Heerweg in Zeitraffer

Feucht ist es heute Morgen. Es nieselt, als ich die Herberge verlasse, aber es ist draußen wärmer als es drinnen war. Der Betreiber der Herberge, den ich gestern nicht angetroffen hatte, sieht mich an seinem Bürofenster vorbeilaufen, klopft an die Scheibe, grinst und winkt mit seinem Herbergsstempel. Er weiß wohl, dass viele Pilger sich gerne einen Stempelabdruck in ihren Pilgerausweis verpassen lassen und ich muss gestehen, ich bin da keine Ausnahme. Also gehe ich zu ihm rein und rede ein paar Worte mit ihm. Als er mitbekommt, wie lange ich schon unterwegs bin, lädt er mich spontan zu einer Tasse Kaffee ein. Er will mehr erfahren. So wird aus einem Stempel-Abholen ein gemütlicher Plausch, und da der Wissbegierige gebürtiger Schweizer ist, geht das Gespräch auch noch flüssig vonstatten. Erst eine Stunde später als gewollt mache ich mich wirklich auf den Weg. 


Die nördlichste und für mich die letzte Herberge sollte Hald Hovedgard auf dem Heerweg gewesen sein - so hieß es noch Anfang des Jahres bei meinen Planungen. Heute Abend bin ich schlauer. Die kleine Unterhaltung mit dem Herbergsverwalter hatte außer der Begegnung mit einem netten Menschen noch etwas Gutes: Der Nieselregen hat aufgehört, dafür wird es immer wärmer. Als würde jemand Waschküchenluft vor mir her auf den Weg pumpen. Schon nach zwei Kilometern fühle ich mich unter meinem Anorak wie in einem Bratenschlauch. Was ist das denn jetzt auf einmal für ein Wetter? Ich hätte gerne so etwa 12 °C zurück - mit etwas Wind! 


Glücklicherweise hat sich der Streckenverlauf dem angepasst. Da ich nicht im Zickzack auf der Wanderroute ohne besondere Höhepunkte durch eine Plantage laufen möchte, folge ich der Fahrradstrecke, die eine ehemalige Bahntrasse, den Alhedestien, bis nach Viborg hinein nutzt. Ohne Höhenunterschiede wahrzunehmen, schlendere ich also nahezu Viborg entgegen. Die Trasse führt auf einem recht hohen Bahndamm dahin, der mich weit über die Felder und bei einigen Häusern bis ins erste Stockwerk schauen lässt. Nett wird es bei einer Schule, an der ich vorbeikomme. Eine Schülerin sieht mich mit meinem Wheelie auf der Trasse munter drauflosschreiten, lächelt, winkt mir zu und macht ihre ganze Klasse wohl auf mich aufmerksam. Es dauert jedenfalls keine 10 Sekunden und alle Schüler stehen an den Fenstern, klopfen und winken. Oh ohoo, denke ich mir, das gibt Gemecker vom pädagogischen Personal, aber nichts da. Einen Moment später steht eine ältere Lehrerin am Fenster, öffnet dieses, winkt und ruft mir ein "God tur!" zu. Eine nette Geste im Moment, ein großer Moment zur Förderung von guter Laune!


Am Stadteingang von Viborg möchte ich eine Kirche nicht verpassen, die etwas abseits meines Weges liegt. Doch genau da, wo sie auf meiner Karte vermerkt ist, sehe ich sie auch neben mir auftauchen. Ein modernes Gebäude, die Sondermark-Kirche. Hier möchte ich den Heerweg nochmal im Zeitraffer erleben. Wie das gehen soll? Zehn Frauen aus der Region haben vor einiger Zeit fünf Jahre lang an einem 10,5 m langen und 1 m breiten Bilderteppich gestickt, der die wechselvolle Geschichte dieses für Dänemark so geschichtsträchtigen Weges in fortlaufender Landschaft aufzeigt. Als ich dieses Werk in der Kirche suche, finde ich es erstmal nicht. Dafür höre ich wunderbare Klaviermusik aus dem Kirchensaal, wo sich - zu meiner Verblüffung - etwa zehn Muttis mit ihren Babys auf Decken über den Boden bewegen (deshalb die vielen Kinderwagen im Gebäude-Vorraum). In einem Nebenraum sitzen einige ältere Herrschaften beim Kaffee zusammen, während in einer Küche zwei schnatternde und lachende Frauen offenbar weiteren Kaffee nachkochen. Erst um zwei Kurven herum (dieses Haus hat nur Kurven, keine Ecken!) stoße ich in einem Flur auf den Bilderteppich. Und bin platt! 


