Tropfnasser Pilger Jorge

Heute ist "Bergfest", d.h. die Hälfte meiner Zeit auf dem Weg Richtung Trondheim ist rum. Gefühlt geht die zweite Hälfte ja immer schneller vorbei. Mal sehen, ob es diesmal wieder so ist. Kilometermäßig dürfte ich die Hälfte schon seit einiger Zeit überschritten haben. Doch erst beim großen Finale, dem letzten Drittel meiner Tour in Norwegen, geht es richtig zur Sache. Bisher ist das alles nur "Warmlaufen ", den Körper an die Strapazen gewöhnen, die noch kommen werden. Ich hoffe, meine Fitness verläuft bis dahin weiterhin positiv aufwärts. Wäre ja noch schöner, wenn ich zum Schluss abbaue. Ich will in Trondheim ankommen, das habe ich mir versprochen - und vor allem, das habe ich Michelle versprochen. Das Spendengeld muss zusammenkommen, dafür werde ich sorgen!


Als ich mich auf den Weg mache, schläft Österreich noch. Im Zimmer neben mir rührt sich nichts - aber es röhrt jemand gewaltig. Ich muss gestehen - oft ist der Schnarcher ein Mann, oft von beachtlicher Korpulenz und tagsüber so still und diskret, wie er, sobald das Licht ausgeht, geräuschvoll wird. Aber ich habe auch schon kleine Frauen kennengelernt, die zwar zerbrechlich und zart erschienen, aber gleich nach dem Einschlafen ihren Rachenraum zu Jagdhörnern umfunktionierten, denen sie mächtige Töne entlockten. Und wenn das schon bei zerbrechlichen und zarten Frauen vorkommt, dann kann sich jeder vorstellen, was das bei dieser voluminösen Österreicherin bedeutet. Wie Tochter Lissy daneben existieren kann, ist mir schleierhaft. Wie gut, dass die Beiden den Heerweg von Norden nach Süden gehen. Bei einer längeren Wanderpartnerschaft, zumindest abends und nachts in den Herbergen, hätte es zwischen uns sehr wahrscheinlich zu erheblichen Krisen kommen können, trotz ihrer... , ich nenne es mal... schmachtenden Blicke. Mit manchen Frauen hat man eben keine Zukunft.


Vom ersten Schritt an muss ich heute meinen Schirm aufspannen. Mhm..., nach Schauern sieht das nicht aus, eher nach einem gepflegten Landregen. Kein Wind, der die Wolken verjagt. Na gut, dann richte ich es mir mal unter dem Schirm schön gemütlich ein und trotte dahin. Wiedermal liegt weites Agrarland vor mir, Höfe links und rechts, Schilder weisen auf Rinderzucht hin, aber auch auf "Schweineproduktion" (schreckliches Wort!). Nach langen, geraden Straßenabschnitten zum Waldrand, hinein in die Stendal Plantage, dann in die Havredal Plantage. Die Bäume der Plantage, die Ende des 18. Jahrhunderts und die darauf folgenden 50 Jahre angepflanzt wurden, bedecken heute eine Vielzahl von Grabhügeln, die fast auf einer geraden Linie nahe am Weg liegen und früher als Wegmarkierung benutzt wurden. Nur an einer Stelle, wo wohl vor nicht langer Zeit mal Rodungsarbeiten stattgefunden haben, sind drei bis vier Hügel in einer Reihe zu erkennen. 


Regen, Nebel und Feuchtigkeit enthüllen ihre Schönheiten. Es ist fast etwas verrückt, es regnet in Strömen und ich gehe hier durch diese Plantagen seit mehr als einer Stunde einem Uhrwerk gleich "meinen Weg". Wechselnde Lichtverhältnisse lassen das Unterholz mal hell-, dann wieder in einem satten Dunkelgrün erscheinen. Das gleichmäßige monotone Prasseln auf das Blätterwerk und auf meinen Schirm über mir ist wie der Grundton einer meditativen Musik. Düfte, die bei dieser Witterung besonders intensiv hervortreten, vervollkommnen die erhabene Stimmung. Manchmal ist genau solch ein Weg derjenige, den man sich wünscht, um abzuschalten oder in sich zu versinken. Die Gedanken wirbeln umher, springen von Erinnerung zu Erinnerung. Es ist als ob das Gehirn die Puzzleteile meines Lebens wild aufzeigt, um sie danach neu geordnet wieder zusammenzufügen. Ganz große Gedanken auf der Pilgerreise? Erkenntnisse und Weisheit schöpfen wie am Fließband aus dem grenzenlosen Quell des Seins? Na ja... ! Die Füße schmerzen, das ist es, und die Knie, der Rücken und die Beine. Das ist die Wirklichkeit des Pilgerns. Blasen vielleicht noch und geschwollene Knöchel. Gehen, den Körper beanspruchen, manchmal bis an die Grenze. Aber sonst... ? Ich bin im Moment ziemlich froh, einfach so umherzuziehen. Nur das, was ich tragen oder in meinem Wheelie hinter mir herziehen kann und vor allem will, umgibt mich. Mein gewohnter Alltag zu Hause ist ganz weit weg. Ich muss mich um keine selbst auferlegten Verpflichtungen kümmern. Es ist die totale Entschleunigung, und ein herrliches Gefühl der Ballastlosigkeit stellt sich ein. Kann es Schöneres geben?


