasdosen auf den Boden. Von der Angestellten kommt ein "Huch!" und ich tauche schnellstens auf den Boden ab, um vier Dosen unter den Auslagetischen hervorzuholen, bevor sie noch weiter davonrollen. Erst nachdem ich die eingefangen habe, kümmere ich mich um die anderen, die schon eine gewisse Strecke im Gang hinter sich haben. Das Ganze muss einer Slapsticknummer sehr nahe gekommen sein, denn die junge Angestellte, zu der ich mich jetzt etwas verschämt umdrehe, kann sich vor Lachen offenbar nicht mehr halten. Das befreit und ich lache mit. Als ich meinen Camembert bezahle, lachen wir immer noch.


Gutgelaunt und in der stillen Hoffnung, dass man mir nicht nochmal so einen Ananasständer in den Weg stellt, marschiere ich in den Morgen. Weiterhin ist für mich der Weg die Radvariante, d.h. kleine Straßen, auf denen ich kaum mal einem Auto begegne, bringen mich durch die Landschaft. Flach geht es daher, nur selten deuten sich bewaldete Hügel an. Kühe mit ihren Kälbern verlieren sich auf weiten Wiesen, bronzezeitliche Grabhügel tauchen immer wieder wie aufsteigende Blasen aus den Äckern auf und über die neongelben Rapsfelder flattern die Feldlerchen und singen ihr aufgeregtes Lied. Nichts deutet darauf hin, dass ich mich etwa acht Kilometer nach Kragelund einem nahezu blutgetränkten Areal nähere. Als ich die kleine weiß-rote Grathe Kirke vor mir sehe, weiß ich, dass ich mittendrin stehe.


Die einst so weitläufige Grathe-Heide (Grathe Hede) war Schauplatz mehrerer Königsfehden. Sie spielten sich natürlich hier ab, weil die Gegend einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der damaligen Zeit war. Heute kann ich mir das mörderische Schlachten nur schwer vorstellen, wenn ich in einer Kulisse von Lerchengesang und friedlich grasendem Vieh in der Kulturlandschaft stehe. Die Schlacht in der Grathe Heide am 23. Oktober 1157 bedeutete das Ende des Bürgerkrieges um den Königsthron zwischen Svend lll., Knud V. und Valdemar dem Großen. 1146 wurde Svend König von Seeland (den dänischen Inseln) und Schonen (dem heutigen Süden Schwedens) und Knud König von Jütland. In mehreren Feldzügen versuchte Knud, Seeland zu erobern, wurde jedoch vertrieben und flüchtete nach Deutschland. Valdemar hatte sich zunächst Svend angeschlossen, der ihn zum Herzog von Schleswig ernannt hatte, wechselte aber die Seite, was er durch seine Verlobung mit Knuds Halbschwester unter Beweis stellte. Die drei Bewerber einigten sich schließlich darauf, die Macht untereinander aufzuteilen. Valdemar erhielt Jütland, Knud die Inseln und Svend Schonen (Skane). Daraufhin fand am 9. August 1157 in Roskilde ein Versöhnungsfest statt, auf dem Svend jedoch - der Lümmel - die beiden anderen Könige von seinen Männern überfallen ließ. Knud wurde getötet, aber Valdemar gelang es, verwundet nach Jütland zu fliehen, wo er, auf Rache sinnend, ein großes Heer aufstellte. Ende September war er so stark, dass er den Kampf gegen Svends Truppen wagte, und am 23. Oktober kam es zur Schlacht auf der Grathe Hede, die mit der Flucht Svends endete. Dabei geriet er in einen Sumpf und verlor seine Waffen und seine Rüstung. Später wurde er gefangengenommen und durch einen Axthieb getötet.


Nach meiner Rast an der Grathe Kirke komme ich nur einen Kilometer weiter beim Hof Gragard an einem fünf Meter hohen schlanken Gedenkstein vorbei, der - ein in den Boden gerammtes Schwert symbolisierend - genau an der Stelle stehen soll, an der Svend durch den Axthieb starb und den der dänische Dichter Thor Lange zur Erinnerung an dieses Ereignis hat aufstellen lassen. An der Mordstätte wurde eine Bußkapelle errichtet und König Svend etwas nördlich dieser Kapelle begraben. Nach der Reformation wurde die Kapelle abgerissen, die letzten Reste verschwanden 1864-65 und sollen beim Fundament der neuen Grathe Kirke verarbeitet worden sein. Nördlich der ehemaligen Kapelle wurde tatsächlich das Skelett eines 30-40-jährigen großen Mannes gefunden, der an einem Axthieb an der linken Seite des Kopfes gestorben war. Man vermutet, dass es sich um die irdischen Reste von König Svend handelte. Valdemar war die folgenden 25 Jahre alleiniger König in Dänemark. Bei seinem Tod 1182 hinterließ er ein blühendes Reich - und zwar sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Der Beiname "der Große" war wohl verdient.


Bis nach Thorning, meinem nächsten Etappenziel, ist es nicht mehr weit. Weit war es die ganzen letzten Tage nicht - aber kraftsparend. Außerdem habe ich mir ja nicht extra Vormittagsspaziergänge zurechtgelegt, weil ich mir nicht mehr weitere Strecken zumuten möchte. Da ich in Pilgerherbergen übernachten wollte und die eben in diesen relativ kurzen Abständen liegen, gab es keine andere Wahl. Doch - ich hätte jede zweite nehmen können! Aber wiederholt 32-35 km "zu machen", muss nun auch nicht sein. Ich bin schließlich auf einer Pilgerwanderung und nicht auf der Flucht.