Mit feinsten Nadelstichen haben damals die Frauen auf dieser Länge von über 10 m die Geschichte des Heerwegs erzählt. Die Geschichte der Pilger auf ihrem Weg zu den heiligen Stätten im Süden, der Könige, die diesen Weg nutzten, um sich in Viborg huldigen zu lassen oder ihr Land fortlaufend zu kontrollieren, der Händler, Kaufleute und Handwerker, die ihre Waren oder ihre Arbeitskraft anboten, der Krieger, die entlang des Weges ihre Schlachten schlugen, der Bettler und Räuber, die den Vorbeiziehenden auflauerten, der Viehtreiber, die ihre Ochsen von den dänischen Wiesen zu den deutschen Märkten bis an die Elbe trieben und mit getauschten Waren wieder zurückkamen, der arbeitenden Menschen entlang des Weges und der Wirte in den Herbergen und Schänken, die die meisten von diesen allen aufnahmen und bewirteten. Wieviele Geschichten habe ich von ihnen allen gehört und gelesen und hier bekomme ich sie auf diese Weise nochmal vor Augen geführt. Unterhalb der fortlaufenden Landschaft im oberen Teil gehört zu diesem Kunstwerk auch die Darstellung von markanten Wegpunkten in aufgereihten Einzeldarstellungen: die alten Brücken, Wegsteine, Runensteine, Kirchen, Kros, Landschaftsausschnitte. Fast alles davon habe ich gesehen und erinnere mich. Erst jetzt, bei dieser "Zusammenfassung", wird mir klar, welchen besonderen Weg ich in den letzten Tagen gegangen bin. Ein würdiger Abschluss!


Doch was heißt "Abschluss"? Zunächst einmal ist ganz offiziell der Weg erst an der Kathedrale von Viborg für mich zu Ende, dort wo viele Pilger des Mittelalters ihren langen Weg nach Santiago de Compostella oder Rom begannen. Auch die ersten Viehtreiber machten sich erst ab hier mit ihren Ochsen auf den Weg in die Elbmarschen. Und doch - Pilger kamen auch aus dem noch höheren Norden, legten nach ihrer Überfahrt von Norwegen oder Schweden im heutigen Hirtshals oder Frederikshavn an, um weiterzuziehen. Händler hörten nicht bei einer Stadt auf, Handel zu treiben und Könige konnten es sich gar nicht leisten, nur einen Teil ihres Landes zu kontrollieren. Dem hat man Rechnung getragen und einen Weg weiter nach Norden als "Heerweg" markiert, eben bis Hirtshals oder Frederikshavn, auch um die "Pilger-Lücke" bis Oslo zu schließen, wo der seit einigen Jahren "wiederentdeckte" Olavsweg beginnt. 


Und das ist auch der Grund, warum die Pilgerherberge Hald Hovedgard nicht mehr die nördlichste auf dem Heerweg ist. Davon erfahre ich drei Meter vom Bilderteppich in der Sondermark-Kirche entfernt. In einer Ablage liegt ein kleines Faltblatt. Inhalt: die neuen Pilgerherbergen des Heerweges zwischen Viborg und Hirtshals bzw. Frederikshavn für die neue Pilgersaison Juni - August 2017. Bei meinen Planungen Anfang des Jahres gab es diese eigentlich sehr interessante Neuigkeit noch nicht. Schade - oder nicht schade? Schade, weil ich richtig Geld gespart hätte. Hinter Viborg bezahle ich wieder B&B- und Hostel-Preise, die hier in Dänemark auch nicht so ohne sind. Nicht schade, weil ich in den letzten Nächten genug gefroren habe, da ist ja gegen ein wenig Kuscheligkeit auch nichts einzuwenden... Hape Kerkeling hat - als er dann mal weg war - in Spanien auch schon mal in Paradors übernachtet. Jaaaa..., ich bin nicht Hape Kerkeling...!


Die alte Bahntrasse Alhedestien bringt mich nun schnell - wie sollte es auch anders sein - zum Bahnhof von Viborg, wo mein Bummel durch Viborg, einer der ältesten Städte Dänemarks, beginnt. Der älteste Teil des Ortsnamens "Vi" ist das altdänische Wort für Heiligtum und weist darauf hin, dass Viborg schon in vorgeschichtlicher Zeit ein heiliger Berg war. Der neue Christenglauben bemächtigte sich des Ortes, er wurde 1060 Bischofssitz und war in den folgenden Jahrhunderten das Zentrum der kirchlichen Macht. Neben dem Dom entstanden 12 Gemeindekirchen und 4 Klöster. Dann wurde Viborg Ausgangspunkt der Reformation in Dänemark - mit erheblichen Konsequenzen für die kirchlichen Einrichtungen der Stadt. Bürger rissen alle Gemeindekirchen ab, die Klöster wurden geschleift, und Mönche und Nonnen mussten mehr oder weniger freiwillig die Stadt verlassen. Viborg war gleichzeitig die Hauptstadt Jütlands und während des Mittelalters ein Machtzentrum mit Sitz des Landthings für Jütland und Schauplatz der Königshuldigungen sämtlicher dänischer Könige von 1027-1665.