Gerade als ich die Havredal Plantage verlasse, kommt mir ein Mann unter einem Poncho und mit einem großen Stock entgegen, zweifellos ein Pilger. Als er auch mich erkennt, strahlt er mich unter seiner Kapuze an und streckt mir die Hand entgegen. Er ist klein, sein Gesicht recht dunkelhäutig und seine Augen blitzen vor Freude. Schnell merke ich, dass ich mit Englisch bei ihm nicht ankomme, mit Deutsch erst recht nicht. Er fragt nach Französisch oder Spanisch - Fehlanzeige. Aber mit Händen und Füßen und von jeder Sprache etwas erfahren wir vom andern doch, was wir wissen wollen. Er heißt Jorge, ist Portugiese, hat an der Nordspitze Dänemarks seinen Pilgerweg begonnen und will monatelang weiter. Zunächst einmal auf all den Wegen, die ich schon hinter mir habe: den Heerweg bis zur deutschen Grenze, auf deutschen Jakobswegen über Hamburg, Bremen, Münster, Dortmund, Köln bis Trier. Dann nach Frankreich hinein, über Metz und Cluny bis Le Puy und weiter die Via Podiensis entlang bis nach Jean-Paul-Pied-de-Port an die Pyrenäen. Von dort will er über Irun in Spanien den Camino del Norte bis Santiago nehmen und von da auch noch bis nach Lissabon nach Hause laufen. Meiner Schätzung nach sind das ca. 5000 Kilometer. Ich treffe ihn also am Anfang einer langen Pilgerreise. Ich hoffe nur, dass er richtig dafür ausgerüstet ist. Gegen Regen ist er es jedenfalls nicht. Was ich da vorhin als Poncho benannt habe, ist nichts weiteres als eine dünne, durchsichtige Plastikhaut, die auf seinem Anorak klebt, und dieser ist offensichtlich klitschnass. Die Kapuze erfüllt ihren Zweck offenbar auch nicht, denn das Wasser läuft ihm an den Haaren und an der Stirn hinunter und tropft in seinen Kragen. An seinen klappernden Zähnen erkenne ich sehr schnell, dass er erbärmlich friert. Da nützt das südländische Blut auch sehr wenig. Au Mann, ich möchte Jorge in dieser Aufmachung nicht bei Regen und Wind auf dem Elbdeich sehen... ! Da kommt mir eine Idee! Dieter hatte vergessen, seinen Schirm, den ich immer brav mit meinem Wheelie transportiert habe, wieder mit nach Hause zu nehmen. In einer E:mail bedauerte er das nicht sonderlich und empfahl mir, ihn irgendwo zu entsorgen, da er ja sowieso nicht mehr in Ordnung sei. Wie ich nun mal so bin, konnte ich ihn aber nicht einfach so wegschmeißen. Vielleicht geht meiner ja bei irgendeinem Sturm richtig kaputt und dann habe ich einen zur Reserve, dachte ich mir. Vielleicht ist das für Jorge (zumindest vorübergehend) die Lösung eines "kleinen" Problems. Ich biete ihm den Schirm an. Er nimmt ihn begeistert und bedankt sich überschwänglich. Als ich mich nach unserem Abschied nochmal umdrehe und ihn so im Regen davonmarschieren sehe, habe ich irgendwie ein gutes Gefühl.


Keine Viertelstunde später hört der Regen auf. Das nächste Dorf ist unscheinbar - und doch etwas Besonderes. Genau hier, wo heute das Dorf steht, stießen die mächtigen Gletscherzungen aus Norwegen und der Ostsee in der letzten Eiszeit zusammen. Aus einem gewaltigen Gletschertor am südwestlichen Ende des heutigen Hald-Sees ergossen sich Kaskaden von Schmelzwasser, Kies und Sand über die Heideebene im Westen. So entstand eine markante Landschaftsgrenze. Gegen Osten erhebt sich heute eine hügelige Moräne, und im Westen breitet sich die flache Schmelzwasserebene aus, durch die ich die letzten beiden Tage gegangen bin. Fast schlagartig stehe ich in einer anderen Landschaft. Soeben war ich noch in einer landwirtschaftlich geprägten Ebene und auf einmal stehe ich - ohne groß aufgestiegen zu sein - auf der mächtigen, von knorrigen Eichen, Wacholder und Heide bewachsenen Moräne Dollerup Bakken und schaue über Hänge und tiefe Schluchten hinunter auf den Hald-See, den ersten Teil einer langen ehemaligen Schmelzwasser-Abflussrinne, die sich von hier bis an die Ostsee bei Hobro erstreckt. Eine Landschaft ändert sich total innerhalb weniger Meter. Ich bin beeindruckt.


Bei meiner nächsten Unterkunft, der Herberge bei dem großen Gutshof Hald Hovedgard, gibt es eine ehemalige Scheune, in der die historischen Veränderungen der Landschaft, ihre Flora und Fauna sehr anschaulich dokumentiert werden. Für eine halbe Stunde gönne ich mir das. Die Herberge ist weniger beeindruckend. Halt so, wie so oft: großer Schlafsaal mit Küchenzeile, ich bin (wiedermal) alleine, es ist - vorsichtig ausgedrückt - nicht warm, aber es gibt heißes Wasser zum Duschen und im Wasserkocher für den Kaffee, es ist sauber und es gibt Decken. Also bitte!




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Kommentare: 1
  • #1

    Der kronprinz (Mittwoch, 17 Mai 2017 18:06)

    Also, ehrlich gesagt bist du, was das nächtliche Röhren angeht, auch ziemlich weit vorne mit dabei... ��