Die Tür der Pilgerherberge, einer alten ehemaligen Schule direkt neben der Kirche, ist abgeschlossen, aber ein Zettel weist freundlich darauf hin, dass nur ein Anruf bei der angegebenen Nummer notwendig sei, und schon käme jemand zum Öffnen vorbei. So ist es auch. Tom muss im Ort wohnen und fährt fünf Minuten später mit dem Auto vor. Er weist mich in alles ein, macht mich auf die vollen Bierflaschen im Kühlschrank aufmerksam (kein Rotwein!) und ist auch schon wieder weg. 


Das Haus hat eine gewisse Gemütlichkeit. In verschieden großen, mit Teppichen ausgelegten Räumen stehen jeweils zwei bis vier Stockbetten, ergänzt durch Couchen, Sessel, Tische, Stühle. Alle Betten haben Klemmleuchten und es gibt verschiedene kleine Schränke mit Büchern, Broschüren und Prospekten. Zu meinem Zimmer gehört ein eigenes Bad und in der Küche fehlt es an nichts, wie gesagt, sogar nicht am Bier. Nur die Heizkörper lassen sich nicht aufdrehen.


In dieser meiner vorletzten Pilgerherberge auf dem Heerweg kommt es zur Premiere. Gegen Ende meines Relax-Nickerchens höre ich vor der Außentür Stimmen, Frauenstimmen. Eine davon etwas piepsig, die andere mehr männlich angehaucht. Vom Klang her sind sie eindeutig den Bergvölkern der Alpen zuzuordnen. Ich eile zu der verschlossenen Tür, damit Tom nicht erneut - diesmal von den Frauen - antelefoniert wird, und öffne. Vor mir steht eine monumentale Österreicherin (wie sich später herausstellen wird) mit ihrer erwachsenen Tochter, die ihr aber nur knapp bis an den (ebenso monumentalen) Busen reicht und schwer humpelt. Mutter spricht mich auf Englisch an, was ich zunächst nicht korrigiere. Kann ja auch mal ganz spannend sein. Beide haben große Entscheidungsschwierigkeiten, welches der Zimmer sie denn nun belegen möchten. D.h. Mama hat diese Probleme, Tochter humpelt immer nur wehklagend hinterher. "Mama, ist doch egal! Ich will jetzt sitzen!", jammert sie. "Schleich di!", ist Mamas einziger Kommentar. Ich beobachte das alles unter innerlichen Lachkrämpfen, während ich mir in der Küche einen Kaffee koche, mich damit in den Aufenthaltsraum setze und im Gästebuch blättere.


Dann beginnt die Zeit (ich habe mich inzwischen als Deutscher geoutet), wo diese gewaltige Frau, die schon bei ihrer Ankunft sich ihres riesigen Rucksacks so mühelos entledigt hatte als sei er ein kleines Kissen, auf mich Blicke wirft (bitte, ich bilde mir nichts ein!), als hätte sie einen Leckerbissen vor sich. Ohne mir Illusionen über meinen Charme zu machen, spüre ich doch, dass es der Mann in mir ist, der da seine Wirkung tut - und das macht mir ein wenig Angst.


Hinzu kommt ein anderes Thema: die Füße von Lissy, der Tochter. Ja, ja, die Füße der Pilger! Ein albernes Thema, das jedoch auf einem Pilgerweg beachtliche Ausmaße annehmen kann. Jede Etappe ist eine Gelegenheit, diesen Extremitäten, deren Wichtigkeit man im Alltagsleben gar nicht ermessen kann, besondere Pflege angedeihen zu lassen. Manche Pilger durchleben mit ihren Füßen einen Albtraum, aber vor allem bescheren sie ihren Mitmenschen manchmal einen solchen. Denn nur wenige behalten ihre Martern für sich. Anders als die intimeren Körperteile werden die Füße recht gern in der Öffentlichkeit gezeigt. Man hält sie den Gesunden unter die Nase, um von ihnen eine Meinung einzuholen, und hofft vielleicht, dass ihr mitleidiger Blick auf die Blasen, Abschürfungen und Sehnenentzündungen lindernd wirkt. 


Als ich beim Abendessen am großen Küchentisch sitze - es gibt Roggenbrot mit Camembert - sitzen Mutter und Tochter mir gegenüber. Mutter fördert step by step ein halbes Krankenhaus samt Notfall-Operationsbesteck aus ihrem Rucksack. Bis auf eine mobile Krankentrage ist offensichtlich alles dabei. Sie erklärt, dass sie nicht nur mit den klassischen schulmedizinischen Versorgungsartikeln, sondern auch homöopathisch, nämlich mit Aroma-Ölen, perfekt ausgestattet sei, und lächelt mich dabei gewinnend an. Sie versorgt Töchterchens Blase, die inzwischen ziemlich eklig mit Blut vollgelaufen ist und sich mit rund fünf Quadratzentimetern am Fuß ausgebreitet hat, mehr als fachfrauisch. 


Mir reicht es jetzt. Ich ziehe mich mit meinem Roggenbrot und einer Flasche Bier auf mein Zimmer zurück und überlege einen Moment ernsthaft, ob ich die Tür abschließe.




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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Montag, 15 Mai 2017 23:35)

    Ja, nun, da endet Dein Bericht so plötzlich. Was ist denn aus den Blicken der monumentalen Frau mit dem ebenso monumentalen Busen geworden, aus den Blicken, die zweifelsfrei Deiner Männlichkeit galten? (oder so ähnlich)
    Da erzählst Du uns stattdessen von den ekligen Füßen der Tochter. Nee-nee!
    Trotzdem liebe Grüße von der Lore

  • #2

    Der kronprinz (Mittwoch, 17 Mai 2017 18:19)

    Lass die Tür einfach auf und sei gefälligst tapfer! Danach wandert es sich bestimmt viel beschwingter.