Auf meinem Weg vom Bahnhof durch die Stadt komme ich in der Fußgängerzone aber erstmal dort vorbei, wo die heutigen Dänen zu allererst dem König Konsum huldigen. Warm ist es jetzt hier zwischen den Häusern, aber nicht nur warm, sondern irgendwie unerwartet schwül. Nicht nur ich schwitze elend vor mich hin. Ich sehe auch viele andere Menschen, die nach den letzten kühlen Tagen heute Morgen noch nicht den richtigen Griff in den Kleiderschrank getan haben, um sich für die Shopping-Tour angemessen zu kleiden. Viele, die aus den Läden und Boutiquen mit den Klimaanlagen wieder herauseilen, erleben wohl binnen zwanzig Sekunden etwas, was man Schweißdrüseninkontinenz nennen könnte. Ich glaube, es ist so warm und feucht, dass selbst die Schaufensterpuppen in den Schaufenstern Viborgs Schwitzflecken unter den Armen bekommen.


Am besten entgehe ich dieser Schwüle in einer Kirche, und da ist die Domkirche genau die richtige Adresse. Jenseits der Einkaufsstraßen, im mittelalterlichen Altstadtbereich, erhebt sich der Dom mit seinen beiden Türmen als Wahrzeichen über die Skyline der Stadt. Dies war schon so für die Reisenden auf dem Heerweg früherer Zeiten. Der Grundstein für den Granitdom wurde bereits um 1130 gelegt. Von der ersten Kirche ist heute aber nur noch die Krypta erhalten. Sie ist gleichzeitig Dänemarks ältester romanischer Raum, wo früher viele Kranke an einem Brunnen Heilung suchten. Mehrere Brände haben im Laufe der Jahre die Kirche verwüstet, das letzte Mal 1726. Aufgrund einer sehr schlechten Renovierung nach dem letzten Brand - Pfusch am Bau also - wurde der Dom komplett niedergerissen und in den Jahren 1863-1876 in seiner ursprünglichen romanischen Bauweise wiedererbaut. Nur die Krypta konnte bewahrt werden. Ungewohnt in der Ausgestaltung sind die Kalkmalereien, die alle Wände einnehmen und einer Bilderbibel gleichkommen. Sämtliche Propheten und alle entscheidenden Geschichten des Alten und des Neuen Testaments von Adam und Eva bis zur Himmelfahrt Christi, alles ist großflächig vertreten. Dass es außerdem beim Andenkenstand - oder soll ich es protestantischen Devotionalienhandel nennen? - auch noch einen Pilgerstempel gibt, ist klar.


Die schönste Begegnung heute habe ich nebenan - im Dom-Café. Auf ehrenamtlicher Basis ist es wohl organisiert, zwei nette, ältere Damen stehen an der Minitheke und freuen sich offenbar riesig, dass ich eintrete. Nur noch ein weiterer Tisch ist von zwei Frauen besetzt, die sich angeregt unterhalten. Das Angebot ist bescheiden. Außer Eis am Stiel, Kaffee, Tee und Keksen gibt es - Mini-Frikadellen mit Kartoffelsalat. Ja, dat isset doch! Nachdem Kaffee, Frikadellen und Kartoffelsalat vor mir stehen, gibt es für das Bedienungspersonal kein Halten mehr. Beide setzen sich zu mir an den Tisch und fragen mir Löcher in den Bauch. Dies gestaltet sich sehr lustig, aber auch etwas langatmig, da nur eine von ihnen des Englischen mächtig ist und daher immer hin und zurück übersetzen muss. Zwei Mal wird mir Kaffee nachgeschüttet und erst als fünf neue Gäste auf einmal hereinkommen, fühlen sie sich gezwungen, sich um diese zu kümmern. Doch eins lassen sie sich nicht nehmen: 50 Kronen landen in meiner Michelle-Kasse!


Durch enge mittelalterliche Gassen verlasse ich die Altstadt von Viborg und mache mich auf den Weg zur etwas außerhalb gelegenen Jugendherberge. Am Sonder See entlanggehend - und wieder schwitzend - erfreue ich mich nochmal eines schönen Blickes auf die Häuser von Viborg mit seinem erhabenen Dom und habe nach einer halben Stunde die Herberge erreicht. Doch diesmal kein kalter Schlafsaal, kein Massenwaschraum mit Kabinentoiletten, keine blanken Matratzen mit der Suche nach Decken, sondern ein warmes Doppelzimmer zur Einzelbelegung mit Bad en suite!




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